Fortsetzung gelungen

Mit der Tate Modern wurden Herzog & de Meuron berühmt. Nun erweitern sie das Museum in London mit einem Anbau.

Durchlässig: 336'000 von Hand verlegte Backsteine bilden die neue Fassade.
Foto: Iwan Baan

Durchlässig: 336'000 von Hand verlegte Backsteine bilden die neue Fassade. Foto: Iwan Baan

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Wie ein Eisberg ragt er hinter der Tate Modern hervor, diesem Supertanker der modernen Kunst. Die Wände knicken, die Kanten stürzen – das Gegenteil der klaren Linien des alten Ölkraftwerkes, das der Architekt Giles Gilbert Scott 1947 entworfen hat. Nun sprechen alle von diesem kulturellen Meilenstein, der morgen Freitag eröffnet wird. Doch wer Herzog & de Meurons Erweiterung verstehen will, muss die Architektur- und Museumsgeschichte, die hier geschrieben wird, von hinten aufrollen.

Es war ein Coup, als Jacques Herzog und Pierre de Meuron 1995 den Wettbewerb gewannen. Die damals 45-jährigen Architekten setzten sich mit einem so simplen wie genialen Vorschlag gegen 148 Mitbewerber durch: Sie stockten das Industriemonument auf und entrümpelten die alte Turbinenhalle, die nun den Menschen anstatt Maschinen gehören sollte. Das 2000 eröffnete Museum katapultierte das Büro in die Champions League der Architektur – und bescherte der Tate, dem grössten Museum für moderne Kunst der Welt, Besucherrekorde. Ein Beispiel für architektonische Qualität, die sich direkt in Zahlen übersetzt. Bereits vier Jahre später begann die Planung für die Erweiterung.

Die Welt hat sich verändert seither. Die Tate erweckte das südliche Ufer der Themse aus dem Dornröschenschlaf. Rundum entstanden Glastürme, der scherbenförmige Shard holte jüngst den europäischen Höhenrekord. Herzog & de Meuron haben in der Zwischenzeit auf vier von fünf Kontinenten gebaut, den Pritzerpreis erhalten und sind auf über 400 Mitarbeiter gewachsen. Das Tate-Team aber blieb dasselbe: Um ihr Meisterwerk zu erweitern, spannten die Architekten erneut mit dem Designer Jasper Morrison und dem Landschaftsarchitekten Gu?nther Vogt zusammen.

Ablesbare Geschichte

Wie schliesst man an seinen grössten Hit an, ohne sich zu wiederholen? Der Entwurfsprozess verdeutlicht, wie sehr sich die Architekten den Kopf zerbrochen haben. Erst stapelten sie Glasboxen zu einer Pyramide. Aber damit hätte sich der Neubau zu stark vom Bestand gelöst. Alt und Neu sollten eine Einheit bilden, kein Nebeneinander. Gleichzeitig sollte die Geschichte ablesbar bleiben.

Herzog & de Meuron lösten den Zwiespalt mit einer zweischneidigen Strategie: Das Material gab die Vergangenheit vor; die Form die Gegenwart. Die Architekten strickten einen Schleier aus 336'000 von Hand verlegten Backsteinen, der von weitem der alten Fassade gleicht. Aus der Nähe erkennt man: Das Kleid ist durchlässig, eine leichte Variation des mauerschweren Bestandes. Fensterbänder durchschneiden die homogene Hülle, ohne aus dem abstrakten Körper ein Haus zu machen.

Das Volumen steht in expressivem Kontrast dazu. Die klare Trennung verwischt einzig der Teil der Erweiterung, der aus dem Altbau geschnitten wurde. Die Architekten begründen die gekappte Pyramide mit Sichtachsen, Raumprogramm und Kontext. Die Form ist aber vor allem ein 65 Meter hohes Aufbegehren gegen die Vernunft der Vergangenheit. Obwohl der Neubau die Fläche um 60 Prozent erweitert, bleiben die Verhältnisse klar: Die Turbinenhalle und der wuchtige Kamin sind das Gesicht der Tate Modern.

