«Berlin kommt mir vor wie die Schweiz»

Die Baslerin Regula Lüscher prägt das Gesicht der deutschen Hauptstadt. Berlins Baumeisterin über den Umgang mit Brüchen und Brachen – und weshalb Zürich keine grosse Architektur braucht.

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Frau Lüscher, zeigen Sie mir Berlin!
Hm (denkt nach).

Wo zieht es die Städteplanerin hin?
Beginnen wir mit dem Fernsehturm beim Alexanderplatz, nicht nur, weil er mit seinen 365 Metern bis heute das höchste Gebäude und ein Wahrzeichen Berlins ist. Das ganze Areal bis über die Spree steht zwanzig Jahre nach dem Mauerfall auch für den Umbruch dieser Stadt. Wo finden wir heute mitten in einer Metropole noch eine grosse grüne Wiese, wo wir die Zukunft neu gestalten können – in der Nähe des Berliner Doms und der Museumsinsel?

Ihre städtebaulichen Visionen für die Fläche sind radikal. Man wirft der Schweizerin Nazi-Visionen vor.
Ich liess fünf ziemlich zugespitzte Bilder erarbeiten, um eine Debatte über dieses historische Gebiet zwischen Alexanderplatz und Humboldt-Schloss zu eröffnen. Im Zentrum steht die Frage, wie wir den öffentlichen Raum als wichtiges Merkmal der europäischen Stadt nutzen wollen.

Und da wünschen Sie sich eine Weite, eine grosszügige Neugestaltung?
Berlins Grösse und Weite sind für mich als Schweizer Städteplanerin natürlich Luxus. Der öffentlichttps://cd.newsnetz.ch/editor/bbeditor/images/bold.gifhe Raum spielt in der Geschichte der Stadtentwicklung aber generell eine wichtige Rolle. In der Antike war die Agora Markt, politischer Versammlungsplatz und kulturelles Zentrum. Oft war sie von Tempelbauten umgeben, also auch ein religiöser Treffpunkt. Im Zeitalter von virtueller Kommunikation und Internet ist dieses Bedürfnis der Menschen nach physischer Nähe und Austausch nicht kleiner geworden, sondern vielfältiger. Der öffentliche Raum muss heute die gesamte Pluralität der Gesellschaft aushalten: An einem Tag empfängt der Regierende auf einem Platz eine politische Delegation, am nächsten feiert ein Fussballklub da seinen Sieg und kurz darauf eine türkische Familie eine Hochzeit. Dann startet dort der Berlin-Marathon, und immer wieder gibt es auch ganz normale Tage, an denen man entspannt ein Buch liest oder sich im Bikini auf die Wiese legt.

Wie schwierig ist es, in einer armen Stadt wie Berlin den öffentlichen Raum als solchen zu erhalten?
Das ist eine gewaltige Herausforderung, vor allem, weil der öffentliche Raum unterhalten werden muss, und das kostet Geld, was Berlin nicht hat. Wir haben aber sehr viel Raum. Hier können wir für gute Ideen – anders als in Zürich – zehn Spitzenstandorte anbieten. Womit jeder der zwölf Berliner Bezirke um jede Nutzung, jeden Investor buhlt. Der Konkurrenzkampf ist gross. Kompromisse bei der Qualität sind die Gefahr. Gegensteuer zu geben, ist eine meiner Aufgaben.

Je knapper das Geld, desto grösser die Gefahr, den öffentlichen Raum zu verhökern?
Und seien die Mittel auch noch so knapp – das Gemeinwesen hat eine Verantwortung. Wir müssen dieser pluralistischen Gesellschaft einen Rahmen geben. Der öffentliche Raum darf nicht einfach privatisiert und kommerzialisiert werden.

Gehen wir zum legendären Flughafen Tempelhof, wo man ab sofort mit Inlineskates über die ehemaligen Landebahnen flitzen kann...
...da hätte ich Sie auf unserer Tour durch Berlin auch noch hingeführt. Damit Sie sich vorstellen können, was es bedeutet, eine so grosse Brache, ein so grosses Entwicklungsgebiet mitten in Deutschlands Hauptstadt zu haben.

