Der Stinkefinger der Superreichen

In New York wächst eine neue Generation von Hochhäusern in den Himmel, die das Stadtbild verändert: Extrem schlanke Wohntürme für die, die sie sich leisten können.

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425 Meter ragt der Wolkenkratzer an der Park Avenue 432 in Manhattan in den Himmel: Er ist das höchste bewohnbare Haus der westlichen Welt. Über acht Meter höher als das neue One World Trade Center, wenn man dessen leere Spitze nicht mitrechnet. Doch überraschend am Turm, den der uruguayische Architekt Rafael Viñoly entworfen hat, ist nicht in erster Linie die Höhe, sondern die Breite. Das Haus fusst auf einer Grundfläche von nur 28 mal 28 Metern. Wie ein Zahnstocher steckt es in der Stadt und trotzt der Schwerkraft. Würde man seinen Body-Mass-Index berechnen, wäre es magersüchtig: Das Verhältnis von Breite zu Höhe beträgt 1:15.

Der «432 Park» wird im Frühling eröffnet. Er ist der zweite Spross einer neuen Generation von Wohntürmen in New York, nach dem 306 Meter hohen Turm «One57». Rund ein Dutzend ähnlich schlanker Hochhäuser sind in den nächsten Jahren geplant oder bereits im Bau, die meisten zwischen 300 und über 400 Meter hoch und in Midtown gelegen, mit Blick auf den Central Park.

Spielfeld der Stararchitekten

Neben der Höhe locken die Entwickler ihre Kunden mit berühmten Namen. Herzog & de Meuron bauten an der Leonard Street einen 250 Meter hohen Turm, bei dem die Geschosse wie beim Geduldsspiel Jenga prekär übereinander geschichtet sind. Richard Meier, Frank Gehry oder Jean Nouvel sind weitere Star­architekten, die die Skyline der Stadt verschlanken. Der Weltrekord für das dünnste Hochhaus soll 2016 an die lokalen Shop Architects gehen. Sie arbeiten an einem 430 Meter hohen Turm, der 23-mal so hoch wie breit ist. Der bisherige Rekordhalter steht in Hongkong und hat ein Verhältnis von 1:20.

Burj Khalifa in Dubai, Taipei 101 in Taiwan, Petronas Twin Towers in Kuala Lumpur: Die höchsten Türme der Welt stehen schon lange nicht mehr in New York, der Stadt der Superlative. Hoch zu bauen, das ist in erster Linie eine Frage von Beton, Stahl und dem nötigen Grössenwahn. Schwieriger ist es, hoch und schlank zu bauen. Statisch, aber auch ökonomisch. Je dicker ein Turm, desto mehr Fleisch ist am Knochen, desto mehr Fläche kann man pro Liftschacht und Treppenkern vermieten.

So schlank zu bauen, ist aufwendig und erst seit kurzem möglich. ­Computer können heute die Tragwerke präziser berechnen, stabilere Baumaterialien ­erlauben extremere Belastungen. Und Stossdämpfer oder Öffnungen, welche die Bewegungen durch den Wind abfangen, sorgen dafür, dass die Bewohner nicht seekrank werden. Diese Technik kostet. So grazil konstruiert darum nur, wer den Quadratmeter vergolden kann. Die siebensprachige Website des 432 Park Tower preist die Apartments ab 7 Millionen Dollar an – das Penthouse kostet 95 Millionen Dollar.

Solch astronomische Preise sind selbst in der Kapitale des Kapitalismus neu. 2001 lag der Rekord für das teuerste Apartment noch dreimal tiefer. Doch erst diese Summen ermöglichen solch delikate Strukturen, mit denen die Klasse der globalen Superreichen erstmals städtebaulich sichtbar wird. Denn Finanzkrise hin, Terroranschläge her: Der Geldadel will hoch hinaus. Manche argumentieren, die Türme mit kleinem Fussabdruck würden die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt lindern. Doch das ist Hohn. Viele der Wohnungen bleiben die meiste Zeit leer, denn ihre Besitzer jetten von Zweitwohnsitz zu Drittwohnsitz, von London nach Singapur und New York: ein Penthouse für den russischen Oligarchen, wenn er mal in der Stadt weilt; ein Apartment für die Tochter des Internetmilliardärs, wenn sie in 20 Jahren hier an die Uni geht. Das sind keine Wohn-, sondern Wertanlagetürme. Hier parkieren die Reichen ihr Geld in luftiger und sicherer Höhe, weitab der Wallstreet.

