Sind die Tiny Houses wirklich so ökologisch?

Die Minihäuser seien nur für «Einsiedler und Ökofakire», sagt ein Pionier für alternative Wohnformen. Tiny-House-Besitzer widersprechen.

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Auf einem grünen Spickel Wiese im zürcherischen Au steht die Tilla – Tiny Villa – von Amelie ­Böing und René Reist. Mit ihrem einjährigen Sohn und einem Wolfshund lebt die Familie auf 33 Quadratmetern. Was klein aussieht, fühlt sich innen grösser an. Die Einrichtung ist schlicht, aber verspielt. Im ­Garten summen die Bienen, nebenan blühen Bäume.

Ein Wohntraum, für den sich immer mehr Leute interessieren. Bereits gibt es den Verein Kleinwohnformen mit 760 Mitgliedern. Wie viele Tiny Houses – eine unter anderen Kleinwohnformen – in der Schweiz stünden, könne nicht beziffert werden, sagt Vorstandsmitglied Jonas ­Bischofberger.

Inseln in der Stille

Wie sinnvoll ist diese Wohnform? Ist sie nachhaltig? Ist sie sozial verträglich? Oder verschärft sie gar die Zersiedelung und bedroht Kulturland? Stefan Breit, der am Gottlieb-Duttweiler-Institut im Bereich Wohnen, Infrastruktur und Umwelt forscht, sagt: «Beim Tiny House werden diese Überlegungen zu Nachhaltigkeit sofort in die Waagschale gelegt.» Schnell würden Fragen aufkommen, ob die Bewohner sich ernsthaft ­bemühten, nachhaltig zu ­leben, oder dies nur vorgäben. Baue aber etwa eine Pensionskasse ein neues Büro- oder Wohngebäude, sei dies nicht der Fall, obwohl kritische Fragen weit angebrachter wären.

Amelie Böing und René Reist in ihrem Tiny House in Au, ZH. (Video: Aleksandra Hiltmann, Anja Stadelmann)

Das könne daran liegen, dass mit dem Tiny House gesellschaftliche Visionen wie ein nachhaltiges Leben assoziiert werden. Breit sieht in Kleinsthäusern einen Gegentrend zum städtischen, schnellen Leben. «Man will sich zurückziehen in die Natur, die Ruhe, die Stille.»

Dabei handle es sich meist um eine Vision für Einzelpersonen und nicht für Kollektive. Radikaler drückt das Hans Widmer aus. Der Pionier für neue Wohnformen findet Kleinsthäuser sozial beelendend. Sie seien etwas für «Einsiedler, Misanthropen, Introvertierte und Ökofakire».

«Tiny» heisst winzig – aber alles findet Platz, wie Blicke in die Tilla zeigen. Foto: Samuel Schalch

Hans Widmer ist ein Verfechter des verdichteten Bauens und gemeinschaftlicher Wohnformen. An Tiny Houses kritisiert er, dass sie viel Platz beanspruchten, nicht wegen des Wohnraums pro Person – der sei in der Tat tiefer als der Schweizer Durchschnitt –, sondern wegen des Umschwungs. Werde das Tiny House an einem abgelegenen Ort installiert, ergäben sich zudem lange Arbeits- und Einkaufswege. Würden diese mit einem Auto bewältigt, sei das alles andere als ökologisch.

Auch für Breit steht fest, dass ein Tiny House nicht per Definition eine nachhaltige Wohnform ist. «Nichts schlägt eine grosse Überbauung mit bescheidenen Wohnungen in der Stadt. Die Wege sind alle extrem kurz, der Platz wird optimal ausgenutzt und geteilt.» Mit der Wohnform Microliving ist beispielsweise aktuell eine urbane Alternative zum Tiny House im Entstehen. Wohnen auf einer Fläche von rund 30 Quadratmetern, deren Grundrisse alles Notwendige – wie Schlafen, Küche oder Bad – für ein eigenständiges Wohnen bereitstellen. Dies geschieht jedoch nicht allein auf einer brachliegenden Fläche, sondern im grossen Wohnblock zusammen mit vielen Nachbarn. Der Trend, sich zu beschränken, kommt auch in diesen Überbauungen an.

