«Spielen heisst frei sein»

Günter Beltzig ist weltweit bekannter Spielplatzdesigner – und ist gegen Spielplätze. Kinder bräuchten solche nicht, findet er und fordert dazu auf, sich ernsthaft mit der Perspektive unserer Kleinen auseinanderzusetzen.

«Spielplätze sind Goldhamsterterrarien»: Günter Beltzig auf dem Spielplatz Urania.

«Spielplätze sind Goldhamsterterrarien»: Günter Beltzig auf dem Spielplatz Urania. Bild: Sophie Stieger

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Der Mann hat Sinn für Humor. Denkt man. Dabei meint er es ernst. Sehr sogar. Mitten im Feierabendgedränge am Zürcher Hauptbahnhof, zwischen getriebenen, gehetzten, gestressten Auf-dem-Heimweg-Menschen, steht er abrupt still, duckt sich, bleibt in der Hocke. «Was sieht ein Kind? Schauen Sie mal: Nichts als Ärsche!», und schon ist er bei seinem Thema: den jüngsten Erdenbürgern.

Er selbst ist mit seinen 69 nicht mehr der Jüngste, wirkt allerdings unverschämt unalt, beinahe jungenhaft, und das hat wenig zu tun mit seiner Erscheinung (Flipflops, Jeans und Sportrucksack) und nicht viel mit seinem braunen, vollen Haar, dafür mit dem, was man Ausstrahlung nennt: sein neugieriger Blick, die raschen, unvermittelten Bewegungen, wie atemlos er über unsere «kinderungerechten Städte» spricht und die Direktheit, mit der er Mensch und Umwelt anschaut, anspricht, anprangert. Kaum sind wir im Tram, zückt er seine Fotokamera und macht, nach Rücksprache mit der Mutter, ein Bild von einem Buben, der im hinteren Teil der Niederflur-Cobra sitzt und rausguckt. «So was habe ich noch nirgendwo gesehen, ein kindgerechtes Abteil im öffentlichen Verkehr!»

Wenn Günter Beltzig das sagt, muss was dran sein. Er ist einer der bekanntesten Spielplatzdesigner und entwirft seit 40 Jahren Plätze rund um den Globus. 400 hat er selbst kreiert – unter anderem in New York, Puerto Rico und England, bei weit über 3000 als Berater mitgewirkt. Aber nicht nur das: Günter Beltzig beschäftigt sich seit einem halben Jahrhundert mit der Frage, wie kinderfreundlich oder eben -unfreundlich unser Alltag, unsere Architektur, unser Lebensraum gestaltet sind. Er hat tagelang beobachtet, wie sich die Knirpse im öffentlichen Raum bewegen, sass so lange mit Fotoapparat und Notizheft auf Spielplätzen, dass ihn besorgte Eltern verdächtigten, Anrüchiges vom Nachwuchs zu wollen. Sein Fazit: «Kinder brauchen keine Spielplätze.» Mehr noch: «Spielplätze sind eine Perversion. Sie sind eine Prothese für eine verkrüppelte Kinderfreundlichkeit.» Oder, um ein weiteres Gleichnis zu zitieren: «Es sind Goldhamsterterrarien.» Solche Aussagen bleiben dank ihrer Störrigkeit und Markigkeit haften.

Herr Beltzig, Sie sagen, es braucht keine Spielplätze. Warum?

Weil Kinder überall, jederzeit und mit allem spielen, wenn wir sie lassen.

Allein in Zürich gibts rund 150 öffentliche Anlagen für Kinder. Was ist schlecht daran?

Die kindergerechte Stadt kommt ohne Spielplätze aus. In unserer zweckmässigen Leistungsgesellschaft mit Strassen, Autoparkplätzen, Hundeparks, Bioteichen und Strassencafés sind Kinder nicht frei. Darum schaffen Erwachsene Spielinseln zur pflegefreien Kinder-Bodenhaltung. Es sind Abschieberäume. Da dürfen, nein: Da sollen die Kleinen hin, um anschliessend bitte schön wieder artig und ruhig in der Öffentlichkeit aufzutreten.

Es ist doch legitim, den Nachwuchs auf verkehrsfreiem Raum austoben zu lassen.

Ja, natürlich. Ich bin sehr für unbeaufsichtigtes Spiel, finde es geradezu zentral, dass man Kinder spielen lässt. Nur sind die meisten Spielplätze wahre Ghettos. Wir manipulieren die Kinder, indem wir ihnen sagen, was sie toll finden sollen. Schau mal die Rutschbahn, ist die nicht wunderbar? Und kaum lässt das Kind dann, nach zweimal rutschen, Steine runter, tadeln wir. Tu das nicht! Dabei hat es eben erst begonnen, richtig zu spielen.

Aber es stört die anderen Kinder.

Nicht eher die Erwachsenen? Was heisst denn stören? Die meisten Spielgeräte – Rutschbahn, Schaukel – sind fälschlicherweise für Monotätigkeiten konzipiert, nicht fürs Spiel: von oben nach unten rutschen, hin und her schaukeln. Zum Spielen aber braucht man Freiheit, Zeit und Raum. Spielen heisst selbstbestimmt und kreativ sein, zweckfrei forschen, entdecken und selbst gestalten.

