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Das «nachhaltigste Gebäude der Welt» hat ein Problem

Giftfreie Baustoffe, Regenwasser in den Toiletten: Das «Olympic House» in Lausanne gilt als Paradebau. Doch bei der grauen Energie haperts.

Das Hauptquarter des Internationalen Olympischen Komitees in Lausanne ist das zweite Gebäude, welches das Platin-Zertifikat des Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) erhalten hat.
Das Hauptquarter des Internationalen Olympischen Komitees in Lausanne ist das zweite Gebäude, welches das Platin-Zertifikat des Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) erhalten hat.

An der Sommerolympiade in Tokio messen sich dieses Jahr Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt, um herauszufinden, wer am schnellsten läuft, am weitesten wirft, am höchsten springt. Zu den Besten gehören will auch die Veranstalterin selber, das Internationale Olympische Komitee IOC. Die Disziplin heisst: Bauen. Und gemessen wird die Nachhaltigkeit.

Dabei geht es nicht um die olympische Infrastruktur, die für ein paar Wochen aufgebaut wird. Nachhaltig sind solche Grosskonstruktionen, die nach dem Millionenanlass oft nicht mehr gebraucht werden, in den wenigsten Fällen. Das gebaute Ziel ist kleiner und näher: das IOC-Hauptquartier in Lausanne, Steuerzentrale und Vorzeigegebäude des Sportverbandes.

Marie Sallois steht im Atrium mit seinen weissen Stützen, weissen Tischen und der weissen Decke und strahlt. Die Direktorin für Unternehmensentwicklung, Marke und Nachhaltigkeit beim IOC hat Grund zur Freude. Der Neubau, der letztes Jahr eröffnet wurde, ist das nachhaltigste Gebäude der Welt. Es ist erst das zweite Gebäude, welches das Platin-Zertifikat des Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) in der Version 2.0 erhält. Und das erste SNBS-Gebäude in der Romandie. Daneben wurde das Haus mit zwei weiteren Energie-Labeln zertifiziert, welche die guten Werte belegen.

Nur vier Abfalleimer im ganzen Gebäude

«Wir wollen ein Vorbild sein», sagt Marie Sallois. «Deshalb haben wir uns sehr hohe Ziele für die Nachhaltigkeit gesetzt und keine Kompromisse gemacht.» Das IOC ging weit, um den Ansprüchen gerecht zu werden. Es veranstaltete 2013 einen Studienauftrag, den 3XN Architects aus Kopenhagen und das Schweizer Büro Itten Brechbühl gewannen.

Das Komitee pflanzte 50 Bäume im Park nebenan, die Stadt weitere 150. Das Holz für den Dachstuhl ist FSC-zertifiziert, der Spannteppich ohne Kleber verlegt, die Baustoffe garantiert giftfrei. Seewasser kühlt das Gebäude im Sommer. Eine Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach in Form einer Taube versorgt es mit Strom. Geheizt wird über ein Fernwärmenetz. Die Toiletten spülen mit Regenwasser.

Erstellt mit giftfreien Baustoffen: Blick ins Innere des IOC-Hauptquartiers. Foto: Keystone
Erstellt mit giftfreien Baustoffen: Blick ins Innere des IOC-Hauptquartiers. Foto: Keystone

Das IOC dachte neben dem Bau auch an die Nutzung. Der Bauherr befragte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie sie künftig arbeiten möchten. Die Grundrisse sind frei möblierbar, weil die Zukunft nicht vorhersagbar ist. Eine neue Buslinie hält direkt vor dem Haus. Es gibt Abstellplätze für 135 Velos. Wer trotzdem mit dem Auto parkiert, muss fünf Franken pro Tag zahlen. Es gibt im ganzen Gebäude nur vier Mülleimer, um Papier oder Abfall zu entsorgen.

Dank dieser Anstrengungen erreichte der Neubau im amerikanischen Indikator Leed 93 Punkte, so viele wie noch kein Gebäude bisher. Doch wer im Atrium steht, das von überdimensionalen Holzringen geformt wird, fragt sich, warum niemand über den Elefanten im Raum spricht: die graue Energie.

Alle wollen nachhaltig bauen, dafür aber nicht auf Funktionalität, Repräsentation oder Komfort verzichten.

