Eine Kathedrale gegen die Zeit

Die Sagrada Família in Barcelona ist eine ewige Baustelle. In seinem neuen Dokumentarfilm spürt der Zürcher Regisseur Stefan Haupt der Faszination von Antoni Gaudís wahnwitzigem Projekt nach.

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Kann ein Gebäude die Welt verändern? Kann es Menschen verwandeln? Bevor es gebaut ist? Für Etsuro Sotoo stellen sich diese Fragen nicht. Der japanische Bildhauer arbeitet seit über dreissig Jahren an der Sagrada Família. Um Antoni Gaudís Werk zu verstehen, konvertierte er zum Katholizismus. Sotoo lebt für das Bauwerk wie wohl vor über hundert Jahren der katalanische Architekt selber. Im Dokumentarfilm «Sagrada» macht sich der Schweizer Regisseur Stefan Haupt auf, dieser Faszination auf die Spur zu kommen. Dabei stösst er auf tiefgründige und zwiespältige Antworten auf die Frage, warum der Mensch sich baulich verewigt.

Der Grundstein für den Temple Expiatori de la Sagrada Família wurde 1882 gelegt. Als der zuständige Architekt das Projekt abgab, übertrug man die Bauleitung Antoni Gaudí, der damals erst 31 Jahre jung war. Die Kryptenkapelle wurde im Stil des ursprünglichen Entwurfs gebaut und ist bis heute der einzige fertiggestellte Teil. Für die eigentliche Kathedrale entwarf Gaudí ein irrwitziges Projekt mit achtzehn Türmen, baumähnlich sich verzweigenden Säulen und opulent dekorierten Fassaden. Er zeichnete ein Monument, das sämtliche Massstäbe und Regeln der Architektur sprengt. Seinen Formenreichtum leitete Gaudí aus der Natur ab. Abertausende Handgriffe sind in den organischen Verzierungen versteinert.

Anonymer Stolz der Bauarbeiter

Bald war Gaudí klar, dass er die Fertigstellung nie erleben würde, was ihn offenbar nicht störte. «Gott hat keine Eile», soll er gesagt haben. Als er 1926 starb, übernahm einer seiner Schüler die Leitung. Mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs zehn Jahre später schien das Projekt verloren: Anarchisten zerstörten Gaudís Werkstatt mit allen Plänen und Modellen. Die Bauarbeiten wurden eingestellt und erst 1954 wieder aufgenommen. Heute wird fleissig wie nie zuvor weitergebaut. Der Innenraum der Kirche ist weitgehend fertig. Läuft alles nach Plan, soll die Sagrada 2026 fertiggestellt werden – pünktlich zum hundertsten Todestag Gaudís.

Dank Standardisierung und Vorfabrikation wachsen Gebäude heute im Eiltempo in den Himmel. Das Bauen, so scheint es, ist nur ein notwendiges Übel auf dem Weg zu neuem Raum. Dieser Effizienz setzt die Sagrada eine verschwenderische Irrationalität gegenüber: Die Konstruktion ist langsam und aufwendig. Die Baustelle beschäftigt ein Heer an Architekten, Baumeistern, Malern und Modellbauern. Die komplexen Formen bedeuten viel Handarbeit. Steine müssen behauen, Gläser zugeschnitten und Hunderte Details gezeichnet werden. Die Baustelle der Sagrada scheint wie aus einer anderen Zeit.

Die meisten, die daran mitgearbeitet haben, werden das fertige Gebäude nie sehen. Im Film führt ein Vorarbeiter seinen Vater auf dem Gerüst zum Sockel des Hauptturmes. Er erzählt vom anonymen Stolz der Arbeiter, die wissen, dass sie in den Geschichtsbüchern nicht erwähnt werden. Die Freude, Teil eines grossen Ganzen zu sein, das Generationen verbindet, treibt sie an. Das Erschaffen an sich, nicht das Endprodukt motiviert die Beteiligten.

