Bauhaus ohne Freiheit geht gar nicht

Heute ist das vor 100 Jahren begründete und zeitweilig verpönte Bauhaus wieder in. Architekturprofessor Philip Ursprung schaut mit gespaltenen Gefühlen auf den Trend.

Bauhaus-Perlen in der Schweiz: Das Schwimmbad Allenmoos in Unterstrass wurde zur Landesausstellung 1939 eröffnet. Foto: TA-Bildarchiv

Bauhaus-Perlen in der Schweiz: Das Schwimmbad Allenmoos in Unterstrass wurde zur Landesausstellung 1939 eröffnet. Foto: TA-Bildarchiv

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Mitte der 1990er-Jahre führte ich ein Interview mit Peter Fischli und David Weiss. Ich wollte herausfinden, wie sie zu der humorvollen, spielerischen Haltung gelangt waren, die ihre Kunst ab den 1980er-Jahren so unverwechselbar machte. Ihre Fotografien, Filme, Zeichnungen und Skulpturen unterliefen sowohl das Pathos der grossformatigen Malerei wie auch die Verkrampftheit der späten Konzeptkunst. Sie brachen aus dem Korsett einer auf sich selbst bezogenen Kunst aus und öffneten sie einem breiten Publikum.

Sie erzählten, dass ein Aufenthalt in Kalifornien, wo sie den Film «Der geringste Widerstand» (1981) drehten, sie künstlerisch befreite. Die Begegnung mit der amerikanischen, besonders der kalifornischen, Kunstwelt hätte ihnen ermöglicht, sich von den europäischen Fesseln zu lösen. Noch immer geht mir nicht aus dem Kopf, was David Weiss als Grund für diese künstlerische Freiheit bezeichnete: «Die hatten halt kein Bauhaus!»

Weimar, Dessau, Berlin

Das Bauhaus als Symbol der künstlerischen Unfreiheit? Ich hatte im Studium gelernt, dass das Bauhaus der eigentliche Hort künstlerischer Freiheit sei. Es stand exemplarisch für den Widerstand, den die Kunst gegenüber der Politik zumindest vorübergehend leisten konnte. 1919 verschmolz in der Residenzstadt Weimar die Grossherzoglich-Sächsische Kunstschule Weimar mit der Grossherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar zum Staatlichen Bauhaus in Weimar. 1925 musste die Leitung dem politischen Druck von rechts nachgeben und die Schule in der nahen Industriestadt Dessau neu gründen, wo sie 1926 ein extra dafür errichtetes Gebäude bezog. In Dessau blühte das Bauhaus rasch zu einer weit ausstrahlenden Institution auf. Den Versuch, das Bauhaus in Berlin als private Schule weiterzuführen, endete, nachdem die Nationalsozialisten das Haus 1933 schlossen.

Das Suva-Haus in Bern. (Bild: Beat Mathys)

Wie ein Who’s Who der modernen Kunstgeschichte lesen sich die Namen der Bauhaus-Lehrer. Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger, Marianne Brandt, Oskar Schlemmer, Marguerite Friedlaender, Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Lilly Reich und viele andere unterrichteten dort. Sie sind aus der Geschichte der Kunst, des Designs, des Kunstgewerbes, des Typografie, der Fotografie, des Theaters und der Architektur nicht wegzudenken.

Natürlich waren wir als Studierende in den 1980er-Jahren auch skeptisch gegenüber dem maskulinem Geniekult, den Gründungsmythen, den Erzählungen des heroischen Durchsetzungsvermögens. Die Geschichte des Bauhauses handelte von Autorschaft, der Garantie von Wertkontinuität und Wertsteigerung. Wie das Museum of Modern Art in New York fungierte es als ideelle Zentralbank des modernistischen Wertesystems. Ein Freischwinger des Bauhauses war der Goldstandard des Mobiliars, klassisch und mehrheitsfähig. Die Geschichte des Bauhauses folgte somit genau dem Muster der Meisterzählungen, die in der Theorie damals dekonstruiert wurden.

Weltkulturerbe seit 1996

Auch die Vorlesungen über die Bauhausdidaktik, die Farbenlehre und die vielen Diagramme hatten mich nicht begeistert. Ich zweifelte, ob eine zentral organisierte Didaktik wirklich die beste Ausbildung ergeben würde. Die Nachfolgeschule in Ulm, die von Max Bill mitgegründete Hochschule für Gestaltung, lebte nur kurz. Und ich konnte selber mitverfolgen, wie im legendären «Vorkurs» der Zürcher Kunstgewerbeschule sowie dem «Ersten Jahreskurs» an der Architekturabteilung der ETH die Vitalität der 1920er-Jahren nur Norm erstarrt war.

