Schön und teuer

Die Hälfte der Europaallee in Zürich ist gebaut. Das sorgfältig konstruierte Quartier bringt ein metropolitanes Flair in die Stadt, schafft aber vor allem Raum für wenige.

Langsam, aber sicher zieht Leben ein in das neu erstellte Stadtquartier: Blick vom Gustav-Gull-Platz in Richtung Hauptbahnhof. Foto: Urs Jaudas

Langsam, aber sicher zieht Leben ein in das neu erstellte Stadtquartier: Blick vom Gustav-Gull-Platz in Richtung Hauptbahnhof. Foto: Urs Jaudas

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Faustgross sind die Löcher im Glas. Kaum sind die Schaufenster an der ­Europaallee in Zürich geschmückt, ­fahren die Handwerker wieder vor. Als vermummte Querulanten letzten Dezember wütend durch den Kreis 4 ­zogen, warfen sie ihre Steine im neuen Quartier beim Hauptbahnhof besonders beherzt. Hier hätten sich die SBB ein letztes Stück Land vergoldet, riefen sie. Doch ihre zerstörerische Kritik greift zu kurz – abgesehen davon, dass sie die Falschen traf: die Kleingewerbler im Erdgeschoss. Die Scherben aber erzählen von mehr als von Krawall. Sie verweisen auf drei Aspekte, die den jungen Stadtteil prägen.

Den Protestierenden ist die Europa­allee ein Dorn im Auge, weil sie ein Stück Grossstadt hinters beschauliche Sihlufer bringt. Städtebaulich ist das jedoch kein Grund zum Poltern, im Gegenteil. Die Europaallee lehrt nämlich erstens: Die Dichte ist eine Chance. Vier der acht Baufelder sind bebaut, über die Hälfte der 1,5 Milliarden Franken verbetoniert. Mit dem Bezug des Baufelds G diesen Frühling nimmt der Gustav-Gull-Platz erste Züge an, daneben recken zwei Türme stolz ihr Haupt, der Blick Richtung Bahnhof lässt erahnen, wie die ­Allee ab 2020 zur kleinen Bahnhofstrasse wird. Hier darf das putzige ­Zürich dick auftragen, hier weht ein ­metropolitanes Flair durch die Strassen.

Der Massstabssprung zum Kreis 4 ist augenfällig. Rechts der fünfstöckige Blockrand, links die Hochhäuser auf wuchtigen Sockeln. Selbst die breitschultrige Sihlpost, die derzeit renoviert wird, wirkt fast zierlich im Vergleich. Doch Bahnhof und Geleise ertragen die Dichte locker, ihr Massstab ist der Verkehr. Und im Süden sorgt der Masterplan dafür, dass sich die alte und die neue Stadt verzahnen. Die Gassen laufen weiter, die Lagerstrasse wird zur breiten Allee – nachdem die Stadt von den SBB das Land zurückgekauft hat. Der Gustav-Gull-Platz und dereinst auch der Europaplatz schaffen öffentlichen Raum. So führen die grossen Häuser nicht zu Klaustrophobie, sondern erlauben einen präzisen Wechsel zwischen Enge und Weite.

Um die Dichte herunterzubrechen, schaffen die Architekten einen neuen Typus: den breiten Sockel, aus dem zwei Türme ragen. Der Sockel orientiert sich an den Höhen der bestehenden Traufen, die Hochhäuser verdichten gen Himmel. So vereint der Typus die beiden Stadtstrukturen in einem Gebäude. Allerdings sind die Blöcke meist wenig durchlässig. Max Dudler schafft bei der PHZH zwar ein System aus Wegen und ­einem Platz. Doch da dieser zwei Geschosse über dem Einkaufssockel liegt, bleibt er abgehoben vom Fussgänger­niveau und ist daher meist nur von Studenten bevölkert. Das UBS-Gebäude macht es besser: Es öffnet seinen Innenhof auf vier Seiten ebenerdig zur Stadt, jedenfalls solange es in der Nacht nicht die Schranken schliesst.

Hochwertig gebaut

Über die Schaufenster ziehen sich Risse, doch sonst sind die Fassaden intakt. Wir lernen also zweitens: Die Europaallee ist hochwertig gebaut. Nicht für die nächsten 30, sondern für die nächsten 100 Jahre, mindestens. Klopft man an die Fassaden, scheppert nicht wie vielerorts hohler Putz, der die Isolation darunter überschminkt. Hier kann man Stein, ­Beton, Aluminium anfassen. Die SBB lassen sich das Gesicht zur Strasse etwas kosten. Das nutzen die Architekturbüros Caruso St John und Bosshard Vaquer, um eine Liebeserklärung an die Stadt zu bauen. Sie kreierten mit Betonelementen, die wie Naturstein wirken, ein Haus, das zum Passanten spricht: Bei der ­Arkade schwingt der Beton wie ein ­Vorhang, die Eingänge betont er trichterförmig, neben den Schaufenstern rundet er sich sinnlich.

