Luftig statt klobig

Der japanische Architekt Shigeru Ban erhält den Pritzker-Preis. Sein Anliegen ist, mit möglichst wenig Masse einen möglichst funktionalen Bau zu errichten.

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Nennen Sie ihn bloss nicht Öko-Architekt. Mit diesem Prädikat hat er gar nichts am Hut. «Ich hasse einfach die Verschwendung», antwortet der japanische Architekt Shigeru Ban jeweils auf die Frage, warum er hauptsächlich rezyklierbare Materialien für seine Bauten verwende.

Diese Sparsamkeit hat sich nun ausgezahlt. Wie gestern bekannt wurde, wird der 57-jährige Tokioter mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet. Damit geht der wohl renommierteste, mit 100'000 US-Dollar dotierte Architekturpreis zum zweiten Mal in Folge an Japan – letztes Jahr kam Bans Landmann Toyo Ito in die Kränze –, und behauptet sich Japan als Architekturnation: Mit Shigeru Ban hat immerhin schon der sechste Japaner den seit 1979 von der Hyatt-Stiftung vergebenen Pritzker-Preis geholt; erfolgreicher sind einzig die USA mit sieben Laureaten.

Obsolete Schrauben

So erstaunt es nicht, dass auch Shigeru Ban in Los Angeles und New York studierte, bevor er auszog, um die Welt mit seinen unprätentiösen, auffällig luftigen Bauten zu beglücken. Zu den bekanntesten gehören etwa der 2010 fertiggestellte, wie eine riesige Flunder in der Landschaft liegende Satellit des Centre Pompidou in Metz sowie der als «Nacktes Haus» bezeichnete Bau in der japanischen Saitama-Präfektur. Und auch Zürich hat seit kurzem seinen eigenen Ban: Auch der Tamedia-Erweiterungsbau, welcher vergangenen Sommer nach 5-jähriger Bauzeit fertiggestellt wurde, geht auf Shigeru Bans Konto. Die Gruppen von jungen Architekten, welche regelmässig durch das 7-stöckige Haus am Stauffacher streifen, fasziniert dabei besonders das Innengerüst aus Fichtenholz, das, clever zusammengesteckt, Schrauben gänzlich obsolet machte.

Dieser ebenso unkonventionelle wie experimentierfreudige Umgang mit Baumaterialien ist typisch für Shigeru Ban. Als er letztes Jahr im Park des Museums Rietberg für die Zürcher Festspiele einen demontierbaren Sommerpavillon errichtete, griff er auf Kartonsäulen (!) sowie das Hightech-Material Carbon zurück, das sonst vor allem in der Flugzeugindustrie und in der Formel 1 verwendet wird. In dieser eigenwilligen Kombination zeigt sich zweierlei: Erstens, dass Shigeru Ban keine Angst vor der Endlichkeit, der Vergänglichkeit der Architektur hat. Zweitens, dass es ihm ein Anliegen ist, mit möglichst wenig Masse einen möglichst funktionalen Bau zu errichten, und zwar so, dass die Umgebung möglichst wenig davon beeinträchtigt wird.

Dynamik statt Statik

Bans Bauten wollen nicht protzig Raum einnehmen, sondern diesen baulich strukturieren. Befindet man sich in einem Ban-Haus, fühlt man sich entsprechend nicht «umbaut», sondern vielmehr in die Umgebung eingebettet. Dynamik statt Statik, lautet die Devise, luftig statt klobig, und ja: auch temporär statt permanent. Nach dem verheerenden Erdbeben von Kobe 1995 gründete Ban das Voluntary Architects’ Network, eine Katastrophenhilfe zum schnellen Aufbau temporärer Häuser und Schulen.

Den Stempel eines Architekten von Provisorien lässt sich Ban freilich nicht aufdrücken. Seine permanenten Gebäude sind ihm mindestens ebenso wichtig: «Häuser sind für mich wie Kinder», meinte er letztes Jahr. «Man hat alle gleich gern. Das eine machts einem vielleicht ein bisschen leichter als das andere.» Bans neuestes «Kind» entsteht ebenfalls in der Schweiz: In Biel soll demnächst der Startschuss für die Errichtung des neuen Bürogebäudes von Omega/Swatch fallen.

Damit ist der Pritzker-Preis ab sofort ein bisschen mehr mit der Schweiz verbunden: Zu den bisherigen Laureaten gehören Peter Zumthor (2009) und das Basler Duo Herzog & de Meuron (2001).

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.03.2014, 10:24 Uhr

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