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Zur schönsten Aussicht

Das Schweizerische Architekturmuseum in Basel zeigt Türme und Plattformen, die spektakuläre Aussichten ermöglichen. Dass sie dabei das Land verstellen, das sie preisen, kommt kaum zur Sprache.

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Der Mensch will herausragen. Vom Turm zu Babel bis zum Burj Khalifa in Dubai: Seit jeher bauen wir Türme, denn die Höhe ist macht- und wirkungsvoll. Der Kirchturm imponiert den Gläubigen, der Wehrturm bewacht die Stadt, der Leuchtturm weist den Weg. Erst seit der Renaissance wachsen aber Bauten gen Himmel einzig und allein, um auf die Welt hinunterzuschauen, aus purer Freude an der Natur. Seit dem 19. Jahrhundert lockte die Freizeit ins Freie, mit dem aufkommenden Tourismus war die Zeit der Türme zum Landschaftsgenuss endgültig angebrochen.

Heute erleben wir einen weltweiten Boom. Kein Berg, kein Kliff, keine Stadt ohne Attraktion mit Weitsicht. Ein Grund für das Schweizerische Architekturmuseum in Basel, Übersicht zu schaffen. Die Ausstellung und der gleichnamige Katalog «Luginsland» zeigen aktuelle Beispiele rund um den Globus. Der Titel erklärt: Es geht nicht nur um Türme. Auch Plattformen, Brücken, Stege, Dächer und Auskragungen werden konstruiert, um gut auszusehen.

Holzer Kobler Architekten haben die Schau raffiniert als Plattform konzipiert. Die Besucher gehen über Holzstege und blicken auf ein Meer von Bildern hinab. Aussichtstafeln erklären ähnlich wie in den Alpen das Panorama. Welches Objekt wo liegt, erkennt man nicht sofort, aber immerhin: Die Sicht ist klar.

Touristisches Wettrüsten

Beton schwingt, Stahlseile spannen, Holz zackt übers Geröll. Aussichtsarchitektur ist vielfältig, dabei will sie nur eines: die bestmögliche Sicht. Die Landschaft wird auf dem Silbertablett präsentiert, zum Teil gar der genaue Blick vorgegeben. Ein Dach fokussiert in Meran die Sicht wie ein Augenlid, ein Fenster rahmt den Ausschnitt des Meers in Südkorea. Die gewohnte Wahrnehmung verändert sich, das Sehen wird zum inszenierten Hingucken.

Die letzte Steigerungsform ist die Auskragung, die über dem Abgrund die Nerven kitzelt, der gläserne Steg, der die Höhe in die Beine fahren lässt. Die Architektur spitzt die Natur zu, damit die Wanderung zum Ereignis wird. Die ewige Schönheit der Berge versetzt heute scheinbar niemanden mehr in Staunen. Es braucht den kurzen Thrill, die Mutprobe, den Event. Schon immer war der Aussichtsturm eine lustvolle Übertreibung, doch heute wird er zur Wunderwaffe im Arsenal des touristischen Wettrüstens.

Die Bauten huldigen der Schönheit der Landschaft, verstellen sie selber aber auch. Auf diesen Aspekt geht die Ausstellung allerdings kaum ein und macht es sich damit etwas gar einfach. Einzig ein paar historische Gegner kommen zu Wort. Adolf Loos forderte bereits 1919: «Gedenktürme auf Berghöhen sind verboten.» Andere sprachen damals vom «Turmunkraut», das das Land aufs Hässlichste entstelle.

Heute versuchen Landschaftsschützer auch in der Schweiz, der Aussichtssucht Einhalt zu gebieten. Auf dem Stockhorn sollte etwa ein schwindelerregender Nasenring gebohrt werden. Dank Einsprachen ragt nun ein Sprungbrett aus dem Berg. Anderswo spriessen die Aussichtsfänger munter weiter aus den Felsen. Das Schilthorn hat eine Spirale, auf dem Titlis wagt man sich auf den «Cliff Walk», die höchste Hängeseilbrücke Europas, und über Interlaken ist man dank einer gläsernen Kragplatte Eiger, Mönch und Jungfrau ein paar Meter näher. Keines dieser Projekte ist in der Schau zu sehen, mit gutem Grund: Mit weitsichtiger Architektur hat diese Art von Eventbauten nichts zu tun.

Doch es geht auch anders, bescheidener. Viele Türme suchen die Nähe zur Natur. Im Pfälzer Wald studieren Biologen die Artenvielfalt in luftiger Höhe. Das Holz der Konstruktion ist unbehandelt, die Gestaltung minimal, damit sie das Ökosystem nicht tangiert. Mario Bottas «Tour de Moron» schraubt sich im Jura schlicht in Naturstein hinauf. Auf dem Reussdelta bindet der Architekt Gion A. Caminada Baumstämme zu einem Kegel zusammen und flicht die Brüstung aus Weiden. Oft werden die Architekten übermütig, wenn sie so ganz befreit von alltäglichen Zwängen entwerfen. Das Bauen nähert sich der Kunst an, wird lustvoll und verspielt, darf alles. In Duisburg steht eine endlose Treppe, die einen Looping schlägt. Der Künstler Anish Kapoor windet und krümmt in London ein rotes Stahlgerüst ungelenk zum Orbit-Turm. Als Wahrzeichen für die Olympischen Spiele gilt er trotzdem.

Aussicht als Stadtmarketing

Auch andere Städte wollen mit ihrer Aussicht Aufmerksamkeit erregen. Ähnlich wie der Eiffelturm für Paris steht, soll die spitze Space Needle Phoenix vermarkten: Wie eine Nadel wird der Turm dereinst im Stadtzentrum stecken. Linz verspricht «Höhenrausch»: Brücken und Stege spannen sich eineinhalb Kilometer durch die Altstadt und ermöglichen eine andere Sicht auf die Dinge. Sevilla brachte sich mit dem begehbaren Dach Metropol Parasol auf die touristische Landkarte. Der Architekt Jürgen Mayer H. lässt eine Holzstruktur wie einen Pilz wuchern. Unten spendet diese Schatten, oben kann man auf Traufhöhe über der Altstadt wandern. Die Objekte wirken als Katalysatoren, die ein Quartier plötzlich in ein anderes Licht rücken. Für den Bilbao-Effekt braucht es kein neues Museum, es genügt eine neue Perspektive, so die Hoffnung.

Konzentriert nach innen sind die Bauten, die in den letzten Jahren entlang eines Pilgerwegs in Mexiko entstanden. Fake Design gräbt eine Linie in den Sand, die nach vorne zur Rampe ansteigt. Die Basler HHF Architekten kehren ihr Haus spiralförmig in sich. Bei Christ & Gantenbein kurven die Turmwände organisch und geben den Blick nur nach oben frei. Da sieht man Gott oder das Weltall, je nach Glaubensrichtung. Es sind ruhige Orte, in Beton gegossen, in Stein gemauert. Statt möglichst verblüffender Aussicht bieten sie stille Einkehr.

Erstellt: 18.11.2013, 07:25 Uhr

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