Bauen ist mehr als erweiterte Lifestylepflege

In einem neuen Buch äussern sich die wichtigsten Architekten der Schweiz über ihre Arbeit zwischen Kunst und Sachzwängen.

Moderner Durchblick auf die Alpen: Ferienhaus Rigi Scheidegg von Andreas Fuhrimann und Gabrielle Hächler.

Moderner Durchblick auf die Alpen: Ferienhaus Rigi Scheidegg von Andreas Fuhrimann und Gabrielle Hächler. Bild: Valentin Jeck/Keystone

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Schweizer Architektur hat seit Jahrzehnten international einen ausgezeichneten Ruf. Doch wie beurteilen das die hiesigen Architekten? Und wie sehen sie sich selber? Valerio Olgiati etwa, Sohn des berühmten Bündner Architekten Rudolf Olgiati, wählt für die Situation in der Deutschschweiz und speziell in Zürich drastische Worte: «Wenn ich es mit der Literatur vergleiche, dann schreiben Architekten hier Menüs für Restaurants. Dabei sollten sie doch eigentlich Werke mit einer Story schreiben. Sie sollten ­etwas zur Diskussion stellen – und das tut eine Menükarte nicht.»

Olgiati, für seine radikalen, skulpturalen Bauten bekannt, ist einer von 30 Architekten, die im Buch «Architekturdialoge» nach ihren Überzeugungen, Motiven und Sehnsüchten befragt werden. Neun Interviewer – allesamt mit der Materie gut vertraut – lassen etablierte und jüngere Architektinnen und Architekten im Gespräch ausführlich zu Wort kommen. Selbstverständlich sind Herzog & de Meuron dabei, ebenso Roger Diener, Peter Zumthor und Gigon/Guyer, aber auch Luigi Snozzi, Gion A. Caminada, Christ und Gantenbein oder Fuhrimann/Hächler, um einige zu nennen. Angestossen wurden diese Dialoge an der ETH, um vorherrschenden Trends innerhalb der zeitgenössischen Architekturpraxis nachzugehen. Nun ist ein dickes und lesenswertes Buch daraus geworden, das Gedanken im Gespräch anschaulich macht.

Spitzen gegen Zürich

Herausgeber Marc Angélil, selber Architekt und von 2009 bis 2011 Leiter des Departements Architektur an der ETH Zürich, erklärt im Vorwort, worum es im Speziellen ging: «Im Zentrum der Recherche standen nicht Fragen nach dem Stil, sondern nach den Bezügen zwischen Denken und Tun.» Erkennbar sollte also auch das werden, was sich zwischen hehre Absicht und architektonisches Ergebnis drängt: Sachzwänge, aber auch die eigenen Ansprüche und das persönliche Temperament.

Valerio Olgiati beispielsweise führte von 1996 bis 2008 ein eigenes Büro in Zürich. Vor drei Jahren hat er es nach Flims verlegt, «aufs Land» gewissermassen, denn in Zürich gehe es ja nur mehr um die Justierung des Bestehenden, so seine Meinung. Provozieren könne man in Zürich niemanden mehr. Und gerade das möchte Olgiati offenbar: «An einem solchen Ort kann man all das machen, was zur erweiterten Lifestylepflege gehört – nur nicht Kunst. Das ist auf dem Land anders», sagt er im Gespräch mit J. Christoph Bürkle, Redaktionsleiter der Zeitschrift «Archithese».

«Die Schweizer Szene ist bequem»

Weniger verdrossen sieht das Jacques Herzog. Die Schweiz bringe dank vieler Wettbewerbe, gerechter Jurys und breit gestreuter Aufträge viele gute Architekten hervor, sagt Herzog. Doch die Jungen, die hier relativ rasch zum Zuge kämen, müssten lernen, ihre Qualitäten im internationalen Vergleich auszuspielen und sich nicht mit der Schweizer Szene zufriedenzugeben, weil es hier so bequem sei: «Sie bringt zwar gute Leute hervor, ist aber insgesamt unglaublich hermetisch und kommt besserwisserisch rüber» – so Herzogs Befund. Der Konsens über gute Architektur sei allerorten sichtbar: «Immer gleiche Volumina, die Fenster, die grossen Formate, die Materialien. Es gibt kaum etwas wirklich Schlechtes und noch seltener etwas, das diese Uniformität wenigstens infrage stellt.»

Das liest sich wie Wehklagen auf hohem Niveau. Denn die Architekten räumen unisono ein, dass in der Schweiz bessere Zustände herrschen als in anderen Ländern, wo der Druck von Managern, Bauträgern und Investoren, die im Namen der Effizienz kurzfristige Ziele verfolgen, ungleich grösser ist.

Gegen die vertrauten Muster

Das Buch ist einerseits eine interessante Selbsteinschätzung des Schweizer Architekturschaffens, aber es gibt auch Einblick in die Denkmuster der einzelnen Architekten. Während ein Olgiati am liebsten bauen würde, was noch nicht erfunden ist, und sich an nichts anlehnt, ist es Gion A. Caminada aus dem bündnerischen Vrin am wohlsten, wenn er im kulturellen und örtlichen Kontext weiterbauen kann. Herzog & de Meuron wiederum bemühen sich stets darum, gegen die eigenen vertrauten Muster zu arbeiten und neue Perspektiven zu finden. Interessant ist auch, was in Nebensätzen steht. Wenn Herzog & de Meuron etwa von Haefeli Moser Steiger, den viel gerühmten Architekten des Zürcher Kongresshauses sagen, sie seien «bourgeois» und einer gefälligen, dekorativen Architektur zugeneigt gewesen.

Die Interviews werden begleitet von kleinformatigen, informativen Bildern, die Skizzen und Pläne, Modelle und Bauten zeigen. Emotional anrührend und vielsagend sind die Selbstdarstellungen der Architekten in Bildern von Christian Aeberhard, die den Interviews vorangestellt sind. Luigi Snozzi, (79), Grandseigneur der Architektur, der seit 30 Jahren sein Büro in Locarno hat, aber noch nie einen Auftrag von der Stadt erhielt, sitzt zum Beispiel mit Schiffermütze an der Pinne eines kleinen Bootes. Das passt, denn er meint von sich: «Eigentlich liegen meine Wurzeln im Lago Maggiore, nicht in Locarno. Ich bin Fischer. Nur darum bin ich immer dageblieben.» Roger Diener steht mit einer Marronitüte im Regen, Gion A. Caminada plaudert mit dem Metzger, und Valerio Olgiati schaut auf das Display einer Tanksäule, während sein weisser Ferrari Benzin schluckt.

Marc Angélil, Jørg Himmelreich (Hrsg.): Architekturdialoge. Niggli-Verlag, Sulgen 2011. 628 S., ca. 78 Fr.

Erstellt: 09.01.2012, 07:47 Uhr

«Die Schweizer Szene ist unglaublich hermetisch»: Jacques Herzog.

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