Nur noch 77-mal schlafen

Ob Gotthard-Basistunnel, Sechseläutenplatz oder Bahnhof Löwenstrasse: Grossbauten sind Geschenke.

Noch eine Baustelle, doch bald offen fürs grosse Publikum: Der Bahnhof Löwenstrasse in Zürich Anfang März. Foto: Reto Oeschger

Noch eine Baustelle, doch bald offen fürs grosse Publikum: Der Bahnhof Löwenstrasse in Zürich Anfang März. Foto: Reto Oeschger

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Sonnig war der Dezembertag, der Zug brauste von Spiez Richtung ­Frutigen, das Passagierherz pochte. Ein schwarzes Loch zwischen sauber betonierten Flanken, Eintauchen in die Röhre, kurz darauf war man schon im ­Wallis. Überall Reben, Ankunft in Visp.

Herrlich, jene erste Fahrt 2007 durch den Lötschberg-Basistunnel, der Monate zuvor eingeweiht worden war. Das Kind im Erwachsenen jubilierte.

Die Eröffnung von Grossbauten ist stets ein wenig Weihnachten. Das Prime-Tower-Hochhaus, das Sihlcity-Einkaufscenter, die Masoala-Halle des Zoos in Zürich. Der Bahntunnel vor Engelberg. Die Expo.02 mit dem Jean-Nouvel-Kubus im See. Luzerns Kultur- und Kongresszentrum. Die Wellen-Passage des Berner Bahnhofs: jedes Mal Prickeln bei der ersten Begehung, Besichtigung, Berührung.

Das Halbpräsent von 2016

Gleich drei monumentale Inbetriebnahmen stehen derzeit an – es sind sozusagen Geschenke. Das grösste Geschenk: der Gotthard-Basistunnel. Ende 2016 soll er öffnen. Das ist nicht mehr lange, wenn man bedenkt, dass man schon viele Jahre von ihm redet. Bereits kommt die Fantasie in Gang: Von Zürich nach Mendrisio fahren, das Muggiotal bis zu­hinterst erwandern, auf den Monte Generoso aufsteigen und am Abend wieder in den Norden heim­reisen: Dies Wunder wird möglich.

Theoretisch. Denn manche Geschenke sind stimmiger als andere. Man stellte sich ein Paket unter dem Christbaum vor mit einem tollen Puzzle; aber ein Zehntel der Teile wird erst später geliefert. So ähnlich ist das am Gotthard. Dank dem Basistunnel erreicht man Lugano von Zürich aus statt in 157 in 105 Minuten. Aber erst, wenn um 2020 der Ceneri-Basistunnel bereit ist und die Arbeiten beim Zugersee und der Axen-Passage abgeschlossen sind. Dieses Geschenk ist vorerst nur ein Halbgeschenk.

Keine echte Überraschung

Wesentlich bescheidener ist das zweite Geschenk; und es hat ebenfalls einen Haken. Nach Ostern wird der Zürcher Sechseläutenplatz eingeweiht. Fährt man momentan im Tram vorbei, fürchtet man angesichts der eingepassten Baumrondelle, der Platz könnte übermöbliert werden. Das eigentliche Problem ist ein anderes. Ein psychologisches: Ein Geschenk, das man Wochen vorher anschauen kann, ist keine echte Überraschung. Der Sechseläutenplatz ist unverpackt, er liegt bloss. Das ist, wie wenn man den Vater zwei Wochen vor Weihnachten beobachtet hat, als er den neuen Bobschlitten in der Garage versteckte; und seither schleicht man jeden Tag in die Garage und beäugt das einem zugedachte Geschenk. Die Überraschung ist weg.

Lustvoller Countdown

Geschenk drei ist der Bahnhof ­Löwenstrasse in Zürich mit Dutzenden neuer Shops, einem goldenen Dach, Flüsterschienen und futuristischen Liften. Dass vorerst bloss S-Bahnen, nicht aber die Ost-West-Schnellzüge ihn befahren, ändert nichts daran, dass man mit ihm Mitte Juni auf einen Schlag eine neue Welt offeriert bekommt; ein Objekt, das bisher verborgen lag. Auch wenn man eine Zeit lang durch die Bau­gitter der Unterführung im Hauptbahnhof ein bisschen etwas sehen konnte.

Im Fall des Bahnhofs Löwenstrasse ist der Countdown aus Kindertagen voll und ganz angebracht: Nur noch 77-mal schlafen bis zum grossen Tag.

Erstellt: 28.03.2014, 23:33 Uhr

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