Hintergrund

Nachhaltig auf dem Holzweg

Wo die Schrebergartenidylle gefeiert wird: Das Gewerbemuseum Winterthur präsentiert vielfältige Holzarchitektur aus Finnland.

Ein federleichtes, hölzernes Netz: Feingliedriger Aussichtsturm im Zoo von Helsinki.

Ein federleichtes, hölzernes Netz: Feingliedriger Aussichtsturm im Zoo von Helsinki. Bild: Jussi Tiainen

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Die nächsten Wochen dreht sich am «Finnischen Frühling» in Winterthur alles um das Land im europäischen Norden: 20 Ausstellungen, Theatervorführungen, Lesungen, Konzerte und Filmabende stehen auf dem Programm und bringen finnische Frühlingsluft in die Gassen der Altstadt. Den Auftakt macht eine Ausstellung über nachhaltiges Bauen mit Holz im Gewerbemuseum.

Finnland ist das waldreichste Land Europas und hat eine lange Holzbautradition. Diese geriet im letzten Jahrhundert aber in Vergessenheit. Nachdem verheerende Brände ganze Stadtteile zerstört hatten, bauten auch die Finnen lieber mit dauerhaftem Stein. In jüngster Zeit erlebt der Holzbau aber eine Renaissance: Die Forderungen nach Nachhaltigkeit und neue Brandschutznormen machen Holz zu einem Baustoff mit grossem Zukunftspotenzial. Heute darf in Finnland mit dem Material bis zu acht Geschosse hoch gebaut werden, und auch die Bestrebungen zur CO2-Reduktion geben der Holzbauweise Auftrieb.

Konzerthalle, Sauna und Büro

Architekt und Kurator Kimmo Kuismanen wollte neben dem Bauen auch den Klimawandel thematisieren. So informieren Stellwände über mögliche Folgen der Klimaerwärmung, den ökologischen Fussabdruck und klimagerechtes Bauen. Am interaktiven CO2-Kalkulator kann der Besucher den Einfluss der Heizung, der Wandkonstruktion oder der Fenstertypen auf die Ökobilanz eines Gebäudes nachvollziehen. An einem Bildschirm schreitet man mittels Panoramabildern durch ein Wohnhaus und liest dabei kurze Tipps zum Holzbau. Die kleine Ausstellung spricht viele Themen an, kann die meisten aber nur oberflächlich anschneiden.

Auf die Theorie folgen Beispiele aus der Baupraxis. Die Tafeln zeigen zum Beispiel eine Konzerthalle mit hölzerner Tragstruktur, eine Sauna aus Dachschindeln oder ein Bürogebäude als Blockbau. Daneben sind vor allem Ein- und Mehrfamilienhäuser in Holz ausgestellt, wie sie in Finnland immer häufiger gebaut werden. «Das ökologische Haus soll zum Mainstream werden», meint Kuismanen. Die Ausstellung zeigt deshalb auch städtebauliche Studien zu Holzstädten und CO2-neutralen Siedlungen.

Urbanität ist kein Thema

In Finnland sind derzeit über 40 Quartiere geplant, die komplett in Holzbau erstellt werden. Viele zelebrieren in erster Linie den Kleinstadtcharakter. Zwar ist von Verdichtung die Rede, doch das bedeutet meist dicht gedrängte Reihenhauszeilen mit weniger als vier Geschossen. Die «niedrigen, verdichteten» Überbauungen werden als «gemütliche Schrebergartengebiete» angepriesen. So verbindet sich die Idylle des Holzhauses mit dem Wunsch nach dem Wohnen im Freien. Urbane Dichte, kompakte Bauweise und öffentliche Plätze sind in diesen Gartenstädten kaum Themen.

Die lange Holzbautradition in Finnland beleuchtet die Ausstellung nur am Rande. Die grossen finnischen Meister der Moderne werden auf einer einzigen Tafel abgehandelt. Kurator Kuismanen sieht die architektonische Moderne kritisch, er plädiert für einen «modernen Regionalismus». Dieser kann aber in vielen Fällen nicht überzeugen. Gerade bei den Wohnbauten vermengen sich Satteldach, Holzverschalung und grosse Glasflächen zu banalen Vorstadtsiedlungen. So gut die Klimabilanz des Holzbaus ist, sie macht noch keinen guten Entwurf. Vielversprechend sind aber einige sakrale Bauten, die an der Holzbautradition Finnlands anknüpfen; so etwa die Kirche von Kärsämäki, eine Blockholzkonstruktion nach alter finnischer Bautradition, deren Fassade mit hölzernen Schindeln überzogen ist. Oder die St.-Heinrich-Kunstkapelle in Turku: Das schmale Kirchenschiff ist ganz in Holz gefertigt, die massiven Träger ragen weit nach oben und vereinen sich hoch über den Sitzbänken zum spitzen Dach.

Expressive Projekte

Dass mit Holz auch ganz neue Wege beschritten werden können, zeigen ein paar expressive Projekte, die mit der Leichtigkeit des Materials spielen. Im Zoo von Helsinki etwa verweben sich Sperrholzlatten netzförmig zu einem feingliedrigen Aussichtsturm. Oder die umlaufenden Holzbänder eines kleinen Hotels fächern sich auf, greifen wellenförmig in den Raum und lösen das Gebäude auf. So führt Holz im Verbund mit digitalen Entwurfstechniken zu neuen Spielfeldern. Die Projekte bringen frischen Wind in die etwas trockene Ausstellung. Sie mögen verspielt erscheinen, doch sie zeigen, dass die Wiederentdeckung des Holzbaus nicht nur für die Nachhaltigkeit, sondern auch für die Architektur neue Impulse liefern kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2011, 07:51 Uhr

Traditionelle Blockholzkonstruktion: Kirche von Kärsämäki. (Bild: Anssi Lassila)

Wellenförmige Holzbänder: Wisa-Hotel in Helsinki. (Bild: Pieta-Linda Auttila)

Infobox

«Holz. Nachhaltiges Bauen in Finnland», bis 29. Mai 2011, Gewerbemuseum

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