Die Brache, die uns gehört

Demokratie braucht den öffentlichen Raum, doch dieser wird überall aufgeputzt und kommerzialisiert. In Berlin umkreisen das Buch und die Ausstellung «Demo:polis» das Thema.

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Ob auf dem Majdan in Kiew, im Gezi-Park in Istanbul oder in den Strassen des von Terror erschütterten Paris: Eine offene Gesellschaft braucht Raum, sprich: Stadtraum. «Demo:polis» heisst die Ausstellung, die Wilfried Wang für die Akademie der Künste in Berlin zusammengestellt und zu der Barbara Hoidn den Katalog herausgegeben hat. Das Thema brennt, und entsprechend fordernd lautet der Untertitel: «Das Recht auf öffentlichen Raum». Jeder hat ein Anrecht, auf die Strasse zu gehen und an der Polis teilzuhaben.

Da sich Stadt immer um Öffentlichkeit dreht, ist der Fokus unscharf res­pektive das Thema uferlos. Das Spektrum reicht von Partizipation über Kunst im öffentlichen Raum bis zu Verkehrsplanung. Es geht um Gentrifizierung in Berlin, um Landschaftsschutz in Galizien, um Proteste gegen die Überwachung im Internet. Das Buch zeichnet mit Essays, gebauten Beispielen und ­Studentenprojekten ein vielfältiges Bild der Materie, die einzelnen Punkte muss der Leser aber selber verbinden.

Zürcher Trams als Werbevehikel

Festen Boden unter den Füssen bieten einige konkrete Stadtreparaturen von Plätzen und Parks, die sorgfältig für die Allgemeinheit hergerichtet wurden. Etwa der Trafalgar Square, den London aus dem Würgegriff des Verkehrs gelöst hat. Oder der Brooklyn Bridge Park, der einen stillgelegten Güterhafen entlang des East Rivers in New York ersetzt. Mit solchen attraktiven Orten versuchen sich die Metropolen im globalen Wett­bewerb hervorzutun. Dafür braucht es gute Gestalter, die mit Blick fürs Ganze entwerfen.

Pointierter und freier kann die Kunst agieren. Für Schlagzeilen sorgte die Aktion von Matthias Wermke und Mischa Leinkauf, die 2014 die amerikanischen Flaggen auf der Brooklyn Bridge durch weisse ersetzten. Auf die anfängliche Verwunderung folgte Paranoia, begleitet von Hubschraubern. Was poetisch gedacht war, wurde panisch verstanden. Der öffentliche Raum ist verwundbar, insbesondere nach 9/11. Die Kunst stellt ein probates Mittel dar, um solche Fragen ins Bewusstsein zu rücken. Doch das Buch vermag die Tür nur einen Spaltbreit aufstossen zu diesem riesigen Feld.

Das Ringen um den öffentlichen Raum beschreiben Wang und Hoidn vor allem als Kampf gegen neoliberale Kräfte, die sämtliche Ecken und Winkel der Stadt durchdringen. Die Werbung versetzt die Passanten überall in Kauf­bereitschaft, während das globale Kapital gewachsene Nachbarschaften zersetzt. Öffentlichkeit gibt es nur noch als inszenierte Kulisse, mit der Einkaufszentren Kaufwillige anlocken. Selbst die Dorfstadt Zürich wird durchkommerzialisiert: Die Trams verkehren rundum zugekleistert als Werbevehikel, die Bahnhofshalle wird zum Eventort, und sogar der Sechseläutenplatz gehört an vielen Tagen nicht der Allgemeinheit, sondern dem Meistbietenden.

Man spielt Planungsgott

Doch bei allem Druck, dem der kollektive Raum ausgesetzt ist, zeigt die Ausstellung: Es gibt Widerstand. Informelle, von Bürgern organisierte Zwischennutzungen besetzen in vielen Städten Brachen. In Dublin wurde mit dem Granby Park einen Monat lang das Grundstück eines abgerissenen Sozialwohnungsbaus belebt. In Berlin hat die Bürgerinitiative «100 % Tempelhofer Feld» den ehema­ligen Flughafen vor den Baukränen bewahrt.

Sprich: Öffentlichkeit muss ausgehandelt werden. Mitbestimmen und Mit­machen, so lautet einer der Trends von heute: In der Ausstellung können die Besucher gleich zu Beginn Hand anlegen. Mit ein paar Klicks gestalten sie am ­Computer den Städtebau rund um den Alexanderplatz in Berlin und spielen für ein paar Minuten Planungsgott. Ein simples Werkzeug, das Laien ein Gefühl für Städtebau vermittelt. Das aber auch hoffentlich lehrt, dass eine Stadt nicht auf Knopfdruck entsteht.

Der Gedanke des Bottom-up zieht sich durch die ganze Ausstellung. Doch wie so oft fragt man sich: Wer hört das alles ab? Fliesst das irgendwo mit ein? Die Modelle der 3-D-Simulation jedenfalls werden nicht gespeichert. Indirekt zeigt die Schau damit die Grenzen der viel gepriesenen Partizipation auf. ­Darüber hinaus kann oder will nur ein kleiner Teil der Bevölkerung überhaupt mitmachen, stattdessen stimmt er oft für die eigenen Interessen.

Daran erinnert auch die Schweizerin Regula Lüscher, Senatsbaudirektorin von Berlin, die in ihrem Essay im Katalog die Teilhabe begrüsst, aber vor der «Durchsetzung von Partialinteressen, Polarisierung der Debatte und der Verewigung von Provisorien» warnt. Ohne eine übergeordnete Idee kann keine Stadt gelingen.

Eine Stadt für alle

Die Grundlagen dafür versucht die Ausstellung mit dem «Urban Parliament» zu ergründen. Fachleute und Bürger diskutieren fünf Abende lang über die Grundsätze des öffentlichen Raums, die sie in der «Urban Rights Charta für Berlin» festschreiben. Das Kollektiv Zuloark hat diese Stadtparlamente bereits in anderen europäischen Metropolen durchgeführt. Ihr Ziel: eine «Universal Declaration of Urban Rights». Sie soll eine Stadt für alle statt für wenige garantieren.

Bis 29. Mai, Akademie der Künste Berlin. Katalog bei Park Books 2016, ca. 49 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2016, 19:17 Uhr

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