Das Museum als Bild im Schwebezustand

Die Basler Architekten Herzog & de Meuron gewinnen den Wettbewerb für den Bau des neuen Kunstmuseums M+ in Hongkong – eine Einordnung.

Die Hochhausfassade besteht aus LED-Lichtern, die Bilder erzeugen können (v.l.): Hong-Kong-Innenminister Tsang Tak-sing, Senior Partner von HdM Pierre de Meuron, Executive Director M+ Lars Nittve und Hong Kong Chief Secretary Carrie Lam beim Modell. (28. Juni 2013)

Die Hochhausfassade besteht aus LED-Lichtern, die Bilder erzeugen können (v.l.): Hong-Kong-Innenminister Tsang Tak-sing, Senior Partner von HdM Pierre de Meuron, Executive Director M+ Lars Nittve und Hong Kong Chief Secretary Carrie Lam beim Modell. (28. Juni 2013) Bild: Keystone

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Den wohl prestigeträchtigsten Mu­seumsneubau, den es gegenwärtig zu bauen gibt, wird das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron realisieren: Hongkongs Kunstmuseum der Superlative, das M+ im Süden des Kowloon-Distrikts, wird eine Fläche von 60'000 Quadratmetern aufweisen – das sind ähnliche Dimensionen, wie sie das Museum of Modern Art in New York oder die Tate Modern in London hat. Es soll das bedeutendste Museum für moderne chinesische Kunst weltweit werden. Eröffnungsdatum ist 2017.

Die Basler haben für das neue Mu­seum, das vor der eindrücklichen Hochhauskulisse Kowloons nahe am Ufer in einem Park zu liegen kommt, die Form eines umgekehrten Ts gewählt. Die Ausstellungsräume liegen in einer grossen Halle, die auf vier Stützen ruht und ebenerdig einen offenen, forumartigen Raum schafft, der für Märkte und Kunstaktionen gebraucht werden kann und mindestens auf den Visualisierungen durch das Architekturbüro gewisse Ähnlichkeiten zur Citylounge des Basler Messebaus aufweist. Über der Ausstellungshalle erhebt sich eine vertikale Scheibe, in der die Museumsbüros und die Räume für Kunstvermittlung untergebracht werden.

Das neue Gebäude besticht durch seine Schlichtheit. Die gewaltige Ausstellungshalle scheint über dem Boden zu schweben, der Hochhaustrakt wirkt wie ein riesiger Bildschirm, der so dimensioniert ist, dass er unübersehbar ist. Herzog & de Meuron haben für dieses Museum eine Form gefunden, die zeichenhafter nicht sein könnte. Das Hochhaus auf dem Sockel hat ein ­Seitenverhältnis, das dem Goldenen Schnitt entspricht. Es scheint zu rufen: Ich bin ein Bild. Und was hängt anderes in einem Museum als Bilder? So wundert es nicht, dass die Hochhausfassade mit LED-Leuchten bestückt ist und wie ein Bildschirm genutzt werden kann.

Archaische Form

Ascan Mergenthaler, Partner von Herzog & de Meuron und wesentlich in die Planungen involviert, bringt es so auf den Punkt: «Das Ergebnis ist ein Gebäude, welches nicht nur in seiner Umgebung verankert ist, sondern auch von seiner Umgebung geformt wurde. Eine klare städtebauliche, beinahe archaische Form nimmt die ikonische Tradi­tion von Kowloons Skyline auf und ­verwandelt sie in eine weit sichtbare Botschaft der Kunst und Künstler.»

Herzog & de Meuron, die sich schon für ihren Pavillon für die Serpentine-Gallery in London als Archäologen betätigt haben und frühere Fundamente am Bauplatz freigelegt haben, gehen auch in Hongkong wieder in den Untergrund. Auf der Suche nach einem Raum, der sich vom Museum als sogenannter Industrial Space nutzen lässt, wurden die Architekten unter dem Gebäude fündig. Exakt unter dem Mu­seum führt die U-Bahn-Strecke von der Stadt zum Flughafen durch. Der vorgefundene Raum über dem U-Bahn-Tunnel bringt dem Gebäude eine Verankerung, eine geradezu historische Tiefe. Und darüber wird eine Öffnung in der Decke erkennbar, die wie im Basler Messebau den Blick auf den Himmel freigibt.

Nach der Grundidee für dieses ­Museumsprojekt gefragt, sagt Jacques Herzog: «Damit Kunst ins ­Leben einer Stadt wie Hongkong eindringen kann, muss sie von unten, das heisst aus dem eigenen Boden entstehen. Unser M+ Projekt setzt das direkt um, indem es sich wortwörtlich aus dem Untergrund der Stadt heraus entwickelt.» Zudem gehe es ihm ganz zentral um den Bezug zu Park und Stadt, führt er aus. Sowohl der offene Raum unter der Ausstellungshalle als auch viele Museumsräume geben den Blick frei auf die Stadt und den Park direkt am Ufer.

Pierre de Meuron ergänzt: «Den ­unterirdischen Tunnel des Airport Express machen wir zur Raison d’être einer rauen, grossmassstäblichen Ausstellungswelt, die das gesamte Gebäude wörtlich im Boden verankert. Durch die Freilegung des Tunnels entsteht ein ­radikaler Raum für Kunst und Design, Instal­lation und Performance, der den Künstler und Kurator herausfordert.»

Crème de la Crème

Herzog & de Meuron haben sich in diesem Wettbewerb wie schon bei der Ausmarchung für den Neubau der Nationalbibliothek in Jerusalem im April dieses Jahres gegen die Crème de la Crème internationaler Architekturbüros durchgesetzt. In der Schlussrunde befanden sich ausser den Baslern noch Sanaa, Renzo Piano, Shigeru Ban, ­Snohetta und Toyo Ito. Gestern Freitag lud die Stadtregierung von Hongkong zur Pressekonferenz, um die Gewinner vorzustellen. Sie hat sechs Milliarden Hongkong-Dollar für das M+ Museum bereitgestellt. Das sind ungefähr 750 Millionen Franken. Das Gebäude soll 500 Millionen Franken kosten, für die Kunst, also den Inhalt des Museums, ist der Rest reserviert. Das Rückgrat der Museumsschätze ist die Sammlung von 1500 Werken chinesischer Kunst, die der Schweizer Sammler Uli Sigg ­zusammengetragen und dem Museum für rund 22 Millionen Franken verkauft hat.

Erstellt: 29.06.2013, 12:41 Uhr

M+: Hongkongs geplantes neues Kunstmuseum. (Bild: Visualisierung Herzog & de Meuron)

(Bild: Visualisierung © Herzog & de Meuron)

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