Die Poesie der Lasten

Pier Luigi Nervi schuf mit seinen Tragwerken monumentale Architektur. Nun zeigt eine eindrückliche Ausstellung an der ETH die Gebäude des italienischen Ingenieurs. Dabei bleibt das Genie merkwürdig blass.

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Nirgends ist Beton leichter. Die Tragkonstruktion verankert ein Bauwerk im Boden, bei Pier Luigi Nervi bringt sie es zum Fliegen. Fast könnte man meinen, der italienische Bauingenieur stehe über den Gesetzen der Physik. Die Stützen giesst Nervi zu Skulpturen, Träger werden zum Ornament, die Rippendecken schwingen als grazile Kuppeln über dem Kopf. Seine Statik trägt nicht nur die Lasten, sondern den ganzen Entwurf.

Nervi gehört zu den bedeutendsten Bauingenieuren des 20. Jahrhunderts. Mit dem Stadion in Florenz, dessen ausbalanciertes Tragwerk als statisches Paradox bezeichnet wurde, sorgte er 1932 erstmals für Aufsehen. Es folgten imposante Flugzeughangars, Fabriken und Hallen – unter anderem ein päpstliches Auditorium im Vatikan für 10 000 Personen. Bald baute der Star der Statik nicht nur in Italien, sondern in ganz Europa, in Nord- und Südamerika und Australien.

Elementare Wucht

Über 30 Jahre nach seinem Tod widmet sich eine Wanderausstellung an der ETH dem Werk Nervis. Zwölf seiner bedeutendsten Arbeiten präsentiert die Schau, und das mit elementarer Wucht. Auf den Tischen thronen die Modelle fast so gross, dass man den Kopf hineinstecken kann. Auch die Originalpläne nehmen viel Platz ein. Hier lässt sich der Bleistift betrachten, mit dem Nervi die Spannkabel zeichnete und Kräfteflüsse notierte. Gross sind auch die Fotografien von Mario Carrieri, die schwer an der Wand lehnen und der Poesie aus Beton und Licht schwarzweiss huldigen. Eher ärgerlich sind dagegen die Stützen und Tragelemente, die vor manchen Fotografien eigenartig in den Raum hinein ragen. Diese Replikate versperren dem Besucher bloss den Blick.

Nervis Welt besteht aus Beton. Er beherrschte das Material so präzise, dass er es in Formen giessen konnte, von denen andere nur träumen konnten. Seine Strukturen leben. Wie in der Natur entspringt der Formenreichtum aber nicht der Willkür, sondern ist stets in der Logik des Tragens begründet. Nervi verband Baukunst und Ingenieurwesen kongenial. Auf der einen Seite steht der Architekt, der an das Schöne, Unfassbare und Emotionale glaubt. Auf der anderen der Ingenieur, der mit Berechnungen, Effizienz und Vernunft operiert. Nervi war stets beides. Sein Buch aus dem Jahr 1945 fragt denn auch rhetorisch im Titel: «Wissenschaft oder Kunst des Bauens?». Es ist kein Zufall, dass der Bauingenieur in Rom an der Fakultät für Architektur unterrichtete. Nervi sah sich nicht als Zahlenjongleur, sondern als Akademiker und Intellektueller.

Über dessen Denkweise erzählt die auf Englisch gehaltene Ausstellung allerdings wenig. Nervis Biografie wird knapp abgehandelt. Wer ihn beeinflusst hat, woher seine Inspiration kam, das erfährt nur, wer den Katalog zurate zieht. Die Ursprünge sind vielfältig. Oft zitierte er Stahlkonstruktionen aus dem 19. Jahrhundert und übersetzte sie in Beton. Daneben studierte er Pflanzen und Mikroorganismen. Seinen Entwürfen liegen die Gesetze der Natur zugrunde, die opulente Formen hervorbringen. Nervi forschte und sammelte obsessiv. Dennoch: Der BBC-Film aus den 60er-Jahren, der in einer Ecke über den Bildschirm flimmert, reisst den Besucher nicht mit. Wenig eingebunden sind auch die Archivbilder, welche die ETH in Lausanne ausgegraben hat und die eindrücklich zeigen, wie die Häuser entstehen.

