Essay

Wir haben so viel Zersiedelung, wie wir Geld haben

Früher wusste nur die Unterschicht, was Dichte bedeutet. Inzwischen hat sich die Lage geändert. Die Gründe sind unser Wohlstand und das Bedürfnis nach immer mehr Wohnraum. Ein Essay.

Mehr Einwohner, mehr Umsatz, mehr Geld, mehr Platzbedürfnis: Die Folgen spüren auch und insbesondere die Genossenschaften.

Mehr Einwohner, mehr Umsatz, mehr Geld, mehr Platzbedürfnis: Die Folgen spüren auch und insbesondere die Genossenschaften. Bild: Nicola Pitaro

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Das ist die Geschichte einer sehr widersprüchlichen Dame. Alle kennen und verehren sie im Prinzip, in der Praxis aber will niemand mit ihr etwas zu tun haben. Sie hat eine lange Lebens- und Leidensgeschichte, die eng mit den Baugenossenschaften verstrickt ist. War sie früher ein mageres Schreckgespenst, ist sie heute eine füllige Zukunftshoffnung. Hier der Lebenslauf der Frau Dichte.

Sie ist uralt. Mindestens so alt wie die menschliche Siedlung. Um es etwas einfacher zu machen, seien die ersten Jahrtausende ihres Daseins übersprungen. Das übervölkerte Babylon, das vollgestopfte Rom und das eingeengte Byzanz werden gnädig weggelassen. Darum beginnt die Geschichte im Hochmittelalter, wo Frau Dichte einen ihrer grossen Auftritte hatte. Zum Beispiel mit der Gründung der Stadt Bern 1191. Da war sie am Anfang noch ganz mager. Es brauchte einige Jahrzehnte, bis das abgesteckte Baufeld innerhalb der Mauer und der Aareschleife aufgefüllt war. Doch es gelang, und schon bald musste die Stadt zweimal erweitert werden. Bereits wird eine Charakterzug der Dichte offensichtlich: Dichte ist immer mit Wachstum verbunden. Frau Dichte liegt mit dem wirtschaftlichen Erfolg im Bett, nie paart sich Frau Dichte mit der Armut.

Wirklich? Eben doch. Frau Dichte hat auch eine armütige und tyrannische Seite. Sie hat den Drang zum Einsperren. Sie füllt gerne ab. Allerdings lieber die armen als die reichen Leute. Die Dichte ist also eine parteiische Person, sie ist ungerecht. Wenn es ums Verteilen geht, schaut sie nur aufs Geld, nicht auf die Bedürfnisse.

Hier tauchen nun zum ersten Mal die Genossenschaften in ihrem Lebenslauf auf. Als die Genossenschaften noch jung waren, hatten sie eine Hauptwut gegen die Dichte. In den überfüllten Mietskasernen wurde Frau Dichte mühsam erduldet, wurde aber gründlich gehasst. Wer pro Nase nur 5 Quadratmeter Wohnfläche hat, dem ist die Dichte ein grundsätzliches Übel. Ein Stichwort nur: Friedrich Engels, «Die Lage der arbeitenden Klasse in England», 1845. Die Genossenschaften wollten die bedrückende Herrschaft der Frau Dichte überwinden. Sie hatten sie immer nur als tyrannische, blutsaugerische, kapitalistische Hausmeisterin erlebt. Ihr setzten sie die Parole entgegen: «Licht und Luft und Sonne sind des Kindes Wonne.»

Der Wohlstand bricht aus

Die Genossen hatten Verbündete, die Hygieniker. Die bekämpften allerdings Cholera und Tuberkulose, nicht die Dichte, genauer, sie verordneten den Eingesperrten Sauberkeit, Mässigung und Enthaltsamkeit, gegen die Herrschaft der Hausmeisterin waren sie machtlos. Das hätte jenen Umbau der Gesellschaft erfordert, den sie fürchteten: die Revolution. Die Umwälzung der Eigentumsverhältnisse. Wie auch immer, Frau Dichtes Ruf war miserabel.

Den wurde sie nur langsam los. Bis 1950 war Dichte in der Schweiz eine Bürde der Unterschicht, wobei wir nicht vergessen sollten, auch der armen Leute auf dem Land, dem Landproletariat, wie man damals noch sagen durfte. Dann aber geschah etwas Unerhörtes, Unerwartetes, Ungeheures: Der Wohlstand brach aus. Er schenkte der Schweizerin die Waschmaschine, den Kühlschrank und den Staubsauger, dem Schweizer die Ölheizung und das Automobil. Die Folge davon war, dass in 60 Jahren wir in der Schweiz mehr gebaut haben als vorher in allen Generationen seit den Römern zusammen. Die Wohnfläche hat sich verdoppelt, von 25 auf 50 Quadratmeter pro Kopf.

