Interview

«Ihre skulpturale Kraft steht ausser Frage»

Die Armee gibt Bunker und andere Anlagen auf. Zwei Architekten über deren Umnutzungsmöglichkeiten und symbolisch-architektonische Bedeutung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Schweizer Armee ist der grösste Immobilienbesitzer der Schweiz – und stösst nun seine Ware ab. Als Architekten müssen Sie begeistert sein.
Natürlich. In den gut 100 Jahren des modernen Festungsbaus entstanden je nach Quelle 20'ooo–35'000 Militärobjekte. Hierunter fällt jedoch alles Mögliche, von den schlängelnden «Toblerone»-Panzersperren bis zum unterirdischen Spital. Spannend sind vor allem Kampf- und Führungsbauten wie Artilleriefestungen oder Infanteriebunker oder vorbereitete Sprengobjekte wie Brücken.

Was ist von solchen Militärbauten architektonisch zu halten?
Sie stellen gewissermassen eine Parallelwelt zur zivilen Besiedelung dar: skulpturale Kraft, eine Ästhetik der Schwere sowie eine endlose Oberfläche (in einem Material) oder der Tarnung als unsichtbare Architektur. Dies sind alles Themen, die seit den 1970er-Jahren in die Architektur eingeflossen sind und auch das Schweizer Bauschaffen geprägt haben.

Ging man beim Bau 100 Prozent pragmatisch vor – oder berücksichtigte man die Landschaft?
Das Gelände spielt im Abwehrdispositiv die Hauptrolle. Die strategische Lage im Gelände, die Aussicht, Schussweiten sind zentrale Elemente. Die Logik der Verteilung der Bauten über die Schweiz ist nur aus der Topografie erklärbar. Und selbst in den hochgradig standardisierten Bautypen sind Abweichungen und regionale Unterschiede erkennbar, denn die Ausführung war ja handwerklich und dadurch lokal geprägt.

Erlösen uns die Militärbauten vom Zwang zur urbanen Verdichtung?
Ihre skulpturale Kraft steht ausser Frage, doch sie erlösen uns nicht von unseren urbanen Problemen und taugen nicht als Ventil des Dichtestresses. Als Raumreserve sind sie vielfach zu stark festgelegt auf nun obsolete Funktionen und gleichen eher Maschinen, denen man den Stecker gezogen hat. Selbst als romantischen Fluchtpunkt könnte man sich behaglichere Rückzugsmöglichkeiten vorstellen als fensterlose Stollen im Felsmassiv.

Was nun mit den Bunkern?
Als Zeitzeugen einer Schweiz aus vergangener Zeit und Arbeitsfeld der Denkmalpflege stehen sie ausser Frage. Und manche Filetstücke wie Militärkasernen, die seit längerem einem Reorganisationsprozess unterlagen, befinden sich oft innerstädtisch und könnten zur Revitalisierung der Innenstadtlagen beitragen. Hier ist entscheidend, dass der Bund weiterhin gesellschaftliche Verantwortung übernimmt – vielleicht nicht mehr als Arbeitgeber, sondern als Akteur der Stadtentwicklung. Die schiere Masse ist jedoch überwältigend und die grosse Schwierigkeit zeigt sich darin, eine Nutzungsbewilligung für diese eigenartigen Räume zu bekommen. Die Anlagen stehen meist ausserhalb von Bauzonen, die Bewilligungsinstanzen sind kantonal geregelt. Der Bund als Eigentümerin hat hier keine guten Karten.

Welche Umnutzungsmöglichkeiten gäbe es konkret?
Wellnessanlagen, Bestattungsmöglichkeiten, Themenparks oder Räumlichkeiten für Innovationscluster. Auch Bunker zur Datensicherung sind seit dem NSA-Abhörskandal aktueller denn je.

Ist eine Bunkerumnutzung denkbar, die vergleichbar mit der Umnutzung von Industriebauten ist – also Kleingewebe und Gastronomie?
Das ist eher schwierig. Die spezifische Atmosphäre und die räumliche Extremsituation – kleinräumig bei Bunkern, Gänge bei Stollenwerken – legen viel fest. Hinzu kommen die wenigen Fensteröffnungen und die schwierigen klimatischen Bedingungen.

Wäre ein Abbau der Bunker angesichts der massiven Bauweise möglich? Oberirdische Volumen können abgetragen werden, allerdings ist das sehr teuer und aufgrund der kleinen Volumen auch oft nicht notwendig. Unterirdische Anlagen können im besten Falle aufgefüllt werden. Das Stilllegen spart Unterhaltskosten.