Und was bedeutet es für Sie?
Wir planen für das Tempelhofer Feld einen riesigen Park des 21. Jahrhunderts – fast so gross wie der Berliner Tiergarten. Dafür stehen insgesamt 60 Millionen Euro zur Verfügung, 25 Euro pro Quadratmeter. Noch keine einzige Fläche ist in Berlin für so wenig Geld gestaltet worden. Dennoch soll der geschichtsträchtige Ort zu einer Attraktion und einem Vorteil im Wettbewerb mit anderen Grossstädten werden.

Wie soll das gelingen?
Da ist einerseits das Gebäude, das eine architektonische Ikone ist. Dadurch ist das Areal bereits weltweit eine Marke. Anderseits ist da das grosse Feld mit dem Taxiway und den Landebahnen, die auch in der Parklandschaft bestehen und mit neuem Belag zu Skater- oder Fahrradbahnen aufgewertet werden sollen. Wichtig ist mir, dass das Historische erhalten bleibt, die Spuren also nicht verwischt werden.

Ist das der Weg, um mit Berlins Geschichte umzugehen? Mit so vielen Brüchen und Brachen?
Mein Vorgänger wollte Berlin nach der Wende möglichst rasch wieder verbinden. Die Schneise, welche die Mauer durch die Stadt gerissen hatte, sollte getilgt werden. Psychologisch ist das eine absolut nachvollziehbare Strategie. Ich habe etwas mehr Distanz. Zeitlich, aber auch biografisch. Mein Anliegen ist es, die so wesentliche Zeitgeschichte für Berlin und das ganze Land auch städteplanerisch und architektonisch nachvollziehbar zu machen. Die vielen Epochen, die vielen Brüche der Stadt sollen respektiert, die Fragmente zusammengeführt und in einen Dialog zueinander gesetzt werden.

Spaziere ich durch Berlin, entdecke ich aber kaum mehr Spuren der Teilung. Die Grenze ist ausradiert.
Die Mauer ist weg, die Ost-West-Vergangenheit bleibt aber spürbar.

Hat Berlin noch immer zwei Herzen?
Die Stadt hat viele Herzen. Ähnlich wie Zürich ist auch Berlin durch Eingemeindung entstanden. So schlägt in jedem Bezirk ein Herz. Jeder Kiez hat seine Identität. Zeige ich Ihnen mein Berlin, nehme ich Sie also auch in meinen Kiez mit. Wie für jeden Berliner ist er auch für mich zu einem Identifikationspunkt geworden.

Wie definieren Sie Berlins Identität?
Das Faszinierende an Berlin ist für mich, dass die Stadt so viele Gesichter hat. Sie entspricht nicht dem typischen städtebaulichen Klischee, dass das Mittelalter den Kern bildet und die Stadt dann über die Jahrhunderte in Kreisen gewachsen ist. Sämtliche Zeitschichten sind in Berlin ineinander verwoben. Dadurch entstehen die spannenden Brüche. Und so kommt mir Berlin lustigerweise vor wie die Schweiz. Das Land ist ja fast flächendeckend besiedelt oder urbanisiert. Wie ein Siedlungskörper, der durch die Natur perforiert ist. So verhält es sich auch mit Berlin: Da gibt es dichte, äusserst urbane und stark durchmischte Quartiere und daneben diese grosszügigen städtischen Landschaftsräume; das gewaltige Zukunftspotenzial, das die Stadt hat.

Zürich hingegen kämpft mit Enge. Was bedeutet für Sie Platz?
Das ist ein hohes Gut. Ich geniesse hier das Gefühl von Weite. Daher kann ich nicht verstehen, warum man das Gebiet unter dem Fernsehturm bebauen will. Ich habe null Sehnsucht nach Kleinteiligkeit. Umgekehrt sehe ich, dass diese Enge oder – anders gesagt – das Geborgene von Zürich vielen Heimat bietet. Die kleinen Plätzchen, die Übersichtlichkeit – das ist von grosser Qualität.