Dieses plötzliche Dickwerden nennt man die Zersiedelung. Es ist der grösste Erfolg der gesamten schweizerischen Wirtschaftsgeschichte. Auch die Baugenossenschaften haben davon profitiert. Sie sind im ökonomischen Aufwärtsstrom mitgeschwommen, so schnell, wie sie Schnauf dafür hatten. Auch ihre Grundrisse wurden grösser, auch ihre Wohnungen komfortabler, auch die Genossenschaften wurden dicker.

Die Zersiedelung wird heute verdammt, vor allem von jenen, die ihre Nutzniesser sind. Hintergigelen soll Dorf bleiben, sagt der Hüslimensch, dem eine Genossenschaft ein Haus vor die Aussicht stellen will. Dabei bedient er sich ästhetischer und moralischer Argumente, die schöne Landschaft oder das bedrohte Dorfleben zum Beispiel. Er sollte gescheiter rechnen lernen, das hilft ihm beim Erkennen der Wirklichkeit mehr. Die Ursache der Zersiedelung ist einfach: Wir haben so viel Zersiedelung, wie wir Geld dafür haben.

Zersiedelung kostet: Infrastruktur, Landverbrauch, Luftverschmutzung, Verkehrslärm. Die Liste ist unvollständig, doch kann man sie einfach zusammenfassen: Die Zersiedelung ist nicht nachhaltig. Das Amt für Raumentwicklung (ARE) hat das offiziell festgehalten. Es hat niemanden interessiert. Das ARE hat eben den Mut nicht gehabt, den wahren Zusammenhang klarzumachen: Wer Geld hat, ist nicht nachhaltig. So einfach ist das.

Der Ersatzneubau

Kann es so weitergehen? Kaum. Wir fürchten sogar, dass wir uns die Zersiedelung eines Tages nicht mehr leisten können. Da wird Frau Dichte plötzlich attraktiv. Heute ist sie nicht mehr die tyrannische Hausmeisterin, sondern die sorgende Mutter. Sie kümmert sich um unsere Zukunft, die nicht mehr so rosig aussieht wie 1950. Das Zusammenrücken wird uns beim Überleben helfen.

In die Sprache der Baugenossenschaften übersetzt heisst das: Ersatzneubau. Die Wohnsiedlungen der Hochkonjunktur von Guisan bis zur Ölkrise, jene Hüsli und Blöckli im Abstandsgrün mit ihren tiefen Ausnützungen, das sind die Reserven der Verdichtung. Die werden abgerissen und neue, komfortablere, grössere, besser isolierte, zertifizierte, ökologisierte, aber vor allem und überhaupt dichtere Wohnungen gebaut.

In Zürich sind die Baugenossenschaften schon am Werk. Dort ist eine neue Generation an der Arbeit. In den Vorständen sitzen nicht mehr nur Verteidiger des Bestands, sondern immer mehr auch Vergrösserer des Volumens. Die wollen bauen, nicht sanieren. Diese Leute müssen Überzeugungsarbeit leisten, denn der Genossenschafter ist ein konservativer Mensch, ihm macht Frau Dichte eher Angst als Hoffnung.

Er fürchtet etwas zu verlieren, hauptsächlich den tiefen Zins. Nie macht er die Rechnung, die auch einige Vorstände nie machen: Ob nämlich die Einnahmen die Werterhaltung finanzieren. Für den Betrieb langts ja. Für die Neubauer stellt sich darum eine schwierige Frage: Wie bring ich den Genossenschaftler zum Ja-Stimmen? Wer reisst schon seine eigene Wohnung mit der Stimmkarte ab? Ersatzneubau, nein danke, sagt Frau Meier im dritten Stock links. Sie wohnt dort seit 32 Jahren, und dort will sie bleiben bis zuletzt.

Die Stadt hat vor kurzem nachgerechnet. In einer Broschüre mit dem programmatischen Titel «Dichter. Eine Dokumentation der baulichen Veränderung in Zürich – 30 Beispiele» kann man nachlesen, was bisher geschah. Wir kennen das Vorher/Nachher von der Haarwasserreklame: vorher so viele Wohnungen mit so vielen Quadratmetern, jetzt so viele, macht so viele mehr.

Drei Zahlen sagen alles: Wie viel Wohnfläche mehr im Ganzen, wie viele Bewohner mehr und wie viele Quadratmeter pro Kopf mehr sind entstanden? Ja, es wurde verdichtet, auf allen 30 Arealen wurde mehr gebaut, als vorher drauf war. Frau Dichte lächelt huldvoll. Ja, es leben nun mehr Leute dort, Frau Dichte nickt gnädig. Doch ist auch die Wohnfläche pro Bewohner gestiegen, zwischen 35 und 70 Prozent. Frau Dichte rümpft die Nase.

