«Das neue Kunsthaus wird ein echter Zürcher»

Auffällig, aber bescheiden – so sieht David Chipperfield seinen Erweiterungsbau am Heimplatz. Die grosse Halle werde allen offenstehen, sagt der Londoner Architekt.

David Chipperfield gibt der Stadt «drei urbane Räume, die sie bisher nicht hatte». Foto: Sabina Bobst

David Chipperfield gibt der Stadt «drei urbane Räume, die sie bisher nicht hatte». Foto: Sabina Bobst

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Das neue Kunsthaus hätte eigentlich 2017 eröffnet werden sollen, die Grundsteinlegung war erst gestern. Werden Sie nicht ungeduldig?
Nein, das ist nun mal so mit grossen öffentlichen Gebäuden. Während der Warte­zeit kommt zwar eine kleine Frustration auf, doch eigentlich ist diese Zeit gut für den Bau.

Warum? Weil man das Projekt weiterentwickelt?
Nein, die Pläne sind gemacht, daran ändern wir nichts mehr. Aber das Gebäude soll der Öffentlichkeit gehören, und sie setzt sich auf ihre Weise, durch die Einsprachen, durch die Reibung, durch das langsame Kennenlernen, damit auseinander. Das ist ein wertvoller Prozess.

Sie bauen Museen auf drei Kontinenten – was ist in Zürich anders als in Mexiko oder auch nur als in Berlin, wo Sie neben dem Neuen Museum auch noch die Neue Nationalgalerie umbauen?
Um ehrlich zu sein, muss der Museumsbau manchmal die Werbefunktion übernehmen, weil die Sammlung nicht so toll ist. Im Fall von Zürich ist dem nicht so, die Sammlung ist so hochkarätig, dass der Museumsbau sich ruhig etwas zurücknehmen kann.

In Zürich fürchtet man eher, dass die monumentale Schachtel des neuen Kunsthauses den Heimplatz erdrückt.
Wirklich? Präsenzloser als jetzt kann der Platz wohl kaum werden. Wenn es tatsächlich so ist, dass Menschen in Zürich mehr Heimplatz wollen, dann freut mich das. Weil wir ihnen mehr Heimplatz geben werden.

Wie das?
Dadurch, dass wir diesem Ort einen Rahmen geben, machen wir ihn erst zu einem Platz. Erst dank dem neuen Gebäude wird man ihn als einen urbanen Raum wahrnehmen.

Braucht es dazu nicht eher eine Verkehrsberuhigung?
Am wichtigsten ist es, den Raum zu definieren. Alle weiteren Massnahmen wie etwa die Regulierung der Verkehrsströme können, müssen aber nicht folgen. Es stimmt, das Haus, das wir bauen, ist gross. Wir schenken aber der Stadt damit nicht weniger als drei urbane Räume, die sie bisher nicht hatte.

Welche sind das?
Hinter dem Haus, zwischen dem neuen Kunsthaus und der Kantonsschule, entsteht ein Kunstgarten. Das wird ein reizender Garten werden, Sie werden sehen. So haben wir den neu definierten Heimplatz, den Garten hinter dem Museum – plus das Verbindungsstück. Denn diese beiden Orte sind durch die zentrale Halle des Museums verbunden, die einen dritten Begegnungsraum darstellt.

Wie gross wird diese Halle werden?
Sehr gross.

Wird sie so riesig wirken wie die Turbinenhalle der Tate Modern?
Nein, so nicht. Aber dank der breiten Treppe, die zum Garten führt, entsteht hier ein Forum, eine Agora, die jeder Mensch betreten kann – denn die Halle wird ohne Eintritt zugänglich sein. Wer in den Garten will, kann ohne weiteres quer durch das Museum flanieren. Und umgekehrt auch. Das öffnet das Haus zur Stadt, macht es einladend. Gleichzeitig ist diese Halle aber auch das Herz des Museums – die Stadt und ihr Kunsthaus sind durch sie verbunden.

«Vielleicht wünschen sich gewisse Kreise etwas Spektakuläreres. Aber eine allzu starke Geste wäre hier kaum richtig.»

In Zürich wünscht man sich oft ein spektakuläres Gebäude, doch kaum taucht es auf, fürchtet man es. Wie gingen Sie mit diesem Paradox um?
Das bringt die Lage in Zürich gut auf den Punkt. Darum wird das neue Kunsthaus ein echter Zürcher werden. Es entspricht beiden Bedürfnissen, es ist auf eine sehr solide, verantwortungsvolle Weise auffällig und zugleich bescheiden.

Worin zeigen sich diese zwei Seiten?
Das eine ist in der Grösse, sowohl der Aussenhülle wie auch der Halle, enthalten. Schliesslich bauen wir hier einen der grössten Museumskomplexe Europas. Die Grösse folgt aber nicht einem wie auch immer gearteten Geltungsdrang, sondern dem echten Bedürfnis, bereits vorhandene Werke zeigen zu können. Wie ein Magazin, das die Vorräte fassen muss. Und das Gebäude verzichtet auf unnötige Gesten, es ordnet sich seiner urbanen Funktion unter.

