«Zürich könnte experimentelle Stadtzonen bekommen»

Lernen von den Slums: Hubert Klumpner, neuer Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich, erklärt den Architekten die Städte der Dritten Welt.

Innovative Transportform: Seilbahn im Slum San Augustín in Caracas.

Innovative Transportform: Seilbahn im Slum San Augustín in Caracas. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Klumpner, Sie wurden zusammen mit Ihrem Büropartner Alfredo Brillembourg auf den neuen Lehrstuhl für Städtebau an der ETH Zürich berufen. Was haben Sie vor, und was möchten Sie bewirken?
Interessanterweise war die inhaltliche Ausrichtung bei der Ausschreibung des Lehrstuhls nicht vorgegeben. Es war aber klar, dass es um die Herausforderungen der zeitgenössischen Stadt gehen muss. Uns beschäftigt vor allem die Urbanisierung der Städte in der südlichen Hemisphäre. Diese Verstädterung ist generell mit der Bildung von Slums verbunden. Eine Milliarde von verarmten Menschen lebt bereits heute in Slums, und wir sind der Ansicht, dass das nicht einfach ein Problem dieser Städte allein ist. Auch wir hier in Europa oder Nordamerika müssen uns dieser Herausforderung stellen.

Weshalb sollte uns denn ein Slum in Rio de Janeiro oder in Mumbai interessieren?
Ganz einfach, weil die Prozesse der Urbanisierung immer mehr zusammenhängen und sich überlagern. Das sind die Konsequenzen einer weiter fortschreitenden Globalisierungsphase. Das Baumwollhemd aus Malaysia und die Hose aus Bangladesh sind direkt mit den Slums in Kuala Lumpur und Dhaka verbunden und werden an der Zürcher Bahnhofstrasse verkauft. Slums sind die Zutrittsschwellen der Landbevölkerung, die als Pioniere in die Stadt ziehen. Diese Menschen sind nicht auf die Stadt vorbereitet, und die Stadt ist nicht auf diese Menschen vorbereitet. Slums sind ein möglicher Lösungsansatz zu einer sehr konkreten Problemstellung, bei der sowohl Politiker als auch Banken und nicht zuletzt Architekten bisher versagt haben, weil sie keine geeigneten Produkte anbieten können, die an die sozialen und ökonomischen Lebensverhältnisse angepasst sind.

Was heisst das konkret?
Die Neuankömmlinge bekommen bei der Bank keinen Kredit für ein halbes Haus, obwohl so ein halbes Haus für viele dieser Menschen bereits genug wäre. Später, wenn es die finanzielle Lage erlaubt und ein Bedarf besteht, kann man das Haus dann ausbauen, ein besetztes Grundstück kaufen oder fehlende Infrastrukturen nachrüsten. Das alles sind alternative Formate urbanen Lebens, die bereits heute die Regel, und nicht wie viele immer noch glauben, die Ausnahme darstellen.

Die Architekten der ETH sind nicht gerade bekannt für halbe Einfamilienhäuser.
Bis jetzt nicht. Aber es gerät einiges in Bewegung. Aus unserer Sicht ist es notwendig, den Berufsstand des Architekten neu zu definieren. Der Architekt oder Stadtplaner, wie wir ihn heute kennen, ist eine relativ junge Erfindung der westlichen Welt. Er arbeitet im Normalfall mit Auftraggebern, innerhalb vorgegebener Budgets und auf klar definierten Grundstücken und übergibt nach Ablauf einer festgelegten Frist ein fertiges Gebäude. In den Städten der Dritten Welt läuft das komplett anders: Bei einigen unserer Projekte entwickelten wir neue urbane Programme. Wir wussten weder, wo diese oft als System entwickelten Gebäude stehen sollen, noch, wer sie bezahlen würde.

