«Zürich droht die Seele zu verlieren»

Die Stadt werde zu einem privilegierten Ort, sagt ETH-Soziologieprofessor Christian Schmid. Ihren Anfang genommen habe diese Entwicklung in den 80er-Jahren.

Ecke Lager-/Langstrasse: Genug Platz für Menschen mit tiefem Einkommen oder in prekärer Lebenssituation? Foto: Samuel Schalch

Ecke Lager-/Langstrasse: Genug Platz für Menschen mit tiefem Einkommen oder in prekärer Lebenssituation? Foto: Samuel Schalch

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Was geht Ihnen als Stadtforscher durch den Kopf, wenn Sie durch Zürich spazieren?
Heute ist Zürich eine Stadt, in der es sich wunderbar leben lässt. Das gilt aber vor allem für Leute, die sich dieses Leben auch leisten können. Für alle anderen wird es schwierig. Viele merken, dass sie nicht mehr mitkommen.

Was heisst das?
Schauen wir auf die Revolte der 80er-Bewegung zurück: Das war der Moment, als ein neues Verständnis von Urbanität geboren wurde, nicht nur in Zürich. Strassencafés, Treffpunkte, alternative Kultur – damals hat man das ein «urbanes Leben» genannt. Es führte zu einer breiten Öffnung des kulturellen Lebens und des öffentlichen Raums. Heute ist es gerade dieses urbane Leben, die vielen kulturellen Angebote, die attraktiven öffentlichen Räume, die Unternehmen wie Google nach Zürich locken. Urbanität und metropolitane Kultur sind heute zum Mainstream geworden. Und wer sich nicht daran beteiligt, wer sich nicht ständig an all diesen Anlässen zeigt, hat gewissermassen das Leben verpasst.

Mit dem Resultat, dass die grosse Mehrheit der Zürcher jedem Trend hinterherrennt.
Es gibt ja immer noch grosse Vielfalt. Aber man trifft eigentlich jene Leute nicht mehr, die wirklich anders sind. Man müsste fast Forschung betreiben: Wo wohnen noch Leute, die nicht zum metropolitanen Mainstream gehören? Was das Städtische auszeichnet, ist ja die Differenz, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft aufeinandertreffen. Im Zürich der 80er war das so. Ich habe eine sehr starke Erinnerung an den Kreis 5, wo ich damals gelebt habe. Auf der Strasse waren erstens ziemlich viele Leute unterwegs, und zweitens waren die wirklich sehr unterschiedlich. Heute ist der Kreis 5 längst nicht mehr so belebt, und man trifft vor allem auf ziemlich gut situierte «urban professionals». Hipster, wenn Sie so wollen. Die kommen sich noch immer alternativ vor, obschon eine deutliche Homogenisierung stattgefunden hat.

Wer nicht zum urbanen Mainstream gehört, wird an den Rand gedrängt?
Ja. Es begann mit der Auflösung der ­offenen Drogenszene Anfang der 90er-Jahre. Darauf folgte eine Art Kaskade der Ausgrenzungen. Nach den Drogensüchtigen waren die Alkoholiker an der Reihe. Dann folgte ein jahrelanger Kampf gegen das Sexgewerbe. Klar, die offene Drogenszene fand niemand toll. Aber Alkoholiker, die schon immer zum Stadtbild gehört haben? Eine familienfreundliche Langstrasse, die doch immer ein Ort für unterschiedliche Menschen war, wo es laut war und rau? Nicht nur Migranten wurden aus dem Quartier verdrängt, sondern auch viele Läden und die Werkstätten in den Hinterhöfen, die als wichtige Treffpunkte gedient hatten. Es ist nicht klar, wohin diese Leute alle ziehen. Sie tauchen irgendwo ab in der S-Bahn-Region rund um Zürich.

Sie haben kürzlich an einer Gentrifizierungsdebatte im Kulturhaus Kosmos teilgenommen. Waren da viele Menschen dabei, die von der Gentrifizierung aus dem Quartier vertrieben worden waren?
Nein, nicht viele. Es ist mittlerweile offensichtlich, dass sich die Langstrasse stark verändert hat und viele soziale und kulturelle Räume verloren gehen. Heisst das, dass man gar nichts mehr machen soll? Das Kosmos versucht, einen neuen Treffpunkt zu schaffen, der offen ist für viele unterschiedliche Menschen. Aber es bleibt letztlich Teil eines Milieus von Leuten, die in den 80er-Jahren für die neue Urbanität gekämpft haben. So gesehen ist das Kosmos ein klassisches Projekt des metropolitanen Mainstreams. Google ist ja auch gleich um die Ecke. Die Veränderung der Stadt geht aber weit über die Langstrasse hinaus. Die ganze Innenstadt ist zu einem privilegierten Ort geworden. Zürich läuft insofern Gefahr, seine Seele zu verlieren.