Als Chef der Architektur-Biennale in Venedig 2012 propagierten Sie die Idee des «common ground» und forderten weniger Starallüren und mehr Verantwortungsbewusstsein von den Architekten. Gehört das Träumen nicht auch zum Bauen?
Natürlich. Die Menschen sollen sich aber nicht in unsere Renderings verlieben, sondern mit dem Gebäude leben können. Falls das so ist, dass das neue Kunsthaus die Vorstellungskraft der Stadtbewohner noch nicht beflügelt, ­geschieht das zum Teil, weil es bereits ein Zürcher Gebäude ist. Und Zürcher sind keine Blender. Möglicherweise wünschen sich gewisse Kreise in Zürich – an Architektur interessierte Kreise – etwas Spektakuläreres. Doch ich glaube nicht, dass eine allzu starke Geste hier richtig wäre.

Der alte und der neue Teil werden durch einen Tunnel verbunden. Wird diese Passage attraktiv?
Tunnel, seien wir ehrlich, sind nie schön. Der Königsweg vom alten zum neuen Gebäude führt für die Besucher immer noch quer durch den Platz.

Wozu baut man dann die teure unterirdische Passerelle?
Weil das Museum eine sichere Verbindung zwischen den beiden Gebäuden benötigt, um Kunst zu transportieren. Und da wir die Verbindung schon bauen mussten, haben wir sie auch fürs Publikum geöffnet. Natürlich haben wir dann auch versucht, den Tunnel so attraktiv wie möglich zu gestalten. Er ist übrigens bereits gebaut.

Tatsächlich?
Ja, wir staunten selber, denn wir dachten, das sei das Schwierigste an der ­Sache. Aber es ging ganz schnell. Die Schweizer haben das mit den Tunneln tatsächlich im Griff.

Und die Kunst? Besteht die Gefahr, dass sie in der grossen Halle zur reinen Dekoration wird?
Die zeitgenössische Kunst benötigt heute andere Möglichkeiten des Dialogs mit dem Publikum, um sich so richtig entfalten zu können. Dem haben wir mit der öffentlichen Halle Rechnung getragen, wo Installationen, Performances und Tanzvorführungen stattfinden ­können.

Also wird die Halle doch ein ­bisschen zur Turbinenhalle werden?
Wenn Sie so wollen. Ich habe Nicholas Serota, Chef der Tate in London, gefragt: Warum wieder ein neues Gebäude? Warum braucht ihr wieder mehr Platz? Er sagte mir damals: weil die ­Menschen zu uns kommen wollen. Nicht nur wegen der Ausstellungen, sondern einfach nur so. Um andere zu treffen, um Teil einer bestimmten Szene zu sein. Heute sind Museen ein Teil der Unterhaltungsstruktur.

Ist das gut?
Es ist anders. Die Rolle der Museen hat sich verändert und damit ihre soziale Verantwortung. Jetzt muss man mehr anbieten als nur Ausstellungen und kunsthistorische Konzepte. Und damit meine ich nicht nur einen Cappuccino.

Wie steht es damit im neuen Kunsthaus?
Gut. Zürich wird ein tolles Museumscafé bekommen. Und eine richtige Bar, die auch abends funktionieren wird.

In den letzten zehn Jahren sind weltweit rund neun Milliarden Dollar in Museumserweiterungen investiert worden. Brauchen wir so viele?
Ganz bestimmt! Die Gesellschaft braucht kollektive Erfahrungen, die immer seltener werden. Shopping, Essen – das kann doch nicht alles sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2016, 20:11 Uhr

David Chipperfield

Der Museumsbaumeister

Sir David Chipperfield (62) gehört zu den erfolgreichsten britischen Architekten. Kaum einer hat so viele Museen gebaut: das Museum Folkwang in Essen, das Anchorage Museum in Alaska oder das Liangzhu Museum in China. Die Rekonstruktion des Neuen Museums in Berlin gilt als sein Hauptwerk. In Zürich steht an der Europaallee ein von ihm gebautes Bürohaus. 2020 soll seine Kunsthaus-Erweiterung eröffnet werden. (ewh)

«A very good moment»

Der Grundstein ist gelegt

Genau vor acht Jahren, Anfang November 2008, gewann der Londoner Architekt David Chipperfield den Wettbewerb für die Erweiterung des Zürcher Kunsthauses. Er sei ­«excited to be here», sagte er gestern an der Grundsteinlegung neben der riesigen Baugrube, und er habe in der Zwischenzeit viel gelernt über die «Swiss democracy». So musste ja nicht nur das Volk erst einem 88-Millionen-Kredit zustimmen, sondern anschliessend auch noch ein Rekurs einer Luzerner Heimatschutzorganisation erduldet werden. Jetzt sei aber ein «very good moment», meinte Chipperfield, und das Kunsthaus werde mit dem Neubau eines der «great museums of Europe» werden. Für Stadtpräsidentin Corine Mauch wird mit der Erweiterung die Kulturstadt Zürich weiter­gebaut. Sie und alle anderen Redner der beteiligten Organisationen legten anschliessend ihre Gedanken zum Kunsthaus in eine Aluminiumbox, die in der Grundplatte des Neubaus an der Ecke Heimplatz/Kantonsschulstrasse eingemauert wurde. (jr)

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