Allein und doch urban

Der Unterschied sei aber, dass das Tiny House dafür das bessere Bild abgebe als eine kleine Stadtwohnung, ja das ikonenhafte Bild. «Wir denken an früher, ans Zelten in der freien Natur und Lagerfeuerromantik. Wir brauchen solche Bilder, wenn wir uns die Zukunft vorstellen wollen.»

Breit und Widmer können dem Kleinsthaus trotz Vorbehalten etwas abgewinnen und sehen in ihm keine gegenläufige Bewegung zum gemeinschaftlichen, verdichteten Wohnen, das derzeit an Bedeutung gewinnt. Tiny Houses würden Raum bieten für Personen, die das Alleinsein brauchten und sich dem städtischen Dichtestress entzögen, aber trotzdem in einer urbanen Gemeinschaft leben wollten, sagt Hans Widmer. So könne man ein Tiny House in den Hof einer Genossenschaft stellen, Lücken füllen, Hinterhöfe nutzen. Dabei sei die Möglichkeit, temporär an einem Ort zu wohnen, ein grosser Vorteil des Tiny House, das darauf ausgelegt ist, mobil zu sein.

Stefan Breit sieht Tiny Houses zudem als Teil eines grösseren Trends, bei dem Wohnformen sich ausdifferenzierten. «In Zukunft wird es nicht mehr nur die heute vorherrschende Form der 3- bis 4,5-Zimmer-Wohnung für die Vater-Mutter-Kinder-Familie geben.» Lebensentwürfe jenseits des klassischen Familienmodells nähmen zu: vom Einpersonenhaushalt bis zur Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft.

Zukunft mit Clustern

René Reist und Amelie Böing gehen sogar so weit, dass sie das Wohnen im Tiny House zu einer gemeinschaftlichen Wohnform weiterentwickeln möchten. Denn gerade in suburbanen und ländlichen Regionen seien Wohn­formen für gemeinschaftliches Wohnen, etwa Clusterwohnungen, noch nicht so verbreitet. Deshalb haben sie den Verein «Tilla – Nachhaltig wohnen» ­gegründet. Ihr Ziel ist es, eine Wohnmöglichkeit zu entwickeln, in der bis zu zehn Menschen ­gemeinsam leben können – möglichst energieautark, modular und flexibel.

Sie selbst sind trotz Wohnen im Tiny House immer noch in jene Gemeinschaft eingebunden, in der sie vorher lebten, teilen sich unter anderem eine Waschmaschine, Kleider oder Grossbestellungen für Essen. Soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit gehört für die junge Familie genauso zum Wohnkonzept wie ökologische.

Amelie Böing und René Reist vor dem Eingang ihres Minihauses. Foto: Samuel Schalch

Ökologische Herausforderungen für Tiny Houses seien vor ­allem Energieautarkie über den gesamten Jahreszyklus, Lösungen für die Wasseraufbereitung, die Platzierung und Verkehrsanbindung – sowie die Überlegung, dass die eingesparte Energie nicht andernorts wieder verschwendet würde. Dies sagt ­Kristina Orehounig, Leiterin des «Urban Energy Systems Lab» an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungs­anstalt (Empa).

Diese Kriterien erfüllt das Tiny House von Reist und Böing weitgehend. Es ist energieautark und fast klimaneutral, unter ­anderem dank Solarpanels und eigener Abwasserreinigungs­anlage. Das Holz und weitere Baumaterialien stammen aus Österreich, der Innenboden des Hauses ist aus Altholz von Baustellen, die Dämmung aus Schafwolle. Vor dem Haus stehen Velos, mit denen man schnell am Bahnhof ist. Flugreisen sind schon lange kein Thema mehr für die junge Familie.