Vermissen Sie Zürich nicht?
Ich denke wahnsinnig gerne an die Zeit in Zürich zurück. Wir konnten auf so einem hohen Niveau agieren! Das Personal in der Verwaltung leistete hervorragende Arbeit, und meist hatten wir auch gute Investoren, die nicht irgendwoher kamen, sondern auch noch lokal verankert waren. Die Stadtregierung funktionierte als Team. Kein Oppositionshickhack. Einfach traumhafte Bedingungen!

Doch grosse, moderne Architektur sucht man in Zürich praktisch vergeblich. Weshalb?
Braucht die Stadt denn eine zusätzliche Identität? Zürich besitzt eine intakte historische Innenstadt, wovon viele deutsche Städte nur träumen können, sowie eine tolle Landschaft: der See, dieses Alpenpanorama. Das ist Identität.

Ikonografische Architektur ist in Zürich also überflüssig?
Streng genommen: Ja. Die Stadt ist kein Bilbao, dem ein Museum von Frank O. Gehry frischen Wind einhauchen muss. Zürich braucht keine Autorenarchitektur, um eine Marke zu setzen.

Und was ist mit Zürich-West?
Da besteht Spielraum, was aber mit dem Massstab zu tun hat. Eine Industriehalle ist per se grossmassstäblich. So darf auf dem Areal der ehemaligen Maag-Zahnradfabrik ein 126 Meter hoher, prägnanter Prime Tower entstehen. Zürich-West lebt von solchen Solitären, anders als die Altstadt oder das Seefeld, wo die relativ einheitliche Baustruktur, die Strassen und Plätze den Stadtkörper bilden.

Wie haucht man einem solch neuen urbanen Stadtteil Leben ein? Wie macht man ihn zum Kiez?
Das A und O für die hohe Lebensqualität und Attraktivität eines Quartiers ist die Durchmischung. Oft wehren sich Investoren gegen einen grossen Wohnanteil, weil sich damit nicht ganz so viel Rendite erwirtschaften lässt. Doch nur so zieht es auch Läden und Beizen ins Viertel.

Nehmen wir aber den Turbinenplatz. Der wirkt oft wie ausgestorben.
Der Turbinenplatz ist noch nicht fertig, die Industriehalle Puls 5 noch nicht so belebt, wie man sich das wünscht. Doch Geduld! Bis ein Kiez nach Berliner Vorbild entsteht, braucht es Jahre. Wenn jedoch sämtliche Wohnungen und Büros in Zürich-West bezogen sind, wird auch der Turbinenplatz pulsieren.

Mit Regula Lüscher sprach Judith Wittwer in Berlin

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2010, 23:07 Uhr

Berliner Bauherrin

Seit drei Jahren amtet Regula Lüscher als oberste Stadtplanerin Berlins. Die 48-jährige Baslerin prägt damit das Antlitz der deutschen Hauptstadt entscheidend mit. Lüscher studierte an der ETH Zürich Architektur und leitete mit ihrem damaligen Mann Patrick Gmür ab 1989 ein eigenes Architekturbüro, bevor sie 1998 ins Amt für Städtebau der Stadt Zürich wechselte. In ihrer Zürcher Zeit entstanden ambitionierte Projekte wie der Prime Tower in Zürich-West, der bald seine Höhe von 126 Metern erreichen wird. Lüscher gilt als moderne, umgängliche Planerin, die alle Anspruchsgruppen – von den Investoren bis zu den Nachbarn und den Lokalpolitikern – in eine Gebietsgestaltung einbinden will. Mit dieser «dialogischen Entwurfsstrategie» stiess die Schweizerin in Berlin mitunter auch auf Kritik.

«Ich geniesse hier das Gefühl von Weite»: Architektin Regula Lüscher vor dem Berliner Stadtmodell.

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