Wer finanziert dann trotzdem so ein Projekt?
Wir sind fest von der Notwendigkeit demokratischer Strukturen in Städten überzeugt. Wenn in Indien, Brasilien und in einem gewissen Masse auch in Venezuela Zehntausende von Leuten ein bestimmtes Projekt in einer Stadt unbedingt wollen, wird das auch bezahlt, in der Regel vom Staat oder über Modelle von Umwegfinanzierung. An Geld fehlt es ja nicht, das Kapital ist auch nach der Finanzkrise noch vorhanden. Leider wird Geld sehr oft verschwendet, weil es an Leuten fehlt, die es verstehen, die «Bottom-up»- und «Top-down»-Initiativen zu verbinden.

Wie können Sie von der ETH ausauf diese Entwicklungen Einfluss nehmen?
Viele Beobachter haben scheinbar noch nicht bemerkt, dass sich in den Ländern des Südens eine höchst interessante Art der Kooperation etabliert hat. In Südamerika ist es überhaupt nicht mehr ungewöhnlich, mit Teams von Fachleuten aus Indien, Angola, Südafrika, dem Iran oder China zusammenzuarbeiten. Diese Süd-Süd-Kooperationen laufen schon heute oft ohne Beteiligung des Nordens. Trotzdem sind auf der akademischen Ebene die bedeutenden Plattformen eindeutig bei den grossen Universitäten in Europa und Nordamerika angesiedelt. Die ETH ist zweifellos eine der wichtigsten davon, vor allem ist sie hervorragend international vernetzt. Als zukunftsweisendes Beispiel möchte ich das Future Cities Laboratory nennen, das von der ETH gemeinsam mit anderen führenden Universitäten in Singapur betrieben wird und sich damit unmissverständlich in eine der dynamischsten Weltregionen einordnet.

In welchen Städten ist Ihr Büro Urban Think Tank aktiv?
In den letzten 15 Jahren haben wir uns stark auf Caracas in Venezuela konzentriert, inzwischen gibt es Niederlassungen in São Paulo, Mumbai und seit kurzem auch in Zürich. Für uns ist es ganz wichtig, dass wir selber vor Ort sind und ein Verständnis für die Bedürfnisse der Einwohner einer Stadt entwickeln. Deshalb haben wir die ersten Jahre in Südamerika mit der Arbeit an einem urbanen Forschungsprojekt verbracht, um besser zu verstehen, wie diese Städte funktionieren. Unser Interesse hat einen ethischen und sozialen Hintergrund, das allein erklärt aber unsere Faszination für diese Megastädte nicht. Sie sind auch Laboratorien, in denen sich Innovationen abspielen, die in Europa derzeit nicht mehr denkbar sind.

Zum Beispiel?
Eines der Grundprobleme in jedem Slum ist die oft fehlende Infrastruktur. Im Barrio San Augustín in Caracas, einem steilen Hügel mitten in der Stadt, auf dem 40'000 Menschen leben, wollte die Regierung nach jahrzehntelanger Nullinvestition eine Zugangsstrasse bauen. Zunächst fanden die Leute das grossartig, bis sie merkten, dass sie unter Umständen zu jenen 30 Prozent gehören, die ihr Haus der Strasse opfern müssten. Wir schlugen deshalb ein Transportmittel vor, wie es in diesem Zusammenhang bisher noch nicht eingesetzt wurde: Eine urbane Seilbahn, das sogenannte Metro-Cable San Augustín, erschliesst über fünf Stationen den ganzen Berg.

Eine Seilbahn stelle ich mir nicht sonderlich effizient vor.
Die Anlage gleicht technisch den bekannten Seilbahnen für Touristen in den Alpen und transportiert pro Stunde bis zu 3000 Personen. Die Techniker des österreichisch-schweizerischen Seilbahnbauers Doppelmayr Garaventa haben mit viel Neugier und Enthusiasmus an dem für sie sehr ungewöhnlichen Projekt gearbeitet und ein äusserst robustes System entwickelt. In diesen Kabinen kann von Zementsäcken bis Gasflaschen alles transportiert werden. Es ist ähnlich wie in Venedig, wo alles mit Booten bewegt wird. Das Besondere ist jedoch, dass jede der fünf Stationen mit einem Quartierzentrum ausgestattet ist. Dort gibt es Musikschulen, Sporthallen, Theater und Supermärkte.