Massentauglichkeit fraglich

Den Vorwurf, dass seine Familie zur Zersiedelung beitrage und Kulturland zerstöre, lässt der 33-jährige Reist nicht gelten. Wie in der Stadt könne sich ein kleines, mobiles Haus auch in ländlicheren Gegenden gut in Lücken einfügen. Die Zwischennutzung von Bauland sei zudem von Vorteil für die Biodiversität. Weil kein Erdreich abgetragen werde (das Tiny House braucht kein Fundament), werde das Grundstück nicht belastet. Verstehe man Ressourcenkreisläufe und verwerte Nährstoffe vor Ort wieder, etwa aus einer eigenen Wasseraufbereitung, stärke man ­damit sogar die Biodiversität. Die Familie bereitet ihren Umschwung extra für einheimische Pflanzen und Insekten auf.

Dass das Tiny House in Zukunft massentauglich wird, glaubt Orehounig jedoch nicht. Dazu gebe es schlicht zu wenig Platz. Gesamtheitlich über den ganzen Lebenszyklus betrachtet, sei es sinnvoller, erst den bestehenden Bestand an Häusern und Wohnungen zu nützen und energetisch zu sanieren, bevor zusätzlich gebaut wird. «Die Sanierungsraten sind derzeit aber sehr niedrig und nicht ausreichend, um die Ziele der Energiestrategie zu erreichen.»

Platzsparend wohnen sei jedoch sinnvoll. Die bewohnte Fläche pro Person sei über die letzten Jahrzehnte stark gewachsen. Um die Energieineffizienz für Gebäude zu reduzieren, dürften die bewohnten Flächen nicht stärker ansteigen. «Konzepte wie die 2000-Watt-Gesellschaft sind stark von beschränktem Wohnraum abhängig», sagt Kristina Orehounig.

Juristische Hürden

René Reist erklärt, wie stark die 2000-Watt-Gesellschaft auch von der aktuellen Baugesetzgebung abhänge. Gerade bei Kleinwohnformen sei es schwierig, beim Bau die gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten. Beispielsweise werde nicht der ­Gesamtenergieverbrauch einer Wohneinheit pro Person gemessen, sondern die Dicke der ­Wände. Die Anstrengungen, unter einem 2000-Watt-Verbrauch zu leben, seien dementsprechend gross – nicht wegen des Verzichts, sondern wegen der Bürokratie. So ist denn auch eines der Hauptziele des Vereins Kleinwohnformen, Letztere in der Schweiz als anerkannte Wohnformen zu etablieren und juristisch zu verankern.

Mittlerweile sitzt die kleine Familie im Garten vor ihrem Tiny House. Reist hat gerade ein schwarzes Schild vor dem Holzzaun aufgestellt. «Lade hier ­gratis dein E-Bike» – so teilt die Familie überschüssige Solarenergie. Für Passanten hat sie am unteren Ende des Zaunes eine Tafel mit Informationen über ihr Haus angebracht. Insbesondere die Kinder der nebenan liegenden Schule seien sehr interessiert. Und die Familie will ihren Traum vom nachhaltigen Wohnen nicht allein träumen. Zurzeit sucht sie einen Standplatz und Gleichgesinnte für ihr neues Projekt, die mobile Clustersiedlung.

Erstellt: 14.04.2019, 19:32 Uhr

Tiny Houses

Die Grösse der Mini-, Mikro- oder Kleinsthäuser variiert zwischen 15 und 45 Quadratmetern. Die Bauweise orientiert sich eher an der eines Hauses als eines Wohnwagens. 1997 publizierte die Architektin Sarah Susanka «The Not So Big House – A Blueprint for the Way We Really Live». Das Buch gab den Anstoss für das «Tiny House Movement» in den USA. Nachdem anfangs vor allem finanzielle Überlegungen überwogen hatten, führte das verstärkte Umweltbewusstsein zur Verbreitung von Tiny Houses. (ahl)

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