Es zählt vor allem die Aussicht

«The Logic of Luxury» nennt das Skyscraper Museum in New York, das letztes Jahr eine Ausstellung und eine Vortragsreihe zum Thema organisierte, die Entwicklung. Das Museum rechnet jedoch nicht damit, dass sich solche ­Supertürme auf breiter Ebene durchsetzen werden. Höchstens in Hongkong oder Monaco, wo der Boden ähnlich beschränkt ist, seien die Bedingungen dafür gegeben, oder im Nahen Osten, wo Geld fast keine Rolle spiele.

Die ersten Hochhäuser in New York, wie das Woolworth Building von 1913, waren ebenfalls relativ schlank, wenn auch nicht so hoch. Die 1916 eingeführte Setback-Regel verlangte zudem, dass Hochhäuser ab einer gewissen Höhe zurückspringen, damit sie die Strasse nicht zu stark verdunkeln. 1961 wurde diese Regel durch eine Ausnützungsziffer ersetzt, die festlegt, wie viel Geschossfläche auf einem Grundstück gebaut werden darf – unabhängig von der Form. Mit moderner Beleuchtung und Klima­anlagen ermöglichte dies massigere Tür­me, vor allem für Grossraumbüros.

Doch für Luxuswohnungen gelten ­andere Regeln. Hier zählt vor allem die Aussicht. Und die gibt es im dicht bepackten Manhattan erst ab einer gewissen Höhe. Der Clou: Das lokale Baugesetz erlaubt es, Luftrechte zu transferieren, also die nicht genutzten Flächen von Nachbargrundstücken zu kaufen. So können Investoren Baurechte zusammenkaufen, ohne dass dagegen Einsprachen möglich sind.

Nur fünf Lifte nötig

Für die schlanke Silhouette spricht zudem: Je kleiner der Grundriss, desto mehr Fassadenanteil. Die 104 Wohnungen im 432 Park, die zwischen 300 und 750 Quadratmetern messen, nehmen ein ganzes oder halbes Geschoss ein. Das erlaubt Rundumsicht, besser als auf dem Empire State Building. Dazu kommt die Exklusivität: Mit dem Lift saust man direkt in die Wohnung, ohne im Flur dem Nachbarn zu begegnen. Wer reich ist, will allein sein. Und weil in diesen grossen Wohnungen wenige Personen leben, wird die Erschliessung effizienter. Fünf Lifte genügen, um die 96 Stockwerke des 432 Park Towers zu versorgen, nach dem 68. Geschoss sind es gar nur noch zwei. Zum Vergleich: Im One World Trade Center verkehren 73 Lifte.

Die Nadeltürme werden das Stadtbild von New York verändern, die Skyline neu dominieren. Und die Strassenschluchten verdunkeln, monieren ­einige. Das ruft Kritiker auf den Plan. Das «New York Magazine» sieht darin einen «wahren Reinfall», die «New York Times» spricht von einem «Schandfleck am Himmel» und ruft nach neuen Baugesetzen. Doch entscheidend ist nicht in erster Linie die ästhetische Aussage der Türme – einige der Entwürfe sind durchaus gelungen.

Wichtiger ist ihre gesellschaftliche Botschaft: Die schlanken Hochhäuser sind gebaute Mittelfinger für all jene, die es sich nicht leisten können, darin zu wohnen. Also für praktisch alle.

Erstellt: 23.01.2015, 07:14 Uhr

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