Haben Sie da nicht eine romantische Vorstellung von Kindern?

Nein, ich sehe in den Spielplätzen eine Möglichkeit, Gegensteuer zu geben zur zunehmenden Verfettung und Vercomputerisierung der Kinder. Wenn sie sich da bewegen, zusammen etwas ausprobieren, Freude und Fantasie entwickeln können, ist das für die gesamte Gesellschaft ein unbezahlbarer Mehrwert.

Naturnah und ungewöhnlich sehen Beltzigs Projekte aus. Da stehen Steinmauern im Grünen, ragen spinnennetzartige Kletterobjekte in den Himmel. Alles sehr robust, oft nur funktionsfähig, wenn mehrere Kinder miteinander kooperieren: Zwei pumpen Wasser, andere stellen die Schleusen, dritte lassen das Wasser auslaufen. Beltzig ist überzeugt, dass man viele Spielplätze praktisch ohne Geld verbessern könnte. Indem man eine Schaukel weniger aufstellt, um der Gruppenschaukel mehr Platz zu lassen zum Beispiel.

Wir stehen auf dem Lindenhofspielplatz in Zürich. Ein Knabe, vielleicht sechsjährig, liegt bäuchlings auf einer Gemeinschaftsschaukel, der andere stösst sie wild an, der dritte liegt darunter auf dem Rücken. Günter Beltzig findet das «super»: «Sie loten Grenzen aus, erfinden gerade ihr eigenes Schaukelspiel». Den allermeisten heutigen Spielplätzen würde der Designer eine «eher untere Note» geben. Sie seien zu dicht gebaut, zu eindimensional, zu wenig inspirierend.

Mal positiv gedreht: Was macht den guten Spielplatz aus?

Das kann ich selbst nach 30 Jahren Beschäftigung mit der Thematik nicht allgemeingültig formulieren. Im Grunde genommen braucht es jeweils eine soziologische Funktionsanalyse, um zu bestimmen, was es für welche Kinder wo genau braucht. Wasser, aber auch Erdhügel oder Steine sind immer ideal.

Reicht ein Stück Natur in der Stadt?

Nein. Erstens haben wir verlernt, wie man in der Wildnis spielt – die Angst vor Zecken, harzverklebten Händen und schmutzigen Kleidern ist zu gross. Zweitens haben Versuche gezeigt, dass Spielplätze ohne Geräte von den Eltern nicht angenommen werden. Sie gehen schlicht nicht hin, weil solche Plätze nicht ihrer Vorstellung entsprechen.

Es ist erstaunlich, wie ähnlich die Spielplätze gestaltet sind.

Ja, das sind immer Wellen: Nach den Stahlgeräten der Anfangszeit in den 50er-Jahren folgten in den 80ern die farbigen Kunststoffgeräte, und darauf kam die Holz-Phase. Heute sind Themen- und Künstler-Verwirklicher-Plätze angesagt. Die gefallen im besten Fall dem Künstler und den Erwachsenen.

Welche Rolle spielen die EU-Sicherheitsnormen?

Sie bestimmen beispielsweise Beschaffenheit und Fläche des Fallschutzes. Die Normen haben ihre Berechtigung – sind aber teilweise widersprüchlich und in vielen Bereichen zu eng. Oft werden sie missbraucht, um Ideen zu ersticken oder um Verkaufs- und Exportvorteile der Gerätehersteller zu erzielen.

Dabei gehts um Unfallversicherung. Immerhin müssen in der Schweiz pro Jahr etwa 5000 Spielplatz-Verunfallte verarztet werden.

Das Kind soll fallen, es muss fallen. Nur so lernt es, Gefahren einzuschätzen. Interessanterweise gibt es bei Erd- und Steinböden kaum Unfälle, weil die Kinder den Umgang damit kennen und Respekt haben. Gummiplatten vermitteln manchmal eine Scheinsicherheit.

Warum gibt es nicht mehr Spielplätze à la Beltzig? Brauchen die mehr Platz?

Nein, es ist eine Frage der Denkweise. Es gibt weltweit keinen einzigen Lehrstuhl für Spielplatzdesign, dafür zum Beispiel unzählige für Friedhofdesign. Das hat mit technischen Fragen zu tun: Weil die Leichen den Boden kaputt machen können, muss man etwas über die richtige Bepflanzung lernen. Beim Spielplatz fehlen solch eindeutige Faktoren.

Jeder meint zu wissen, was ein guter Spielplatz ist?

Es ist tatsächlich ein Jeder-kann-mitreden-Bereich. Faktisch werden 99 Prozent der Plätze von Landschaftsarchitekten realisiert, und selten haben die eine echte Kinderoptik.

Und dann kniet Beltzig wieder nieder und schaut sich die Gummiplatten unter der Gemeinschaftsschaukel an. «Dicker Kies wäre besser», sagt er, das rutsche weniger. Und vernichte Taubendreck. «Denn haben Sie gewusst: Taubenscheisse ist für Kinder gefährlicher als Hundedreck!» Er lächelt, zieht den Rucksack fest und flipflopt davon.

Erstellt: 28.06.2010, 00:21 Uhr

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