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Wie von einem anderen Stern

Im nordspanischen Avilés eröffnet das Internationale Kulturzentrum Oscar Niemeyer. Es ist das grösste Werk des 103-jährigen brasilianischen Architekten in Europa.

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Avilés hat eine mittelalterliche Innenstadt. Zahlreiche Kirchen und Stadtpaläste stammen noch aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Das nordspanische Küstenstädtchen liegt wunderschön an einer Flussmündung am Atlantik. Dennoch verlaufen sich selten Touristen nach Avilés – und noch weniger Kulturtouristen.

Das liegt vor allem daran, dass Avilés eher als Industriestadt mit qualmenden Schornsteinen, hässlichen Fabriken und noch hässlicheren Neustadtghettos bekannt ist. Diktator Franco puschte den Ort in Asturien zum nordspanischen Zentrum der Stahlindustrie. Zwischen 1950 und 1970 wuchs das Städtchen von 20'000 auf fast 100'000 Einwohner an. Dann kam in den Achtzigerjahren die grosse Stahlkrise. 16'000 Menschen verloren ihren Job. Alternativen gab es keine. Viele Stahl- und Kohlefabriken am Hafen rosten seither vor sich hin.

Nun sucht Avilés erneut seine Zukunft im Industriegebiet. Doch sind es diesmal keine klotzigen Fabriken und Hochöfen, welche den Menschen neue Perspektiven für die Zukunft geben sollen, sondern ein architektonisches Ensemble aus Kurven. Ein Gebäudekomplex, der schon bald Kultur- und Architekturfans aus der ganzen Welt anlocken soll, denn sein Erschaffer ist kein Geringerer als der legendäre brasilianische Architekt Oscar Niemeyer. Der Übervater avantgardistischer Architektur und Erbauer der brasilianischen Hauptstadt Brasilia zeichnete die Pläne dafür bereits 2005. Sie waren ein Geschenk zum 25-Jahr-Jubiläum der berühmten Prinz-von-Asturien-Preise, mit denen Oscar Niemeyer 1989 in der Sparte Kunst ausgezeichnet wurde.

Das neue Bilbao

Nach jahrelangen Streitereien zwischen Lokalpolitikern über die Frage, wo die als Kulturzentrum konzipierte Stahlbeton-Konstruktion denn erbaut werden solle, erhielt schliesslich Avilés den Zuschlag. «Das war wie ein Sechser im Lotto», sagt Javier Arribas vom örtlichen Tourismusbüro. Allein der Bau des «Internationalen Kulturzentrums Oscar Niemeyer», das am kommenden Samstag feierlich vom spanischen König Juan Carlos eingeweiht wird, liess die Touristenzahlen im vergangenen Jahr um 6,2 Prozent steigen.

Parallelen zum «Guggenheim-Effekt» im baskischen Bilbao drängen sich unweigerlich auf. Auch in der baskischen Metropole zieht das architektonisch spektakuläre Guggenheim-Museum von Frank Gehry im tristen Industriehafen plötzlich Jahr für Jahr bis zu einer Million Besucher aus der ganzen Welt an.

Vom «Niemeyer-Effekt» erwartet man in Avilés nicht weniger. Der Sprung auf die internationale Kulturbühne scheint zumindest in der Kunstszene zu funktionieren. Der architekturbegeisterte Hollywood-Star Brad Pitt besuchte vergangenes Jahr bereits die Bauarbeiten und bot seine Zusammenarbeit bei Design-Ausstellungen an. Der amerikanische Regisseur Woody Allen wird sogar das Filmzentrum des Niemeyer-Zentrums leiten.

Woody Allens Lieblingsfilme

Unterdessen wird Schauspieler Kevin Spacey als Leiter des Londoner Old Vic Theatre mit dem Niemeyer-Zentrum Theaterstücke produzieren, die in Avilés Weltpremiere feiern, bevor sie nach London gehen. «Wir haben in Avilés kein grosses Publikum. Werke können hier nicht monatelang im Programm bleiben. Deshalb werden wir uns bei Ausstellungen und auch im Theaterbereich vor allem auf die Produktion von Werken konzentrieren», erklärt Natalio Grueso, Leiter des Internationalen Kulturzentrums, das multidisziplinär auf Theater, Kino, Kongresse, Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und auch auf Erziehungsprogramme ausgerichtet ist.

Auch die «Gastronomie als Kunst» wird Platz im Niemeyer-Zentrum haben. Konkret werden Starköche wie Ferrán Adrià im Turmgebäude Kunst-Kochseminare abhalten. Der brasilianische Bestseller-Autor Paulo Coelho («Der Alchimist») hat öffentliche Lesungen versprochen. Wie Woody Allen gehört auch Coelho dem Sachverständigenrat des Oscar Niemeyer Kulturzentrums an und wird neben seiner Mitarbeit im Kulturbetrieb aktiv als «internationaler Botschafter» für das Zentrum werben, erklärt Zentrumsleiter Grueso.