Schaut man genauer hin, so zeigt sich: Die Wohnfläche steigt viel schneller als die Bewohnerzahl, was logisch ist, wenn man mehr Wohnraum pro Bewohner baut. Frau Dichte ist ratlos. Sie hat zwar zugenommen, aber mehr an Fülle als an Substanz. Selbstverständlich ist diese Verdichtung immer noch besser als das Vernichten von grüner Wiese. Tatsache aber bleibt: Der Ersatzneubau verdichtet weniger, als er verspricht. Frau Dichte wird schwammig.

Ein zwiespältiger Charakter

Wer verdichten will, hat drei Möglichkeiten, die er kombinieren kann: höhere Ausnützung, kleinere Wohnungen, höhere Belegung. In Zürichs 30 Beispielen sind alle Ausnützungen höher, alle Wohnungen grösser und alle Belegungen tiefer geworden. Das wird mit den Ansprüchen begründet, die die Leute heutzutage haben. Dazu kommt, dass die Scheidungen und der Auszug der Kinder eine ausdünnende Wirkung haben. Wer im Wohnungsmarkt bestehen will, der muss etwas bieten. Die Genossenschaften wissen aus leidiger Erfahrung: Noch nie haben sie zu grosse Wohnungen gebaut, immer sparten sie und bauten zu kleine, wie sich hintendrein herausstellte.

So langsam kommen wir der Frau Dichte auf die Spur, genauer, erkennen ihren zwiespältigen Charakter. Frau Dichte liegt mit dem Erfolg im Bett, und sie zeugen dort ein gefrässiges Kind mit dem Namen Mehr. Mehr Einwohner, mehr Umsatz, mehr Geld, mehr Platz. Die Einwohnerdichte, die Warendichte, die Gelddichte, die Siedlungsdichte, falsch, die Siedlungsfläche! wachsen.

Ein Ende ist nicht abzusehen und auch nicht gewollt. Es gilt die stillschweigende schweizerische Staatsmaxime: Wir sind reich, wollen reich bleiben und noch reicher werden. Die so dicker werdende Schweiz wird aber gleichzeitig immer dünner, genauer, ausgedünnt. Die Zersiedelung nimmt ihren Lauf. Es ist ein Kunststück, gleichzeitig dicker und dünner zu werden. Frau Dichte schwillt an und hat doch die Auszehrung.

Allerdings hat sich der Wind gedreht. Der Fortbestand des Goldenen Zeitalters ist nicht mehr garantiert. Plötzlich redet man in Zürich ernsthaft von kleineren Wohnungen. Das ist ein Alarmsignal. Die sind nicht ganz dicht, sagt sich der Genossenschafter, der in einer Dreieinhalbzimmerwohnung mit nur 65 Quadratmetern sitzt. Trotzdem, wären wir heute bei 40 statt 50 Quadratmetern pro Person, so stünden nach der Milchbüechlirechnung 20 Prozent der Wohnungen leer. Niemand leidet unter einer Dichte von 40 Quadratmetern pro Person.

Wer Geld hat, lebt nicht dicht. So einfach ist das. Er leistet sich, was er zahlen kann, und kümmert sich einen feuchten Staub um die Ästhetik und die Moral der Zersiedelung. Er zieht zwar in die Stadt, wo ihm die Genossenschaft eine neue, grosse, helle, teure, verdichtete Wohnung anbietet, die er gerne mietet, denn die andern sind noch teurer. Selbstverständlich beklagt er sich über die steigenden Mieten, aber er leistet sich seine 70 Quadratmeter pro Nase, da er sie sich leisten kann. Kurz: Erst wenn eine Wohnung nicht mehr zu vermieten ist, ist sie zu teuer. Leider ist Frau Dichte auch als sorgende Mutter nicht in der Lage, die Zersiedelung einzuschränken. Die Verdichtung lindert den Schmerz, aber die Krankheit heilt sie nicht.

Wir stehen wieder dort, wo wir angefangen haben: Frau Dichte ist eben trotzdem die Hausmeisterin für die Unterschicht, die sich einschränken muss. Der Ersatzneubau, wie er heute betrieben wird, ändert daran nichts. Auch die Genossenschaften bauen für die Leute, die es sich leisten können. Gezwungenermassen, zugegeben. Sie sind längst keine Parallelwirtschaft mehr, sie sind ein Bestandteil des Wohnungsmarktes. Das ist nicht zu ändern, es sei denn, man wolle die Revolution, genauer, die Umwälzung der Eigentumsverhältnisse. Will das jemand?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2012, 13:59 Uhr

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