«Das Problem ist: Städte richten sich nach dem Verkehr aus»

Der Soziologe Richard Sennett fordert ein Umdenken, damit in der Stadt unterschiedliche Menschen zusammenleben können.

Aus der Stadtplanung sei leider auch eine bürokratische Übung geworden, sagt Richard Sennett. Foto: Getty

Aus der Stadtplanung sei leider auch eine bürokratische Übung geworden, sagt Richard Sennett. Foto: Getty

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Herr Sennett, Sie haben sich über Jahrzehnte mit Städten beschäftigt und wie diese gebaut werden. Dann hatten Sie einen Schlaganfall. In Ihrem Buch «Die offene Stadt» schreiben Sie, dass dies Ihre Sicht auf die Stadt verändert hat. Warum?
Bei einem Schlaganfall verliert man das Gefühl für Distanzen. In einer Menschenmenge zu sein, ist plötzlich eine Schwierigkeit. Als Urbanist habe ich nichts anderes gemacht, als Menschenmengen zu studieren. Nach dem Schlaganfall musste ich mir erst wieder antrainieren, das machen zu können.

Was haben Sie dabei gelernt?
Wenn man glaubt, dass man fällt, guckt man sich seine Umgebung viel genauer an. Man überlegt, wer einen auffangen würde. In gewisser Weise habe ich durch diese Beobachtung mein Gefühl für den Raum zwischen den Menschen geschärft.

Städte werden für gesunde Menschen entworfen, nicht für Kranke. Ist das ein Problem?
Definitiv und für alte Menschen auch. Etwa all die Ampeln, die dir genau 15 Sekunden geben, um eine Strasse zu überqueren. Nach diesen 15 Sekunden hatte ich gerade einmal ein Drittel der Strecke geschafft.

Hatten Sie nicht auch mal Angst, übersehen zu werden, wenn Sie wirklich Hilfe gebraucht hätten?
Eigentlich nicht. Ich wollte mich ja wirklich nur ausruhen. Trotzdem ist es seltsam, dass sich die allermeisten Städte ausschliesslich an gesunden Menschen orientieren. Auch wenn wir Architektur unterrichten, denken wir nicht darüber nach.

Gerade hierzulande wäre das wahnsinnig wichtig. Unsere Gesellschaft wird immer älter.
Das stimmt. Aber die Liste der Dinge, an die bei der Planung von Städten eigentlich gedacht werden sollte, ist lang. Das Problem ist: Die Städte richten sich immer noch nicht nach den Menschen aus, sondern nach dem Verkehr. Der grosse Fokus liegt darauf, die Autos in Bewegung zu halten.

Dass die autogerechte Stadt nicht allzu menschenfreundlich ist, dürfte aber schon lange klar sein. Warum hat die Idee immer noch so viele Anhänger?
Weil der wirtschaftliche Druck dafür sorgt, dass eine Stadt eher geordnet als komplex ist. Wenn man nicht darüber nachdenken muss, was einen Ort auszeichnet, dann kann das globale Kapital dort gut investieren. 

Sie schreiben, dass Kinder, die in Städten aufwachsen, eine grössere Chance haben, demokratische Bürger zu werden. Warum?
Sie lernen es ganz physisch, weil sie mit anderen Kindern in der Schule zusammen sind. Darum ist es so wichtig, Schulen an die Grenze statt ins Zentrum zu legen. Das führt dazu, dass sich Kinder der unterschiedlichen Viertel treffen, arme und reiche, weisse und schwarze. Das Beste, was Stadtplaner machen können, ist, eine Struktur zu schaffen, in der sich Menschen automatisch begegnen.

«Bei der Planung von Städten liegt der grosse Fokus darauf, die Autos in Bewegung zu halten.»

Glauben Sie, dass Städte auch krank machen können? Ein Wissenschaftler fand heraus, dass Städter wegen höherem Stress ein erhöhtes Risiko haben, an Demenz und Schizophrenie zu erkranken.
Das überrascht mich. Mein Argument dagegen wäre, dass ein alter Mensch, der isoliert irgendwo auf dem Land lebt, ziemlich stark an Einsamkeit leiden dürfte. Trotzdem platzieren wir Altenheime gern so weit wie möglich vom Zentrum entfernt. Dabei brauchen alte Menschen die Stimulierung, dass sie immer noch mitten im Leben sind: dass Kinder um sie herum sind, dass es Läden zum Einkaufen gibt.