Aber das Bauhaus erlebte zur Zeit meines Interviews mit Peter Fischli und David Weiss ein Comeback. Die Berliner Mauer war weg, Ostdeutschland wieder zugänglich. Die frisch renovierten Bauhaus-Gebäude in Dessau wurden 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe erkoren. Nachdem die zu DDR-Zeiten verstaubte «Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar» im selben Jahr zu «Bauhaus-Universität Weimar» umgetauft wurde, verwandelte sie sich über Nacht zu einem Magneten für Studierende aus aller Welt.

Die trockene Bemerkung von Weiss erinnerte mich daran, dass das Bauhaus nicht immer bejubelt wurde. In den 1970er-Jahren war es für manche ein rotes Tuch. Der amerikanische Künstler Gordon Matta-Clark, berühmt durch seine Einschnitte in Gebäude, sprach für viele, als er Mitte der 1970er-Jahre die Berliner Mauer ironisch als «Erneuerung der Bauhaus-Vision der Vorkriegszeit» bezeichnete. Die «deutsche Design-Maschine» habe, so meinte er, Amerika und die Welt erobert, um am Ende nach Berlin in Gestalt der Mauer zurückzukehren, eine «geschmackvolle Mischung von Bankgebäude, Gefängnismauer und reiner Kunst.»

Das Museum für Gestaltung in Zürich. Foto: Keystone

Für ihn war der Purismus und die Radikalität des Bauhauses problematisch. Denn die Idee, dass das Leben mittels Design verändert werden konnte und dass es Menschen gab, die genau zu wissen glaubten, was für andere gut war, zeugte auch von Machtanspruch und Rücksichtslosigkeit. So schrieb er ironisch: «Wo New York es nicht einmal fertigbringt, eine Strasse innerhalb eines Jahres zu pflastern, haben die Geister, die die Mauer ersonnen haben, eine 100 Meter breite und 100 Kilometer lange Schneise durch dicht bewohntes Gebiet geschlagen.»

Bauhaus-Bashing lag damals in der Luft. Der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe landete mit seinem Buch «From Bauhaus to Our House» 1981 einen Bestseller. Der Autor verortet im Bauhaus die Wurzeln des «International Style» und damit der weltweiten Homogenisierung der gebauten Umwelt. Es stand am Beginn der späteren Monotonie der Vororte, der gläsernen Bürotürme und der aseptischen Interieurs. Er schildert den Kontext des Bauhauses als das vom Ersten Weltkrieg ruinierte Europa, aus dessen Ruinen die «weissen Götter» des Bauhauses sich umso strahlender abhoben. Ihre Bauherren sind, so Wolfe, die Arbeiter. Aber weil diese noch nicht mündig seien, sehen sich die Architekten, Künstler und Intellektuellen dazu berufen, ihr Leben zu organisieren und sie von «hohen Decken und breiten Fluren zu befreien.»

Auf der Flucht vor den Nazis kommen die Bauhäusler in die USA, wo sie kultisch verehrt werden. Innerhalb von kürzester Zeit verändern sie die amerikanische Architekturausbildung. Vor allem Mies prägte laut Wolfe den Lebensstil der jungen Amerikaner. Die ideale Wohnung ist eine Box mit kargster Einrichtung, nackten Glühbirnen, Sisalteppich und dem «Schrein». Es ist der chromblitzenden, lederbezogenen Fetisch für modernes Design schlechthin, den sich die jungen Menschen vom Mund absparen: den Barcelona Chair.

Unmenschliche Seite

«From Bauhaus to Our House» legt den Finger auf das problematische Erbe des Bauhauses. Es handelt von der Beengung der Fantasie durch eine dogmatische Pädagogik, von der Kontrolle durch den guten Geschmack. Es erinnert daran, dass die Verehrung des Neuen oft auf Kosten des Alten ging und dass die Lehre vom Purismus auch eine Reinigung vom vermeintlich Ungesunden beinhaltet. Es demonstriert, dass der Funktionalismus über alles hinweggeht, was sich dem Fortschritt in den Weg stellt. Es zeigt, wenn man so will, die unmenschliche Seite von Design.

Wolfes Buch ist bis heute ein Genuss zu lesen. Es strotzt vor Ironie und polemischer Übertreibung. Es verdient Gehör gerade angesichts der völligen Humorlosigkeit, mit der das Projekt «100 Jahre Bauhaus» getragen von den Bauhaus-Institutionen, dem Bund, den Ländern und den Kommunen des Bauhaus derzeit endgültig kanonisiert wird. In einem Reigen von Ausstellungen, Tagungen und Reisen in Berlin, Weimar, Dessau und anderen Orten findet unter dem Motto «Die Welt neu denken» eine einjährige Jubelfeier statt. Aber wird dies dem Erbe des Bauhauses gerecht?