Die Statik von Nervis Bauten war komplex. Stand das Konzept einmal, baute er schnell und effizient. Das Sportstadion in Rom, das auf einem Kranz an Y-förmigen Stützen fusst, war in einem Jahr erstellt und kostete vergleichsweise wenig. Das Hochhaus für die Börse in Montreal wuchs in rekordverdächtigen 351 Tagen in den Himmel. Möglich machten dies die vorfabrizierten Betonelemente, auf die Nervi bei vielen Bauwerken setzte. Der Mann war ein begabter Architekt und Ingenieur, er hatte aber auch ein Gespür fürs Geschäft.

Pier Luigi Nervi ging nicht von Formeln aus wie seine Kollegen. Statt nur zu rechnen, vertraute er lieber auf seine Intuition und prüfte seine Entwürfe am physischen Modell. Für jedes seiner Gebäude baute Nervi eine Miniaturversion. Diese belastete er mit Gewichten, setzte sie Windkräften aus und eruierte so, ob die Struktur stabil trug. Um die Realität genau genug vorwegzunehmen, erreichten die Objekte zum Teil gewaltige Dimensionen: Für das Pirelli-Hochhaus in Mailand liess er ein neun Meter hohes Modell aus Mikrobeton und Stahldrähten anfertigen, das er bis zum Bruch beschwerte.

Bahnbrechende neue Formen

Zu seinen perfekten Formen gelangte der Ingenieur über Versuch und Irrtum, das kostete viel Handarbeit und Zeit. Doch nur diese Offenheit für das Unbekannte erlaubte ihm, so bahnbrechende neue Formen hervorzubringen. So etwa die Kathedrale St. Mary in San Francisco, eines seiner Meisterwerke, das er zusammen mit Pietro Belluschi projektierte. Acht gekrümmte Flächen schmiegen sich aneinander und formen ein kreuzförmiges Dach, das über schmale Schlitze belichtet wird. Raum, Statik und Symbolik verschmelzen zu einer Einheit. Die Erdbebensicherheit der Struktur testete Nervi an vier Modellen. Als die Baukommission den Entwurf mit mathematischen Formeln überprüfte, war selbst Nervi überrascht, wie exakt seine Belastungstests waren.

Am Modell hat Nervi Grenzen ausgelotet. Sie ermöglichten ihm Experimente, lange bevor der Computer die Zahlen bis weit hinters Komma kalkulierte. Als Nervi 1979 starb, endete eine Ära der Ingenieurbaukunst. Obwohl seine drei Söhne die Firma weiterführten, wendete sich das Blatt abrupt. Das Unternehmen wurde verkauft und war kurz darauf ruiniert. Der Rechner verdrängte das Modell, und die Spezialisierung splitterte das Berufsfeld auf. Für Lösungen aus einem Guss und einer Hand wurde es schwierig.

Das Experiment am Modell hat aber auch heute nicht ausgedient. Das zeigt der zweite Teil der Ausstellung in der Bauhalle der ETH, wo die Ingenieure Bruchversuche durchführen. Neben den bekannten Hängemodellen des Schweizer Ingenieurs Heinz Isler stehen solche aus aktueller Forschung. Sie belegen: Kein anderes Mittel zeigt so direkt, wie die statischen Kräfte wirken – und dass Fehler wagen muss, wer neue Formen finden will.

Erstellt: 25.09.2013, 08:38 Uhr

Der italienische Ingenieur Pier Luigi Nervi (1891–1979) baute auf der ganzen Welt herausragende Konstruktionen. Er lehrte in Rom und verfasste zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen.

Die Ausstellung

«Pier Luigi Nervi. Architektur als Herausforderung», bis 22. Oktober in der Archena, ETH Hönggerberg, Zürich.

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