Auch Graber Pulver Architekten ­und Masswerk Architekten entwickeln Fassadenfantasie, zügeln sie allerdings mit einem strengen Raster, hinter dem die fein strukturierten ­Aluminiumbleche hübsch hoch- und runterfahren. So wechselt die Hülle stets ihr Gesicht, mal breit verglast, mal ­metallen zugeknöpft. Die übrigen Häuser sind ebenso wertig konstruiert, aber weit konventioneller entworfen. Bei der UBS reden die vier Fassaden der drei verschiedenen Architekten aneinander vorbei. Max Dudler packt die PHZH in ein Steinkleid, dessen monotones Gitter keine Abwechslung und kein Erbarmen kennt. Während das Haus am Gustav-Gull-Platz sich an jeder Ecke freudig ­erklärt, bleibt die PHZH stumm.

Bei aller äusseren Pracht: Innenräumlich haben die Häuser wenig Neues zu bieten. Und das im Wohnbaulabor ­Zürich, wo an Clusterwohnungen oder an 30 Meter tiefen Grundrissen getüftelt wird. Doch die Bewohner an der ­Europaallee wollen keine Experimente: Hauptsache, gross und edel. Aus der ­Badewanne blicken sie über die Stadt bis zum See und lassen Aussicht, Marmor und Eichenholz für sich sprechen.

Verreicherung der Stadt

Der dritte Stein der Vermummten trifft daher ins Schwarze: Die Europaallee ist ein Stück segregierte Stadt. Mit Ausnahme der PHZH wurde hier gebaut für die oberen Prozente. In den Büros schieben Grossbanker Zahlen und Angestellte von Internetriesen Codezeilen herum. Eine Monokultur, bei der es einem kühl ums Herz wird. Und in den Wohnungen haust nur, wer Geldprobleme einzig vom Hörensagen kennt. 5000 Franken kosten 3½ Zimmer pro Monat, die auf 130 Quadratmetern den Flächenverbrauch pro Person munter nach oben schrauben. In den Alterswohnungen berappen die Rentner inklusive Service monatlich gar bis zu 17 000 Franken. Und die ­Eigentumswohnungen verkauften die SBB schlicht und einfach den Höchst­bietenden – ein Novum in der Schweiz.

Will man hier überhaupt wohnen, hier, so eingeklemmt zwischen Bahnlärm und Langstrassengeschrei? Schon jetzt spürt der Kreis 4 den Druck aufs Portemonnaie, den die vielen Neubauten auslösen. Es wird fleissig renoviert, totalsaniert oder gleich neu gebaut. Die Europaallee zeigt hart auf hart: Die Verreicherung der Stadt ist nicht aufzu­halten. Wer nicht zahlt, der wird weg­gedrückt.

Immerhin: Am Boden sucht der Stadtteil den Anschluss. Günstige Mieten ermöglichen ein belebtes Erdgeschoss, das dem Quartier die Hand reicht. Keine Markenriesen, sondern kleine Läden versuchen hier ihr Glück. Man kann Blumen kaufen, sich die Haare schneiden lassen, einen Kaffee trinken. 2017 wird das Quartier mit dem Baufeld H, in den der Kino- und Kulturort Kosmos einzieht, noch ein Stück öffentlicher. Die breite Bevölkerung ist in den Gebäuden willkommen, jedenfalls solange sie konsumiert.

Auf der anderen Seite der Geleise bauen die SBB bald den kleinen Bruder der Europaallee. An der Zollstrasse ­entstehen Wohnbauten und ein Büro­gebäude, das sich beim Bahnhof über das Perron stülpt. Den Abschluss macht die Genossenschaft Kalkbreite an der Langstrasse mit einer Siedlung, in der Normalverdiener das gemeinschaftliche Wohnen neu erfinden wollen. Ein alternativer Gegenpol zur kapitalgesteuerten Europaallee. Wenn diese 2020 eröffnet wird, ist Zürich gebaut. Jedenfalls die ­Filetstücke.

Erstellt: 19.04.2015, 20:48 Uhr

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