Keine kritische Revision

Was in den Feierlichkeiten zu kurz kommt, ist einerseits der Blick auf die inneren Widersprüche des Bauhauses, anderseits eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Bauhauses, also damit, wie die Ideen im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts interpretiert und transformiert wurden. Das Bauhaus wird dargestellt als historisch abgeschlossener Fall. Dabei könnte gerade eine Diskussion über das Nachleben des Bauhauses dazu beitragen, dieses am Leben zu halten. Die unterschiedliche Wahrnehmung im Lauf der Geschichte beweist ja, dass es «das» Bauhaus gar nicht gibt. Es ist vielmehr zur Projektionsfläche von Hoffnungen ebenso wie Verteufelungen geworden. Aus der Perspektive der USA in den 1970er-Jahren war die Moderne – und damit das Bauhaus – ein Erbe, das schwer auf der Gegenwart lastete. Aus der Perspektive der heutigen deutschen Kulturpolitik ist das Bauhaus das tragisch unterbrochenes Projekt der Moderne. Als solches ist es über jede Kritik erhaben. Das Bauhaus zu kritisieren heisst, am Wert der kulturellen Autonomie an sich zu zweifeln. Anstatt es zu historisieren – also der kritischen Revision zu unterziehen –, wird es monumentalisiert.

Was wäre, wenn das Bauhaus 1933 nicht aufgelöst worden wäre, sondern sich wie die meisten Hochschulen in Deutschland mit dem nationalsozialistischen Regime arrangiert hätte und bis heute existieren würde? Hätte es sich durch die Anpassungen an den politischen Druck erschöpft, wie so manche Akademien? Wäre es zum Mittelmass herabgesunken, gelähmt vom eigenen Erbe, wie die vom Bauhäusler Ludwig Mies van der Rohe gebaute Architekturschule des Illinois Institute of Technology in Chicago? Oder wäre es im Gegenteil die heute weltweit führende Hochschule für visuelle Kultur, ein Magnet für Talente und der Ort, wo die Synthese von Kunst, Architektur und Hochtechnologie gelingt?

Gerade die kurze Lebensdauer hat ihm ewige Jugend verliehen. Interessanter, als das Bauhaus zu heroisieren, ist es, seine inneren Widersprüche fruchtbar zu machen. Ob zum Beispiel das Bauhaus «politisch» war oder nicht, wie an einer Berliner Tagung unlängst diskutiert wurde, war ja gerade der Gegenstand fortwährender interner Auseinandersetzungen im Bauhaus gewesen, der Stoff nicht endender Konflikte innerhalb der Leitung. Auch die Frage, ob es eher zum Handwerk oder zur industriellen Fertigung neigte, ist nie gelöst worden und darum bis heute relevant. Und schliesslich konnte es nie klären, ob es eine exklusive, elitäre Schule sein wollte oder im Gegenteil eine, die für alle Menschen offenstand.

Genossenschaftliches Kinderheim in Mümliswil. Foto: Keystone

Die Monumentalisierung des Bauhauses ist Teil der heutigen ahistorischen Haltung und des Trends, mit Geschichte selektiv umzugehen. Während die Gesellschaft einige wenige Gebäude in Dessau als Denkmale schützt, ist sie blind gegenüber der Zerstörung der Bauten des Sozialismus, des Brutalismus und der Postmoderne. In Frankfurt musste die Nachkriegsbebauung der Replik einer längst verschwundenen mittelalterlichen Altstadt weichen. In Potsdam und Dresden wird das Erbe der DDR-Architektur zertrümmert, um den Kulissen barocker Pracht zu weichen. In Berlin wurde der Palast der Republik abgerissen, um einer Replik des Hohenzollernschlosses Platz zu machen.

Wenn wir dem Erbe des Bauhauses gerecht werden wollen, dann sollten wir es in seiner Widersprüchlichkeit ernst nehmen und seine wechselvolle Geschichte, auch diejenige nach der Schliessung, in die Diskussion einbeziehen. Vom Bauhaus können wir lernen, dass Design sich nicht auf das Schaffen von Endprodukten oder das Lösen von Problemen reduzieren lässt, sondern ein Prozess ist, ein fortwährendes Verhandeln von Möglichkeiten. Es ist der exemplarische Fall einer Schule, die sich kritisch mit sich selber auseinandersetzt und Lehrende und Studierende fortwährend darum ringen, wie eine Schule funktionieren kann. Es ist kein Ort jenseits der Praxis, keine Simulation von Wirklichkeit, sondern einer ihrer Motoren. Es hält unserer Zeit den Spiegel vor. Es erinnert uns daran, wie kostbar und verwundbar akademische Freiheit ist und dass wir diese nutzen sollten, damit sie nicht zur Norm erstarrt.

Bildstrecke: Bauhaus-Architektur in der Schweiz

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.04.2019, 17:59 Uhr

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