Gott hat keine Eile

Geschickt verwebt Stefan Haupt die Biografie des Bauwerks und seines Architekten mit dem Weiterbauen. Er rückt die unzähligen Förderer, Zeitzeugen und Handwerker vor die Kamera. Und er zeigt das Nebeneinander von Sakralität und Baustelle, von geschäftiger Rambla und stiller Grösse der Kathedrale. In der Nacht thront sie einer Krone gleich über Barcelona, tagsüber hieven Bauarbeiter Stahlträger ins Kirchenschiff und Touristen halten die pompösen Fassaden mit dem Handy fest.

Dem Regisseur gelingt ein dichtes Werk, das Fakten mit philosophischen Fragen verbindet. Der Film macht das Mysterium Sagrada fassbar. Er verneigt sich vor Gaudís Ambition, schwelgt in der räumlichen Wucht der Kathedrale und feiert sie als Höhepunkt der katalanischen Baukunst. Dabei macht er den Brückenschlag zu anderen Künsten. Die h-Moll-Messe von Bach gibt den Bildern akustisch die nötige Erhabenheit. Die Choreografien einer Tänzerin, die sich vor den Mauern bewegt, überspannen den Bogen allerdings. Der Sprung über die Disziplin wirkt hier gekünstelt.

Le Corbusiers Bremsversuch

Gaudí glaubte an sein Werk wie ein Besessener. Die letzten Jahre seines Lebens arbeitete er an keinem anderen Projekt. Auch jene, die ihm in seinem irrsinnigen Unterfangen folgten, setzten sich mit aller Kraft dafür ein. Ein Brief, in dem Le Corbusier und andere berühmte Architekten nach dem Zweiten Weltkrieg gegen den Weiterbau anschrieben, beeindruckte sie nicht. Mit Ausnahme einer Fassade sind die Versuche gescheitert, die Kathedrale zeitgemäss weiterzubauen. Es käme einem Verrat am Genie des Autors gleich.

Die Gaudí-Jünger bauen, um etwas zu vollenden. Sie halten an einer Idee fest, obwohl sich die Welt weiterdreht. Dieser unerschütterliche Glaube ist beeindruckend. Doch was ist, wenn die Kathedrale einmal steht? Mit dem letzten Stein wird sich der gemeinschaftliche Geist der Baustelle in Staub auflösen. Das Gebäude wird zu einem Denkmal, das mit der Gegenwart nichts zu tun hat. Ein Monument wider die Zeit. Ein künstliches Fossil.

«Wie Disneyland»

Der Bau negiert ein ganzes Jahrhundert. Hinter der Kulisse aber ist nichts mehr wie früher: Die Details werden am Computer errechnet, die Konstruktion ist aus Stahlbeton, der mit Naturstein verkleidet wird. «Wie Disneyland», meint ein Kritiker im Film. Die Grösse der Kathedrale ist ein Manifest für die Macht der katholischen Kirche, die längst erodiert ist. Ziehen die Kräne dereinst ab, wird der mit 170 Metern höchste Kirchturm der Welt eingeweiht: ein gebauter Anachronismus. Dennoch ist die Finanzierung längst kein Problem mehr. Die drei Millionen Touristen, die jährlich Schlange stehen, spülen genug Geld in die Kassen. Das Projekt ist eine Kathedrale für Touristen.

Diese Kritik kommt im Film nur am Rande zur Sprache. Stattdessen fokussiert Haupt auf die Sagrada als Bauwerk. Und als solches ist sie ohne Zweifel bedeutungsvoll: In einer Zeit, in der Gebäude vor allem Zweckbauten sind, steht die Sagrada für die Kraft der Architektur. Sie zeugt vom Willen des Menschen, Schönes zu schaffen. Vom Glauben an die Idee eines jungen Mannes. Und von der Überzeugung, dass ein Gebäude die Welt reicher machen kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2012, 11:06 Uhr

«Sagrada», Trailer

Der Film

Sagrada – El misteri de la creació (CH 2012). 93 Min. Regie: Stefan Haupt.

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