«Es braucht die Kesselwirkung»

Wie muss ein modernes Fussballstadion gebaut sein? Und welches ist das tollste Stadion der Welt? Sportbau-Architekt Martin Wimmer im Interview.

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Waren Sie schon einmal im neuen Zürcher Letzigrundstadion?
Nein.

Die Fussballfans wollen ein zweites Stadion, man sei im Letzigrund wegen der Leichtathletikbahn zu weit vom Spielfeld weg. ­Verstehen Sie diese Kritik?
Natürlich. Da waren die Planer offenbar sehr kurzsichtig. Leichtathletikwettkämpfe finden selten statt und ziehen im TV-Zeitalter immer weniger Leute an. Wer wartet noch stundenlang im Stadion darauf, bis jemand einen Diskus geworfen hat?

Wie sollte ein modernes ­Fussballstadion gebaut sein?
Die Kesselwirkung muss gegeben sein. In modernen Stadien sitzt man auf steilen Rängen direkt neben dem Spielfeld, sodass man den Spielern «Guten Tag» ­sagen – oder sie beleidigen könnte. Was ja auch getan wird. Die Kurven sollten in den Ecken nicht unterbrochen sein, sodass ein Gemeinschaftsgefühl entstehen kann. Die Ränge müssen ausserdem überdacht sein, auch das ist für das Raum- und Tonerlebnis wichtig. Obwohl es eigentlich schade ist.

Weshalb?
Der Blick in den Himmel war früher mitunter das Schönste an einem Stadionbesuch. Ausserdem hat die Überdachung Einfluss auf die Restarchitektur. Das Universitätsstadion in Mexiko-Stadt zum Beispiel hat eine derart faszinierende Form, dass jedes Dach ein Verbrechen wäre. Ausserdem bezieht es sich durch seine vulkanhafte Form und die Verwendung von Lavastein auf seine Umgebung. Das Stadion wirkt wie eine Skulptur, die in die Landschaft gehaucht ist. Es ist neben dem Münchner Olympiastadion weltweit mein Lieblingsstadion.

Gefallen Ihnen vor allem ­ältere ­Stadien?
Man kann besagte Stadien schlecht mit neueren vergleichen. Früher fielen Stadien unter Landschaftsarchitektur. Heute sind sie Architektur – und die muss vor allem einen Zweck erfüllen: Stimmung im Stadion zu erzeugen.

Dann war die Stimmung früher weniger wichtig?
Die Stimmung war anders, die Fans gingen ins Stadion, um die eigene Mannschaft spielen zu sehen. Heute möchten viele ihr Hurragefühl gegenüber der gegnerischen Stadt ausleben.

Wieso baut man bei Stadien nicht in die Tiefe? Daraus entstünde doch ein richtiges Kesselgefühl.
In Spanien steht ein solches Stadion. Und das Deutsche Stadion in Berlin war im Inneren einer Pferderennbahn versenkt angelegt und nur durch einen Tunnel erreichbar. Die meisten modernen Stadien sind ein paar Meter im Boden drin. In unseren Breitengraden kommt man aber schnell ins Grundwasser. Will man tiefer gehen, sind teure Abdichtungen nötig.

Was sagen moderne Stadien über unsere Gesellschaft aus?
Dass sie kapitalistisch ist. Stadionbauten machen den Siegeszug von Kommerz und Konsum besonders deutlich. Unten sitzt das Volk auf überteuerten Plastiksitzen. Über ihm gucken sich die VIPs auf bequemeren Stühlen das Spiel an. Und dann gibt es ja auch noch die ganz wichtigen Leute in den geheizten Logen.

Sie waren auch zu DDR-Zeiten im Stadionbau aktiv. Worauf hat man da Wert gelegt?
(lacht) Politiker hatten auch eine Loge, falls Sie das meinen. Und schon die römischen Stadien wurden in zwei verschieden attraktive Klassen eingeteilt: Umbra und Solis – Schatten und Sonne.

Kann man über den Bau die ­Massenpsychologie beeinflussen?
Ja, denken Sie an die Inszenierung der Olympischen Spiele 1936 durch die Nationalsozialisten, die passte perfekt zum Berliner Olympiastadion: ein monumentaler Bau mit geometrischen Formen, der sich an antiken Sportbauten orientiert, dazu klassizistische Stilelemente. Wie anders nimmt sich dagegen das Münchner Olympiastadion aus den 70er-Jahren aus: kein gewaltiger, alles dominierender Ingenieurbau, sondern eine transparente, in die Landschaft integrierte Sportstätte.

In Arenen herrscht zuweilen die ­unkontrollierbare Dynamik der Masse. Fliessen solche Überlegungen in die Planung eines Stadions ein?
Für das Sicherheitskonzept sind solche Überlegungen wichtig. Rowdytum muss architektonisch verhindert werden. Das betrifft vor allem die Fluchtwege und die Absperrgitter und deren Abstände zu den Rängen.

Es gibt auch einen philosophischen Aspekt: Ein Stadion macht aus Menschen eine Masse. Beschleicht einen bei der Planung auch mal ein mulmiges Gefühl?
Unheimliche Massen können sich überall formieren. Eben erst versammelten sich in Köln Tausende von Hooligans, die sich Strassenschlachten mit der Polizei lieferten. Der Missbrauch von Architektur ist immer möglich – ein Sportstadion kann etwa für öffentliche Exekutionen zweckentfremdet werden. Ein Stadion hat eine Lebenserwartung über viele Generationen. In dieser Zeit wechseln die Herrschaftsformen in einer Gesellschaft aber sehr häufig. Wie sollen Architekten von vornherein wissen, was Historiker auch erst nachher merken?

Sollen Architekten aus demokratischen Ländern keine Stadien in undemokratischen Ländern bauen?
Das ist wie mit den Boykottaufrufen bei den Olympischen Spielen in China oder Russland. Wer weiss, ob damit den richtigen Leuten in die Suppe gespuckt wird. Ausserdem könnten Stararchitekten ihre Prestigeprojekte nicht mehr verwirklichen! Zum Beispiel Zaha Hadid, die gerade ein Stadion in Katar baut, wo bei Bauten für die WM schon Hunderte Wanderarbeiter zu Tode kamen. Was soll man sagen? Schon Vitruv, der 50 Jahre vor Christus über die Baukunst schrieb, hat sich im Vorwort bei Kaiser Augustus für die vielen Aufträge bedankt.

Oft sind Arenen schlecht ­ausgelastet. Gibt es zu viele?
Die Kirchen sind noch leerer, obwohl sie keinen Eintritt verlangen. Die Individualgesellschaft leidet unter Egomanie und Ellenbogenmentalität. Da muss man den Leuten, im positiven Sinne von «Brot und Spiele», wieder etwas bieten. Es ist doch idiotisch, bei Sportstätten zu sparen, während die Gesundheitskosten in die Hunderten von Milliarden gehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 23:01 Uhr

Martin Wimmer

Kenner der Arenen

Martin Wimmer (85) gehört zu den weltweit führenden Spezialisten für Sportbauten. Der Architekt und Ingenieur war an der Entwicklung des «industriellen Bauens» in der DDR und am Bau des Leipziger Zentralstadions beteiligt. Wimmer amtete als Gastprofessor an verschiedenen Universitäten, etwa in Berlin und Moskau. Er hielt Reden bei IOK-Weltkongressen und war Berater für Olympia-Bewerberstädte. Eben ist sein neues Buch «Stadionbauten. Handbuch und Planungshilfe» erschienen (DOM Publishers, Berlin 2014. 416 S., ca. 112 Fr.).

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