Was wäre für Sie denn das Ideal einer gesunden Stadt?
Die Stadt sollte ein Ort sein, an dem Menschen lernen, mit Komplexität, mit Vielfalt zu leben. Jeder braucht diese Fähigkeiten, doch sie fehlen in modernen Städten. Es geht aber noch weit über die Stadtplanung hinaus: Zeitgenössische Kulturen verlieren gerade die Vorstellung, dass Komplexität etwas Gutes ist. Sie wollen Einfachheit. Für mich ist das ein dezivilisierender Prozess.

Wie sieht für Sie der Gegenentwurf einer Stadt der Zukunft aus?
Die Frage ist, wie wir Städte so gestalten, dass unterschiedliche Menschen zusammenleben können. Architektonisch sollte die Stadt der Zukunft mehr Veränderung ermöglichen.

Und wie soll man das erreichen? Sie haben mal gesagt, dass Sie kein grosser Fan von Masterplänen sind.
Das ist tatsächlich die grosse Aufgabe dabei: Wie baut man den richtigen Rahmen ohne Masterplan? Das Problem dabei: Städte wachsen heute oft so schnell, dass scheinbar nur ein Masterplan damit fertig wird. Das glaube ich nicht. Wir versuchen, Wege zu finden, um mit sehr flexiblen Elementen den Massstab zu vergrössern. Das entspricht einem offenen System in der Mathematik.

Aber wie soll das konkret aussehen? Können Sie sich ein solches System der Offenheit zum Beispiel für einen Wolkenkratzer vorstellen?
Meine Studenten mussten darüber nachdenken, wie ein flexibles System vertikal funktionieren kann. Es hat etwas damit zu tun, wie man ein Gebäude möglichst vielfältig hinbekommt – das geht schon bei den Liften los, die man auf ganz unterschiedliche Weise planen und bauen kann.

Gibt es dafür Vorbilder?
Die Japaner sind ziemlich weit damit. Bei denen gibt es öffentliche Plätze im 20. Stock, und es ist immer möglich, von der Strasse direkt in die höheren Etagen zu gelangen. Dafür braucht man spezielle Lifte. Bei uns ist maximal das Erdgeschoss halb öffentlich, alles danach ist privat.

In den Vereinigten Staaten regiert ein Präsident, der mit Hochhäusern reich geworden ist. Ist Donald Trump vielleicht doch ein verkannter Urbanist?
Ich glaube, Sie wissen selbst schon die Antwort. Die einzige Art und Weise, wie Trump sich eine Stadt vorstellen kann, ist als Ort für Immobilienspekulationen. Kleine Geschäfte, Schulen, Spitäler – das interessiert ihn alles überhaupt nicht. Was es für unsere Städte also bedeutet, dass Trump Präsident ist? Ein Desaster – ausser vielleicht für sehr reiche Menschen.

Warum das denn?
Waren Sie je in einem Trump Tower? Sie sind voll mit dünnen Schichten aus Marmor und Blattgold. Das ist Trumps Vorstellung, wie ein Gebäude zu sein hat. Übrigens sind alle seine Häuser ziemlich schlecht gebaut. Wir in New York wussten schon immer, dass er ein Gauner ist. Keine amerikanische Bank hat mit ihm Geschäfte gemacht.

Das Faszinierende an Städten ist ihre Vielfältigkeit. Doch die Stadtplanung liegt oft in der Hand mittelalter, weisser Männer. Ein Problem?
Ja, aber aus der Stadtplanung ist auch eine bürokratische Übung geworden, die von einer kleinen Gruppe sogenannter Experten ausgeführt wird. Zu den Menschen, die ich damals anstellte, um die UNO zu beraten, zählten zum Beispiel ein Archäologe und ein Sänger. Sie alle waren wundervolle Stadtplaner, weil sie anders dachten und sich kreativ an die Aufgabe machten. Das ist das, was wir brauchen.

Haben Sie sich eigentlich jemals gewünscht, aufs Land zu ziehen?
Nie! Meine Kinder und Enkelkinder haben ein Haus auf dem Land, 50 Meilen von London. Ich fahre da natürlich hin, bleibe aber immer nur so kurz wie möglich. Ich mag Beton.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.05.2019, 07:20 Uhr

Professor und UNO-Berater

Richard Sennett kam 1943 als Sohn russischer Einwanderer in Chicago zur Welt und wuchs dort in einem der ärmeren Viertel auf. Er beschäftigt sich als Professor und UNO-Berater mit Aspekten des urbanen Lebens. Zu seinen Werken zählen «Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität» (1986). Sein Buch «Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens» ist 2018 erschienen. Sennett ist mit der Soziologin Saskia Sassen verheiratet und ein begeisterter Gärtner und Hobbykoch. (red)

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