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Ästhet entdeckt Ghetto

Der Stararchitekt Jean Nouvel will Frankreich mit Städtebau retten.

Der gefeierte Stararchitekt wird politisch: Jean Nouvel. (Bild: Pascal Le Segretain/Getty Images)
Der gefeierte Stararchitekt wird politisch: Jean Nouvel. (Bild: Pascal Le Segretain/Getty Images)

Er ist 71 Jahre alt, weltweit bekannt, ein gefeierter Stararchitekt. Gelassen macht der Erfolg Jean Nouvel nicht. Im Gegenteil. In der Zeitung «Le Monde» rechnete er kürzlich ab – mit den Stadtplanern, der Politik, mit allem.

Nouvel, der sich in der Schweiz dank dem Expo-Monolith im Murtensee und dem Luzerner KKL verewigt hat, verdammt in seinem Text den gesamten Städtebau des 20. Jahrhunderts. Dieser «Ubu-Urbanismus» (Ubu ist eine widerliche Theaterfigur) sei nicht nur hässlich, er habe zu Pendlerstress, Zersiedelung, Luftverschmutzung und der Aufspaltung der Gesellschaft geführt.

Besonders schlimm stehe es um die Banlieues, wo Menschen unter erniedrigenden Umständen leben müssten. Als rasche Gegenmassnahme schlägt Nouvel vor, «Häuser für alle» ins Zentrum der Vorstädte zu stellen. Hier sollen sich die Bewohner austauschen, Läden eröffnen und gemeinsam Strategien entwickeln, um ihre Heimat architektonisch zu verbessern.

«Alles ist theatralisch»

Die Kritik an den Wohnsilos und Trabantenstädten der Moderne klingt weder neu noch sonderlich provokativ. Erstaunlich ist eher, dass sie von Jean Nouvel stammt. Dieser hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum um soziale Belange gekümmert. Zu Beginn seiner Karriere entwarf er eine günstige Wohnsiedlung in Nîmes. Danach spezialisierte er sich auf Prestigebauten; Opern, Museen, Luxuswohntürme, architektonische Skulpturen, die das «Ungreifbare greifbar machten», wie es in der Ehrung zum Pritzkerpreis hiess, den er 2008 erhielt.

Nouvel – kahler Kopf, strenger Blick – passt perfekt ins Bild des Künstlerarchitekten. Erste Entwürfe kritzelt er auf Servietten im Restaurant, seine Sätze hallen oft im Ungefähren («Alles ist theatralisch»). Sieht er Pläne ungenau umgesetzt, zieht er vor Gericht, wie gegen den Bau seiner neuen Philharmonie in Paris.

Mit dieser «Porsche-Attitüde» hat Nouvel viel Kritik provoziert: Er diene der globalisierten Finanzelite, ziehe verantwortungslose Repräsentationsklötze hoch, unpraktisch, viel zu teuer, respektlos gegenüber der Umgebung. Als ihn ein Journalist auf die schlechten Arbeitsbedingungen in Abu Dhabi ansprach, wo er einen Ableger des Louvre-Museums baut, sagte er nur: «Niemand hat ein Interesse daran, Arbeiter auszubeuten.»

Humanistische Rolle der Architekten

Nouvel bekommt aber vor allem viel Bewunderung. Seine Hauptstärke liege darin, sagte kürzlich ein Kritiker, gleichzeitig «grob und zart» zu sein. Nouvel selber nennt sich einen «Kon­textualisten». Im Gegensatz zu vielen seiner global tätigen Berufskollegen passe er sich den Bedingungen jedes Ortes neu an.

Im «Le Monde»-Text ortet Nouvel die grossen Probleme Frankreichs in einer technokratischen Siedlungsplanung. Um die Zukunft besser zu gestalten, müssten Architekten ihre soziale und humanistische Rolle wieder wahrnehmen. Offen bleibt, ob er sich selber mitmeint.

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