Woher rührt die schweizerische Faszination für Räume im Untergrund wie Bunker oder Tunnel?
Die Frage nach der unterirdischen Infrastruktur ist im Schweizer Kontext natürlich untrennbar mit den Alpen verbunden. Die topografische Grundlage hat uns so weit gebracht, wenngleich erst wirtschaftliche Gründe dazu führten: Selbst die Gotthardbahn ist anfänglich nicht zur Hauptsache von Schweizer Banken finanziert worden, sondern von privaten ausländischen Investoren. Erst im Konflikt darum wurde sie zu einer nationalen Sache und dabei viel mehr im Umstand, dass Interessen unterschiedlichster Regionen und Sprachkulturen zu einen waren. Spannend ist, dass erst in der Überwindung des Hindernisses, quasi vom Stolz genährt, der Mythos entsteht. Natürlich erst so richtig befeuert durch den Gotthard als felsige Festung im Zweiten Weltkrieg. Die Schweiz als neutraler Zwerg zwischen den Grossen hat die Mentalität der Schweizer geprägt. Für diese Mentalität stehen auch die Bunker.

Inwiefern sind die Anlagen heute noch identitätsstiftend?
Für die Aktivdienstgeneration, die heute für die meisten der ehrenamtlichen Führungen der Privatmuseen in alten Bunkeranlagen steht, sind sie sicherlich ein Identifikationspunkt. Sie waren bei der Erstellung und beim Betrieb dabei. Die Geheimhaltung spielt natürlich eine wichtige Rolle, es gibt Eingeweihte und Unwissende. Doch selbst bei unscheinbaren Stollenwerken waren Emissionen, Know-how und funktionierende Maschinenparks sowie verfügbare Rohstoffe vonnöten. Das lässt sich in einem Dorfleben beispielsweise kaum verheimlichen. Ein zentraler Punkt ist heute, dass genau diese Aktivdienstgeneration langsam wegstirbt und die Erinnerungskultur sich verändern wird.

Sind die Bunker nicht auch nationale Symbole, die die Schweiz in ihrer Eigenheit bestärken?
Nun, Bunker findet man nicht nur im Alpenraum, es gibt Bunkerlinien von der Biskaya bis nach Albanien. Symbolisch stehen sie bei uns für den Zweiten Weltkrieg, als ein Grossteil der Bunker entstand und dies sich in den Köpfen als Reduitschweiz festsetzte. Das Thema fand ja auch Eingang in die Literatur zum Beispiel bei Hermann Burger («Künstliche Mutter») oder jüngst bei Christian Kracht («Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten»): Die Höhlenfaszination als pränatale Prägung, deren Erinnerung auch den Kurzschluss zum Mythos der Mutter als symbolische Verleiblichung des Nationalen leistet. Aber letztlich sind es Symbole der Vergangenheit. Vielleicht müsste man sich fragen, welche Gebäude heute den Schweiz-Mythos begründen – ist da mehr als der Flughafen Zürich?

Erstellt: 28.11.2013, 11:41 Uhr

Gesprächspartner

Lukas Schmid (Vetter Schmid Architekten Zürich) und Roland Züger (Kessel und Züger Architekten Zürich/Berlin) forschen zur Bunkerarchitektur. Zusammen mit Architekturstudierenden der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften entwickelten sie neue Nutzungen für die Sperrstelle in Näfels/Mollis, die «Falschen Chalets» in Ennetberge sowie den Bunkergürtel in Kreuzlingen.

Bildstrecke

Armee schliesst Standorte

Armee schliesst Standorte Der Entwurf zum neuen Stationierungskonzept der Armee sieht vor, dass die Armee künftig auf einen Drittel der Immobilien verzichten muss.

Artikel zum Thema

Diese Standorte schliesst die Armee

«Die Armee ist zum Sparen gezwungen»: Verteidigungsminister Maurer gibt bekannt, welche Immobilien die Armee aufgeben will. Ein Drittel ist betroffen – darunter drei Flugplätze und fünf Waffenplätze. Mehr...

Arbeitsplätze oder Jet-Lärm?

Die Armee muss sparen. Das führt zu einer brisanten Situation zwischen den SVP-Parteifreunden Ueli Maurer und Oskar Freysinger. Mehr...

Vierfrucht-Alpinisten

Outdoor Outdoor Die Schweizer Armee leistet sich eine Truppe motivierter Gipfelstürmer. Ein Paradebeispiel der Miliz – oder unnötige Militarisierung der Bergwelt? Zum Blog

Standorte auf Karte

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...