Als Städte noch etwas Neues waren

Der emeritierte ETH-Professor Vittorio Magnago Lampugnani erzählt von der grossen Zeit der Stadtbaukunst. Und von der Neuerfindung der Städte zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert.

Barocke Reissbrettsiedlung: Die Elsässer Festungsstadt Neuf-Brisach im frühen 18. Jahrhundert. Bild: PD

Barocke Reissbrettsiedlung: Die Elsässer Festungsstadt Neuf-Brisach im frühen 18. Jahrhundert. Bild: PD

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Vittorio Magnago Lampugnani hat seiner zweibändigen Ideen-, Bau- und Kulturgeschichte der Stadt im 20. Jahrhundert nun eine Geschichte der Stadtbaukunst vom späten Mittelalter bis zum Beginn der Moderne folgen lassen. Sie beschreibt die klug oder kühn konzipierten, fast immer gewaltsamen Eingriffe in bestehende Strukturen, denen viele Metropolen ihr Aussehen verdanken. Die frühesten dieser fundamentalen Eingriffe hat der emeritierte Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich um 1300 in Florenz und Siena entdeckt. In diesen beiden Stadtstaaten hatte nach Jahrzehnten hitziger Geschlechterkämpfe eine Zeit kommunalen Friedens begonnen, in der die Volksvertreter entscheidende Veränderungen im urbanen Kontext vornehmen konnten.

In Florenz hat die Regierung des Secondo Popolo in wenigen Jahren nicht nur einen neuen Mauerring, eine riesige neue Kathedrale und einen neuen Regierungspalast – den Palazzo Vecchio – in Auftrag gegeben, sondern auch planmässig neue Strassen und Plätze anlegen lassen. Innerhalb weniger Jahrzehnte sind fast alle stadträumlichen Elemente geschaffen worden, die heute noch das Bild prägen.

Der Turm als Mahnfinger

In Siena hat die Regierung der Nove ein ähnlich ehrgeiziges Stadterneuerungsprogramm durchgesetzt. Als städtebauliche Wundertat kann jedenfalls die Anlage der riesigen Piazza del Campo auf einem steil abfallenden Gelände am unteren Ende der Stadt gefeiert werden. Voraussehend war auch die Entscheidung, den fälligen neuen Regierungssitz, den Palazzo Publico, am offenen unteren Ende zu postieren, also am Zielpunkt der innerstädtischen Blickachsen. Diese kunstvolle stadträumliche Komposition wurde durch den in den Himmel hinaufgetriebenen Stadtturm noch machtvoll betont. Dieser Turm überstieg alle ringsum auf den Hügeln gelegenen Kirchen- und Adelsbauten und verkündete eindrucksvoll, wo die Macht ihren Sitz hat.

Im nächsten Kapitel stellt Lampugnani einige Idealstädte der italienischen Renaissance vor. Eine der schönsten Geschichten ist der Umbau des toskanischen Bergstädtchens Corsignano in die Idealstadt Pienza, den der im Ort geborene Adlige Enea Silvio Piccolomini mit dem Florentiner Architekten Bernardo Rossellino im 15. Jahrhundert realisierte. Die beiden pflanzten dem Bergnest ein repräsentatives Stadtzentrum in den neusten Architekturformen ein. Die vier kurz hintereinander errichteten Hauptbauten nehmen in einer symbolisch deutbaren Geometrie aufeinander Bezug. Die neue Kirche ist nicht nach Osten, sondern über den Talrand hinweg nach Süden ausgerichtet. Die beiden Prachtbauten, die den Platz vor der Kirche flankieren (der Bischofspalast und der Palast für die Familie des Auftraggebers), bilden mit der Kirchenfassade ein suggestives Raumtrapez, dessen vierte Seite vom Stadtpalast und seinen Arkaden gebildet wird.

