«Es herrscht ein regelrechtes Hochhaus-Fieber»

Roche baut in Basel den höchsten Turm unseres Landes. Architekturkritiker Palle Petersen über die Bedeutung und den neuen Ruf von Wolkenkratzern in der Schweiz.

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In Basel soll das höchste Gebäude der Schweiz entstehen: 205 Meter hoch wird der zweite Roche-Turm. Passt ein solcher Wolkenkratzer überhaupt in die Schweiz?
Man muss dazu sagen, dass die Roche-Türme nicht isoliert dastehen werden, sondern dass eine ganze Areal-Entwicklung angestossen wurde. So ein Ensemble von Türmen sehe ich im Gegensatz zu einem einzelnen Turm städtebaulich als Chance: Es gibt ein architektonisches Leitbild, einen sinnvollen Zusammenhang der Gebäude.

Was selten der Fall ist bei Schweizer Hochhäusern.
Dafür gibt es mehrere Gründe: In Zürich etwa setzt die Verwaltung auf das Schlagwort «diskrete Urbanität». Gemeint sind damit locker im Limmatraum verteilte Hochhäuser. Die Stadt bevorzugt Einzelakzente und möchte keine Clusterbildung. Ein weiterer Grund ist die Schattenregel: Jedes Hochhaus in Zürich darf nicht länger als zwei Stunden Schatten auf ein Wohnhaus werfen. Eine sehr statische Regel, die ebenfalls eine Vereinzelung von Türmen zur Folge hat. Trotzdem stehen diese oft nicht völlig isoliert da: Der Prime Tower etwa bildet zusammen mit dem Mobimo- und dem Zoelly-Tower eine lockere Gruppe, ähnlich wie es beim Toni-Areal oder dem alten Migros-Hochhaus der Fall ist.

Der Prime Tower war bislang das höchste Gebäude der Schweiz. Im internationalen Vergleich wirkt er mit seinen 126 Metern eher kümmerlich. Warum tut sich die Schweiz so schwer mit hohen Bauten?
Das ist einerseits eine Frage der Mentalität: Die Schweiz ist ein Land des Understatements. So gesehen, ist der zaghafte Schweizer Hochhausbau im internationalen Vergleich kaum überraschend. In den 50er- bis 70er-Jahren entstanden vor allem an den Stadträndern und in der Agglomeration viele Hochhäuser. Danach bekam das Hochhaus einen Ruf als Sozialghetto und wurde etwa in Zürich 1984 verboten. Seit 2000 baut man wieder Türme; in den letzten fünf Jahren kann man gar von einem regelrechten Hochhausfieber sprechen.

Was hat sich verändert?
Hochhäuser entstehen neu an zentraler Lage, wie beispielsweise an der Hardbrücke, und nicht etwa in Schlieren oder Dietikon. Ebenso gewandelt hat sich die Klientel, die sich eine Wohnung in einem Hochhaus leisten kann: Heute ist es eine kaufkräftige, kinderlose Bevölkerungsschicht.

Wolkenkratzer stehen auch für Macht und Wachstum. Könnte man also sagen, die Schweiz ist gerade dabei, ihr Image der Bescheidenheit abzustreifen?
Definitiv wagt die Schweiz gerade mehr. Apropos Macht und Wachstum: Die ersten Hochhäuser überhaupt waren Kirchtürme. Heute regiert nun nicht mehr die Kirche, sondern der Markt. Ein Stück weit ist es deshalb nur ehrlich, wenn man anhand eines Hochhauses sieht, wer in einer Stadt der grosse Player ist – wie etwa Roche in Basel.

In der Schweiz kämpft man gegen die Zersiedelung an. Hätte man früher damit beginnen sollen, in die Höhe zu bauen?
Nicht unbedingt. Ein Hochhaus ist kein Verdichtungsinstrument, wie man meinen könnte. Baut man in die Höhe, muss man dafür am Boden mehr Fläche frei halten. Die Diskussion um Verdichtung ist keine neue, sie wurde bereits besonders intensiv in den 70ern geführt. Damals setzte man sich zwar Ziele, in der Umsetzung wurden aber erst vor kurzem die Schrauben angezogen. Wie die Revision des Raumplanungsgesetzes und die Annahme der Zweitwohnungsinitiative zeigen, steht die Bevölkerung dahinter.

Wie erreicht man Verdichtung konkret?
Es geht um die Frage, wie man den klein parzellierten Bestand verdichten kann, etwa durch Aufstockungen, Anbauten oder Baulückenschliessungen. Das passiert schon heute, allerdings wohnen nachher kaum mehr Menschen auf der gewonnenen Fläche.

Das heisst, städtebaulich ist es kaum möglich, Raum für mehr Menschen zu schaffen?
Man könnte gesetzlich eine höhere Personenbelegung oder Steuern für den Pro-Kopf-Verbrauch von Wohnfläche verlangen. Aber das Eigentumsrecht ist in der Schweiz dermassen stark. Das wird nicht passieren.

Welche Rolle kommt dem Hochhaus in diesem Prozess der Verdichtung zu?
Der Trend, in einem Hochhaus zu wohnen, ist genährt von modischen Vorstellungen: Es gilt als attraktiv, urban, weltmännisch. Das heisst aber nicht, dass Häuser in Zukunft höher werden. Sicher ist aber, dass dichter gebaut werden muss. Ein Hochhaus ist da aber nur ein Baustein einer Lösung.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.10.2014, 10:35 Uhr

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Palle Petersen stammt aus Frankfurt am Main und hat Journalismus und Architektur studiert. Seit 2013 ist er Architekturkritiker bei der Fachzeitschrift «Hochparterre».

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