Slums entstehen und wachsen chaotisch, jeder baut, wie er will. Sie und Alfredo Brillembourg hingegen sind fasziniert davon. Eignen sich Slums etwa als Vorbild?
Nicht direkt, aber bei genauerer Beobachtung sieht man Ordnungen, die es erst zu entdecken und zu beschreiben gilt. Einige davon sind durchaus auf europäische Städte übertragbar. Eine Welt mit weniger Regeln hat auch ihren Reiz. Denkbar wäre beispielsweise in einer Stadt wie Zürich die Einrichtung experimenteller Stadtzonen, in denen man es sich erlaubt, bekannte Regeln auf ihre Notwendigkeit hin zu überprüfen und gegebenenfalls aufzuheben. Die Neugierde an den erst zu entdeckenden Möglichkeiten sollte sich eine Stadtgesellschaft leisten dürfen. Doch keine Sorge, eine Aktion im grossen Stil wird nicht nötig sein, man könnte aber mal als Versuchsanordnung Bereiche identifizieren, die dafür geeignet sind. In Zürich stellen wir uns so ein Labor im Massstab 1:1 im Gebiet entlang der Hardbrücke vor, am Übergang von zwei verschiedenen Quartieren.

Was soll dort Ihrer Meinung nach passieren?
Es geht dabei überhaupt nicht um konkrete Bauprojekte, sondern vielmehr um das kinetische Potenzial der Stadt. Dabei sollte man auf jeden Fall darauf achten, bestehende Nutzungen weiterzuentwickeln und bewusst weitere Hot-Spots urbaner Qualität wachsen zu lassen. Die Idee, Grossformen zu entwickeln, ist nicht die vorrangige Aufgabe in einer Stadt wie Zürich, die sich ohnehin vorwiegend durch ihre landschaftlichen Qualitäten auszeichnet. Wir bleiben hier vorerst unserem Motto treu: «Small scale, big change». Obwohl die Städte immer grösser werden, sind die wirksamsten Massnahmen oft gerade die kleinen Interventionen, die mit dem direkten Umfeld der Leute zu tun haben. Positiv ist uns etwa die wechselnde Nutzung der Bahnhofshalle aufgefallen. Erfolgreiche Konzepte wie dieses sollte man in der eigenen Stadt wiederholen, so wäre Ähnliches auch in der Zone unter der Hardbrücke denkbar.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.03.2011, 08:14 Uhr

Alfredo Brillembourg/Hubert Klumpner

Der gebürtige Salzburger Klumpner (r.) gründete in den 90er-Jahren mit Alfredo Brillembourg in der venezolanischen Hauptstadt Caracas das Architekturbüro Urban Think Tank (U-TT). Die beiden Architekten erforschen die sogenannt informelle Architektur in den Slums und machten bislang mit unkonventionellen Projekten auf sich aufmerksam. Neben der Arbeit in den Favelas investieren Klumpner und Brillembourg viel Energie in die Vermittlung ihrer Erfahrungen. Bevor sie im Herbst 2010 Professoren für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich wurden, lehrten sie mehrere Jahre an der Columbia University in New York. 2010 wurden sie von der schwedischen Architektenvereinigung mit dem Ralph-Erskine-Preis ausgezeichnet, und das New Yorker Museum of Modern Art zeigte ihre Arbeiten. (csh)

Artikel zum Thema

Nachhaltig auf dem Holzweg

Hintergrund Wo die Schrebergartenidylle gefeiert wird: Das Gewerbemuseum Winterthur präsentiert vielfältige Holzarchitektur aus Finnland. Mehr...

Auf Stelzen im tosenden Pazifik

Chiloé liegt am Tor zu Patagonien. Wer Erholung sucht und eine Schwäche für altertümliche Holzarchitektur hat, ist auf dieser chilenischen Insel gut aufgehoben. Auch weil man hier hervorragend isst und trinkt. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ein Sturm brachte heftige Regenfälle mit sich: Menschen warten in Indien auf den Zug. (18. Dezember 2018)
(Bild: PIYAL ADHIKARY) Mehr...