Wo bleibt der Protest, die Wut?
Kritische Äusserungen gibt es ja immer wieder. Aber weil in dieser Stadt, gemessen an ihrer Grösse, so viel los ist, gibt es kaum noch einen Ort, an dem sich eine Kritik sammeln könnte, die den metro­politanen Mainstream hinterfragt. Diese Diskussion wird bei uns kaum mehr geführt. Dabei hat gerade die 80er-Bewegung gezeigt: Es ist möglich, aus Zürich eine andere Stadt zu machen.

Gibt es unter Ihren Studenten viel Verständnis für die Unruhen Anfang der 80er-Jahre?
Viele können sich überhaupt nicht vorstellen, in einer Stadt zu leben, in der nichts erlaubt ist. An den Seeanlagen gab es damals Tafeln: «Rasen betreten verboten». Baden im See war nur in den offiziellen Badeanstalten möglich. Treffpunkte und Restaurants wurden polizeilich geschlossen, weil darin angeblich Drogen konsumiert wurden. Es war praktisch unmöglich, alternative Lebensentwürfe zu verwirklichen. Und während die Stadt noch eine Art Seldwyla kultivierte, beschleunigte sich die Entwicklung hin zu einer globalisierten Dienstleistungsgesellschaft. Da sammelte sich gerade bei jungen Leuten eine unglaubliche Wut an, eine Wut über ein gestohlenes Leben. Die Revolte wirkte wie ein Befreiungsschlag.

Und heute muss man sich nicht mehr befreien?
Heute laufen die Kontrollmechanismen viel subtiler, über den Markt. In die Clubs kommt, wer genug Geld hat. Treffen sich Jugendliche in der Grünanlage, kreuzen bald die Mitarbeiter von «Sicherheit, Intervention, Prävention» auf und versuchen, sie von dort rauszukomplimentieren. Wird es irgendwo laut, kommen Lärmklagen. Heute wird die Selbstverständlichkeit, mit der man sich durch den öffentlichen Raum bewegt, wieder infrage gestellt. Aus der konservativen Friedhofsruhe der 70er-Jahre wurde eine Art Domestizierung durch Privatisierung.

Können Sie sich einen Ausbruch wie 1980 heute wieder vorstellen?
Damals kam die Revolte aus der Mitte der Gesellschaft. Das waren bestens integrierte junge Leute, Lehrlinge, Angestellte, Studierende, denen sich dann auch weniger Privilegierte anschlossen, Ausgeflippte, Junkies und viele andere. Heute bekommen diejenigen die Eingrenzung zu spüren, die ein tiefes Einkommen haben oder sich in einer pre­kären Lebenssituation befinden. In der Mitte der Gesellschaft dagegen geniessen viele Leute ein grosses Mass an Freiheit. Damals aber war Freiheit etwas, was die Gesellschaft als Ganzes betroffen hat. Und irgendwann hat man gemerkt, dass es den anderen genau gleich geht. Daraus entstand eine Gemeinsamkeit. Heute ist es schwierig, überhaupt noch Gemeinsamkeiten zu finden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.10.2017, 23:14 Uhr

Zur Person

Der Stadtforscher Christian Schmid (*1958) ist Professor für Soziologie am Departement Architektur der ETH Zürich. In den 80ern wirkte er mit bei der Videobewegung Community Media. Foto: PD

«Rebel Video»

Ausstellung zu den 80ern

Unbequemes auf Sofas, etwa so mutet die Ausstellung «Rebel Video» über die Videobewegung der 80er im Landesmuseum an. Man fläzt sich vor eine Wand mit Dutzenden Monitoren und schaltet mit einer Art Märklin-Trafo den Kopfhörerton um: Wir sehen Ausschnitte aus «Züri brännt», Bilder vom Opernhaus-Krawall, bärtige Männer mit Pfeifen, die an der Hellmutstrasse über die Besetzung informieren. Die von Ethnologe Heinz Nigg kuratierte Schau zeigt Videotechnik als politischen Akt des Bezeugens und als kantige Frühform des mobilen Dauerfilmens. Gegengeschnitten sind Interviews mit den Beteiligten von damals. Vorwissen über soziale Bewegungen schadet nicht; viele Videos sind auch online aufgeschaltet. (blu)

Bis 15. 10., Rebelvideo.ch; Katalog 39 Fr.

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