Einflussreiches Beziehungsgeflecht

Das einflussreiche Beziehungsgeflecht scheint zu funktionieren. Das Programmheft der ersten Monate liest sich wie das «Who’s Who» der Kunstszene: Kevin Spacey, Carlos Saura, Sam Mendes, Jessica Lange, Julian Schnabel, Mario Vargas Llosa, Wole Soyinka und Norman Foster. Woody Allen wird die erste Filmreihe des Filmzentrums mit Streifen füllen, die sein eigenes Werk beeinflusst haben. Gemeinschaftsprojekte mit dem Lincoln Center, der Carnegie Hall, der Oper von Sydney und dem Pariser Centre Pompidou sind bereits in Planung.

Der Schritt vom Industriezentrum zur Kulturfabrik scheint hier so einfach zu sein wie der Weg über die bunte Stahlbrücke, welche die Gassen der Altstadt mit der futuristischen Kulturinsel verbindet. Angst, das Projekt könnte ein Misserfolg werden oder die Stars eines Tages fernbleiben, hat Natalio Grueso nicht. Ganz im Gegenteil: «Es handelt sich nicht nur um eines der wenigen Gebäude Niemeyers in Europa, sondern auch um das grösste und wichtigste des Kontinents, wie Niemeyer mir versichert hat», erklärt Grueso.

Auch Norman Foster will bauen

Auch die regionale Tourismusverantwortliche Noelia Menéndez Díaz ist sich der Sache sicher. Mit internationalen Airlines führt man Gespräche über Direktflüge, im ehemals dreckigen Industriehafen plant man Anlegeplätze für Kreuzfahrtschiffe. Zudem soll gleich neben dem Niemeyer-Zentrum eine «Insel der Innovation» entstehen, deren Pläne derzeit Stararchitekt Norman Foster ausarbeitet.

Obwohl Asturien mit knapp einer Million Einwohner nicht gerade ein üppiges Einzugsgebiet für einen Kulturbetrieb ist, hat niemand Zweifel: «Das Niemeyer-Zentrums ist unsere Zukunft», sagt auch José Alonso Gónzalez. Die Aufbruchstimmung ist gerade in seiner Branche zu spüren, versichert der Restaurantbesitzer. Seit Baubeginn vor vier Jahren haben viele neue Restaurants in Avilés eröffnet. Die Zahl der Hotels habe sich seit 2009 sogar vervierfacht, erklärt José und serviert seine neuste Erfindung in Sachen Nachspeisen. Das Eis in Kuppelform hat er der UFO-artigen Konferenz- und Ausstellungshalle im Niemeyer-Zentrum nachempfunden.

Ob die wirkliche Kuppel ebenfalls ein Hit unter den Kulturtouristen wird, bleibt abzuwarten. Noch wirkt der futuristische Gebäudekomplex auf der Industrieinsel inmitten des Flusses wie von einem anderen Stern: Die geschwungenen Formen der grau-weissen Stahlbetonkonstruktionen Niemeyers stehen in hartem Kontrast zu den jahrhundertealten Kirchen, Torbögen und bunten Steinhäusern der auf der anderen Uferseite liegenden Altstadt. In Form einer überdimensionalen Welle sticht das Auditorium unter den insgesamt vier Gebäuden hervor, in welcher der überzeugte Kommunist Niemeyer die Sitze so angebracht hat, dass man von überall aus gleich gut sieht. Das erste Konzert wird hier am Abend vor der offiziellen Eröffnung Woody Allen mit seiner berühmten New Orleans Jazz Band geben.

Kindergarten mit Kristallfassade

Seitlich verschoben erstreckt sich ein langes, geschwungenes Mehrzweckgebäude mit Ausstellungsräumen, Filmzentrum, Restaurants und sogar einem Kindergarten, dessen gesamte Fassade aus Kristall besteht. Auf der anderen Seite befindet sich der spiralförmige Aussichtsturm für gastronomisch-kulturelle Hochgenüsse. Wie eine organisch fliessende Masse ergiessen sich die Gebäude über das Gelände. Vom Auditorium führt quer über den riesigen freien Platz, auf dem ebenfalls kulturelle Veranstaltungen und Ausstellungen stattfinden sollen, eine Brücke schwungvoll zum kuppelartigen Konferenz- und Ausstellungsgebäude. Kurven für die Zukunft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2011, 08:05 Uhr

Gehört selbst zum «Who's Who» der Kunstszene: Stararchitekt Oscar Niemeyer.

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