Damit wird der ökologische Rucksack eines Gebäudes bezeichnet: Graue Energie steht für die gesamte Menge nicht erneuerbarer Primärenergie, die benötigt wird, um ein Bauwerk zu erstellen. Dazu gehören alle Schritte, vom Rohstoffabbau über die Herstellung und Verarbeitung bis zur Entsorgung, inklusive der dazu notwendigen Transporte und Hilfsmittel.

Der Neubau ersetzt drei Gebäude, die das IOC 1986, 1998 und 2008 neben dem denkmalgeschützten Château de Vidy aus dem 18. Jahrhundert erstellt hat. 34, 22 beziehungsweise 12 Jahre sind kein Alter für ein Gebäude. Im Wettbewerb hatte es keines der Teams geschafft, die Bürofläche für 500 Personen ohne Abbruch unterzubringen. Ein Marmorbogen im Park erinnert an die beiden Altbauten.

Das IOC verwendete 95 Prozent der Materialien wieder, vor allem als Recyclingbeton. Das ist gut, um die Ressourcen zu schonen. Doch die graue Energie der Altbauten ist verpufft. Immerhin haben Forscher der EPFL und Spezialisten der Kreislaufwirtschaft dafür gesorgt, dass möglichst viele der alten Möbel, Elektrogeräte und Sanitäranlagen von anderen Bauträgern übernommen wurden.

Das «Olympic House» wurde im Juni 2019 eröffnet. Foto: Keystone
Das «Olympic House» wurde im Juni 2019 eröffnet. Foto: Keystone

Beim Neubau scheint die graue Energie nebensächlich zu sein. Die Fassade ist komplett aus Glas, einem der energieintensivsten Materialien. Die zweischalige Konstruktion krümmt sich aufwendig, lehnt sich vor und zurück. Im Atrium stabilisieren Stahlringe mit einem Durchmesser von 26 Metern die Geschossplatten, die auf jedem Stockwerk leicht verschoben auskragen.

«Der Neubau ist in erster Linie ein funktionales Gebäude», erklärt Marie Sallois. «Es sollte aber auch eine Symbolhaftigkeit haben. Deshalb konnten wir beispielsweise kein einfaches, rechteckiges Holzgebäude bauen.» Die Fassade spielt auf den Sport, die Dynamik, die Bewegung an. Das Glas steht für die organisatorische Transparenz, die das IOC anstrebt. Die Kreise im Atrium symbolisieren die olympischen Ringe, die laut Sallois 90 Prozent der Weltbevölkerung kennen.

Bauherren könnten Akzente setzen

Der Neubau führt ein grundsätzliches Dilemma vor Augen. Alle wollen nachhaltig bauen, dafür aber nicht auf Funktionalität, Repräsentation oder Komfort verzichten. Die Antwort auf die Klimafrage lautete beim Bauen bisher: Gut isolieren und fossilfrei heizen.

Doch je geringer die Betriebsenergie wird, desto stärker fällt die Energie für die Erstellung ins Gewicht. Energetisch vorbildliche Neubauten emittieren deutlich mehr Treibhausgase bei der Erstellung und Entsorgung als im Betrieb. Ein Architekt, der den ökologischen Fussabdruck seines Gebäudes minimieren will, muss deshalb bei der Konstruktion ansetzen: wenig Aushub, schlanke Tragstruktur, klimaneutrale Materialien.

Die Treibhausgase sind die grösste Herausforderung unserer Zeit. Das Bauen verursacht rund 40 Prozent des weltweiten CO2-Ausstosses, den der Mensch verantwortet. Zertifizierungen wie der Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz bilden die graue Energie aber nur am Rande ab. Sie betrachten das Thema breit, deshalb fallen einzelne Aspekte nicht ins Gewicht. So erreichte das IOC-Gebäude trotz der verschwenderischen Konstruktion die höchstmögliche Auszeichnung bei SNBS.

Letztlich zwingen Zertifikate die Planer nicht, sich dem CO2-Problem zu stellen. Ein Bauherr, der gewillt ist, könnte aber selber Akzente setzen. Das IOC hätte bei der grauen Energie die maximale Punktzahl einfordern und damit ein echtes statt nur ein symbolisches Zeichen setzen können. Dann hätte Marie Sallois aber auf spektakuläre Glasfassaden und bombastische Atrien verzichten müssen.

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