Die Gründe, warum die Mächtigen in bestehende Strukturen eingegriffen haben, sind unterschiedlich gewesen. Als Kardinal Peretti 1585 zum Papst Sixtus V. gewählt wurde, konnte er in Rom endlich die drastischen Massnahmen durchsetzen, mit denen er die darniederliegende Wirtschaft ankurbeln wollte. Er liess die sieben Hauptkirchen, die wie zufällig im riesigen Stadtgebiet von Rom verstreut waren, durch kilometerlange gerade Strassenachsen, die rücksichtslos durch bestehende Quartiere gefräst wurden, miteinander verbinden und schuf so ein neuzeitliches Strassennetz. Er machte also das planlos herangewucherte Stadt­gefüge durchlässig und leitete so eine Neustrukturierung des urbanen Lebens ein, von der die Stadt jahrhundertelang profitierte.

Europas erster Städtebau-Wettbewerb

Ganz anders waren die Voraussetzungen, als Stadtplaner sich daran machten, die beim katastrophalen Erdbeben von 1755 zerstörte Altstadt von Lissabon wieder aufzubauen. In Lissabon lässt sich der lange Planungsprozess anhand von sechs unterschiedlich überzeugenden Plänen gut nachvollziehen. Man könnte fast von einem ersten Städtebau-Wettbewerb in Europa reden. Der neue Stadtteil, der dann auf dem flachen Talboden zwischen den beiden seitlich ansteigenden Hügeln errichtet wurde (mit seinem Raster paralleler Strassenachsen und mit den rechteckigen Plätzen am oberen und unteren Ende), gilt, auch weil er aufs Schönste mit den kleinteiligen Strukturen und den engen Gassen auf den Hügeln kontrastiert, als eine der glücklichsten stadtplanerischen Schöpfungen. Eine europäische Metropole, bis zur Unkenntlichkeit zerstört, bekam durch kluge Pläne ihr pulsierendes Herz in neuzeitlichen Formen zurück.

Frankreich ist neben Italien das Land, in dem sich die Ergebnisse städtebaulicher Neukonzeptionen am markantesten ablesen lassen. Lampugnani hat drei seiner Kapitel den dortigen Entwicklungen gewidmet. Im ersten geht er von den streng geometrischen Planungen für Schloss und Stadt Versailles aus und beschreibt, wie sich dieser Stil bei Schloss- und Parkbauten, städtischen Raumplanungen und Festungsentwürfen auf breiter Ebene durchgesetzt hat. Im zweiten Kapitel werden städtebauliche Utopien wie die von Ledoux geplante Idealstadt Chaux und klassizistische Pariser Planungen wie etwa die Rue de Rivoli behandelt. Das dritte ist dem radikalen Umbau von Paris durch Haussmann gewidmet.

Auch Berlin wird einer genaueren Untersuchung unterzogen. Wie Schinkel mit klug gesetzten Einzelbauten der Stadt eine neue Mitte beschert hat, wie Peter Joseph Lenné und später James Hobrecht mit ihren Raumplanungen die Entwicklung der Vorstädte geprägt haben und wie sich die Miets­kaserne als grossstädtisches Baumodell durchsetzen konnte, wird anschaulich geschildert. Natürlich ist auch für das Gesamtkunstwerk der Wiener Ringstrasse ein Kapitel reserviert.

Überraschender sind die Feststellungen Lampugnanis, dass die grossen konzeptuellen Stadtgründungen in Nordamerika (etwa Philadelphia, Savannah, Washington und New York) ganz nach europäischen Vorstellungen vorgenommen worden sind, sich dann aber individuell entwickelt haben. Der Stoff zum Staunen geht in dem wissenschaftlich fundierten und doch leicht lesbaren Buch also nie aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2017, 18:31 Uhr

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Hohe Bilder

Vittorio Magnago Lampugnani


Die Stadt von der Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert. Urbane Entwürfe in Europa und Nordamerika.

Wagenbach-Verlag, Berlin 2017. 384 S., zahlreiche Abbildungen. ca. 102 Fr.

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