Mit der Erweiterung wendet sich das Museum der bisher vernachlässigten Rückseite zu. Der Rundung der unterirdischen Öltanks folgend spannt der Anbau einen Platz auf, der zum neuen Eingang führt. Wo einst flüssige Energie lagerte, summen nun Chöre im Kreis: Die Architekten haben die Tanks für performative Kunst umgebaut. Dieser unterirdische Teil wurde bereits 2012 eröffnet. Neben dem ruppigen Sichtbeton von früher ragen schräge Stützen mit glatter Zementhaut durch den Raum. Eine Wendeltreppe führt hinauf in die neue Welt, die mit den Erwartungen bricht.

Plattitüde trifft ins Schwarze

Zwischen den Haupträumen und der Fassade legen die Architekten ein Netz an Korridoren, das an Piranesis Fieberträume erinnert. Ein Luftschlitz stösst im Knick nach oben, ein Splitlevel lugt hervor, eine Treppe verschwindet im Beton. Einmal verläuft sogar der Boden schräg. Während der Hauptbau mit minimalen Mitteln ein Maximum an Offenheit schafft, erzeugt der Anbau mit aufwendigen Verrenkungen neckische Verengungen, um die Besucher nach oben zu locken. Das Betonskelett hält die Form zwar im Zaum. Aber wenn der Knick sogar durchs Fenster springt, offenbaren die Architekten, die ihre Baukunst einst auf die Minimal Art bezogen, ihre Lust am Dekonstruktivismus. Und zeigen einmal mehr: Wir können alle Stile, wenn es die Aufgabe erfordert.

Im Innern des Anbaus. Foto: Jack Taylor (Getty Images)

Die Ausstellungssäle, die sich in den unteren drei Geschossen konzentrieren, bleiben unberührt davon. Sie bilden den rechtwinkligen, neutralen Rahmen für die Kunst. Am Boden liegt wie im Hauptbau Parkett – nur hier nicht schwarz gebeizt. Die Einbauten aus hellem Eichenholz führen die materielle Präzision von damals ebenfalls weicher fort. Die Tate hat ihre Ausstellung komplett überarbeitet und präsentiert 800 Werke von über 300 Künstlern, drei Viertel davon Neuanschaffungen seit 2000. Der Neubau fokussiert auf Kunstwerke, die ab den 60er-Jahren den Sprung vom Sockel hinab zu Architektur und Stadt machten. Charlotte Posenenske baut aus Lüftungsschächten Skulpturen, Bruce Nauman konstruiert einen illuminierten Raumschlitz, und Kader Attia modelliert eine algerische Stadt – aus Couscous.

In den oberen Geschossen dreht sich alles um Kunstvermittlung. Hier veranstaltet die Tate Workshops, lädt auswärtige Galerien zu Gastspielen ein und bewirtet die Gönner. Auf der Plattform im zehnten Stock geniesst jedermann die Aussicht über die Stadt – ein Zückerchen für die breite Bevölkerung, die die Aufwertungswelle in Southwark wegspülte. Wer wieder in der Turbinenhalle unten über die Brücke spaziert, die Alt und Neu verbindet, erblickt einen alten Bekannten der Architekten: Ai Weiwei rekonstruiert einen Baum, der seine Äste in den Hallenhimmel streckt. Einmal mehr ist man erschlagen von dieser Kathedrale der Kunst, in der Olafur Eliasson und andere die Grenzen ihres Metiers neu absteckten. Der Anbau wirkt daneben als das, was er ist: eine Erweiterung. Ein neues, starkes Kapitel, aber keine tek­tonische Plattenverschiebung wie vor 16 Jahren.

Man kann über manche Schräge streiten, wie bei jedem Winkel, der nicht 90 Grad misst. Doch die Basler Architekten bauen einen Hingucker, der haarscharf die Balance hält zwischen geometrischer Auflehnung und materieller Verwandtschaft. Wer relevant bleiben will, muss sich ständig neu erfinden. Was wie eine Plattitüde klingt, trifft bei Herzog & de Meuron ins Schwarze. Die Tate Modern verdeutlicht wie kein anderes ihrer Projekte ihr Streben, neuen Ideen nachzujagen, um nicht in der Routine zu erstarren. Auch wenn sie dafür die Wände zum Kippen bringen müssen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2016, 19:14 Uhr

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