Becken voller Bedeutungen

Ein Swimmingpool ist nicht nur Gefäss des Wassers, sondern vor allem der Emotionen und der Lebenslust. Eine Hommage auf den künstlichen Ozean.

Heimliches Begehren: «La piscine» (1969) von Jacques Deray (Mitte) mit Jane Birkin (2.v.l.), Alain Delon (ganz rechts) und Romy Schneider (2.v.r). Foto: Paris Match (Getty Images)

Heimliches Begehren: «La piscine» (1969) von Jacques Deray (Mitte) mit Jane Birkin (2.v.l.), Alain Delon (ganz rechts) und Romy Schneider (2.v.r). Foto: Paris Match (Getty Images)

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Ein Swimmingpool, der zu einem Hotel am Elvis Presley Boulevard in Memphis gehört, kann nur eine Hommage an den King of Rock ’n’ Roll sein. Und so ist es auch: Der Pool vom Days Inn at Graceland hat die Form einer Gitarre. Dagegen ist das Becken, das Frank Sinatra in Palm Springs bauen liess, einem Piano nachempfunden, während die gigantische Poollandschaft von Hugh Hefners Playboy Mansion in Los Angeles eher an eine mit organisch ausgeformten Lustwesen versetzte, möglicherweise aber auch nur von alten Grottenolmen bevölkerte Wasserhöhle denken lässt.

In der Badespassarchitektur gibt es nichts, was es nicht gibt. Der grösste Pool der Welt? Befindet sich in Chile, ist einen Kilometer lang, fasst 250 Millionen Liter Wasser – und man kann darin segeln. Das seltsamste Poolvideo der Welt? Stammt aus Japan, wurde millionenfach geklickt und erzählt davon, wie man mit Cola und Mentos-Kaubonbons die Badewanne zum bräunlich blubbernden Whirlpool verunstalten kann.

Ein Schwimmbecken als Dach

Der kühnste Pool der Welt? Soll demnächst anderthalb Kilometer über dem Meer in die Steilküste des Libanon gesprengt werden. Wobei der Pool dann das Dach einer darunterliegenden Villa wäre, die bis auf eine Glasdecke vollständig vom Fels der Steilküste umschlossenen wird. Der Name des geplanten, zehn Meter tief in den Stein gehauenen Wohntraums, spricht für sich: Casa Brutale.

Eigentlich ist es ja merkwürdig, dass der Pool, den man in der Zivilisationsgeschichte der Menschheit schon aus der bronzezeitlichen Induskultur kennt, nach immer neuen superlativischen Interpretationen zu verlangen scheint. Andererseits: «Die riesige Pfütze an chlorversetztem Wasser beherbergt viele Erzählungen.» Beziehungsweise: «Der Swimmingpool ist überall ein anderer.»

Das stammt aus einem Text von Francis Hodgson. Aktuell nachzulesen im grandiosen, beim Verlag Hatje Cantz erschienenen, 240 Seiten umfassenden Prachtband «Der Swimmingpool in der Fotografie». Mehr als zweihundert Bildwerke, darunter befinden sich wunderbare Fotos von Henri Cartier-Bresson oder Martin Parr, verbinden sich zu einer Hommage auf «die Kulturgeschichte des künstlichen Ozeans».

Wobei das ein dermassen gewaltiger Sehnsuchtsort ist, dass man auf Seite 195 kaum umhinkommt, sich direkt an den dort abgebildeten Pool zu träumen. Man sässe dann, es ist das Jahr 1968, am Rande des türkis schimmernden Pools im saftig grünen Gras. Direkt vor der Picknickdecke und neben Alain Delon, Romy Schneider und Jane Birkin. Und würde, abgesehen davon, dass man sich ja verrückterweise am Filmset von «La Piscine» befände, sofort endgültig verrückt werden vor ... ja was?

Hotspot des Ungefähren

Der Pool ist ein Ort der vielen Bedeutungen. Manchmal scheint er erotisch aufgeladen zu sein, als Kulisse einer offensiven Schaut-mich-an-Pose oder auch des heimlichen Begehrens und noch heimlicheren Schauens; manchmal hört er sich an nach dem fröhlichen Lärm von Kindern, die einander von der Luftmatratze schubsen; manchmal hört er sich nach Party an. Manchmal soll man hier Wassersport treiben – und manchmal soll man gar nichts tun.

So wie Dustin Hoffman alias Benjamin, der sich im Film «Die Reifeprüfung» auf einer Luftmatratze träge dem Erwachsenwerden entgegentreiben lässt. «Benjamin, was tust du da?» – «Nun, ich würde sagen, ich lasse mich treiben.» – «Warum?» – «Es ist sehr angenehm, sich treiben zu lassen.» Der Pool ist auch der Hotspot des Ungefähren, Unbestimmten, Ungreifbaren. Des Fluiden. Des Flirrens.

Kein anderer Maler hat sich so sehr für den Pool als Sujet interessiert wie David Hockney, dessen Gemälde «A Bigger Splash» zur Ikone des Hedonismus wurde, in Wirklichkeit aber eine kleine Philosophie der Zeit ist. Man sieht ein modernes Haus, den blauen Himmel, Palmen, das Wasser im sonst leeren Pool, ein Sprungbrett – und eben den «Splash» als das, was vom Sprung ins Nass bleibt: eine spritzende Spur vom Leben. Eine Ahnung von jenem Glück, das nur im Augenblick zu haben ist.

Auch ein Planschen macht Spass

Kein Wunder, dass sich das Symbolleben in den Pools so gut entfalten konnte. In der Kulturgeschichte, in der Kunst, im Film und auch in der Literatur (man denke beispielsweise an John Cheevers Kurzgeschichte «The Swimmer») ist das Becken nicht nur ein Gefäss des Wassers, sondern vor allem der Emotionen.

Bevor man sich aber jetzt aus dem Baumarkt einen aufblasbaren Ringpool nach Hause holt, sei erwähnt: Es gibt einen grossen Unterschied zwischen Swimmingpool und Planschbadewanne. Das eine, der Pool, befindet sich in (!) der Erde, ist teuer, unpraktisch und macht viel Arbeit (sofern kein Poolboy zur Hand sein sollte) – sieht aber verdammt gut aus. Das andere, die Badewanne, ist ein sogenannter Quick-up-Pool, der auf (!) der Erde steht, für unter 100 Franken zu haben ist und, hm, auch Spass bereiten kann. Rein wassertechnisch. Zum Abkühlen. Für die Kinder.

Wenn man dann im Planschbecken «Family» sitzt, neben dem praktischen «Wasserauslassventil», kann man sich ja probehalber vorstellen, wie es wäre, wenn Alain Delon, Romy Schneider und Jane Birkin noch kurz mal vorbeischauen.

Francis Hodgson: «Der Swimmingpool in der Fotografie», Hatje Cantz, 2018, 240 Seiten, ca. 46 Fr.

Erstellt: 27.06.2018, 19:55 Uhr

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