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Brücken, die blühen, und andere Verrücktheiten

Der Architekt Thomas Heatherwick plante für London einen öffentlichen Garten in Brückenform. Auch sonst sind seine Entwürfe die wohl derzeit aufregendsten der Welt.

Bleibt wohl leider nur ein Idee: Thoams Heatherwicks «Garden Bridge» über die Themse.
Bleibt wohl leider nur ein Idee: Thoams Heatherwicks «Garden Bridge» über die Themse.
Heatherwick Studio
Da hatten die New Yorker mehr Glück: Dort nämlich wird derzeit Heatherwicks «Vessel» gebaut, eine begehbare Riesenskulptur aus kupfernen Rolltreppen.
Da hatten die New Yorker mehr Glück: Dort nämlich wird derzeit Heatherwicks «Vessel» gebaut, eine begehbare Riesenskulptur aus kupfernen Rolltreppen.
Heatherwick Studio
Thomas Heatherwick.
Thomas Heatherwick.
Elena Heatherwick
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Zu Hause läuft es gerade nicht so toll für Thomas Heatherwick. Sadiq Khan, der Bürgermeister von London, hat der von Heatherwick entworfenen «Garden Bridge» das Fundament entzogen. Eine Fussgängerbrücke über die Themse als öffentlicher Garten hatte sich der Designer 2013 ausgedacht, im Auftrag einer Privatstiftung, die den grössten Teil der Kosten für die Flussoase tragen wollte. Doch der Labour-Bürgermeister ist der Meinung, dass es genügend Brücken über die Themse gibt und der Steuerzahler für dieses kleine Paradies im Wasser mit 270 Bäumen und Tausenden Pflanzen überhaupt kein Geld geben sollte. Damit ist das Projekt tot.

Die Hintergründe dieses Beschlusses sind politischer Natur, denn die Garden Bridge war eines der Lieblingsprojekte von Khans Vorgänger, dem Brexit-Populisten und jetzigen Aussenminister Boris Johnson. Die Absage der öffentlichen Unterstützung dient Khan nun dazu, sich als kostenbewussten Gegenpart zu dem Showman der Tories zu inszenieren. Doch die reinen Steuerzahler-Argumente diskreditieren nun selbst in populistischer Manier eine alternative Sicht auf den öffentlichen Raum, die hier ihren Ausdruck fand.

Die Absicht von Heatherwicks Entwurf war es nämlich nie, einen effizienten neuen Weg zu schaffen, um von Temple nach South Bank zu kommen, sondern eine neue Form des viktorianischen Parks zu erfinden, einen Zaubergarten im Zentrum der Stadt, der das Künstlerische, vielleicht auch das Spleenige der Hauptstadt ausdrücken kann – und dabei echte Naherholung bietet. Doch mit Khans harscher Ablehnung wurde diese Vorstellung von einem neuen Stadtpark auf dem Wasser nun abqualifiziert als idiotisches Hirn­gespinst. Und damit einen Designer und Architekten diffamiert, der zu den energischsten Verfechtern einer Stadt gehört, die zum Wohl der Bürger Schönheit und Wohlergehen wichtig nimmt.

Doppeldecker neu entdeckt

Seit Heatherwick 1994 ein Designbüro gründete mit der Vision, den öffentlichen Raum menschenfreundlicher zu gestalten, richtet sich seine Philosophie auf die Beseelung von Funktionszwängen. «Gefühle», sagt er, «sind ein bedeutender Teil der Funktion eines Bauwerks.» Nur das Notwendige zuzulassen, unterdrücke Lebensqualität. Und dieses Denken sei dafür verantwortlich, dass Menschen bei Infrastrukturprojekten grundsätzlich armseligste Ergebnisse erwarten müssten.

Dabei hat der 47-jährige Universal­designer, den sein Mentor Terence Conran den «Leonardo da Vinci unserer Zeit» nennt, gerade in London gezeigt, warum Erlebnisqualität einen so hohen «Funktionswert» hat wie technische ­Abläufe. Mit Liebe zum Detail und zur Tradition hat Heatherwicks Büro Londons Doppeldeckerbusse neu gestaltet und energetisch optimiert. Das rote Gefährt, 1968 zuletzt erneuert, ist in dem coolen Design ein Symbol für die ökologischen Ziele der Stadt: Plötzlich ist Busfahren nicht nur für Touristen attraktiv. Und Heatherwicks Schneckenhausbrücke am Grand Union Canal, die bei Schiffsdurchfahrt nicht aufgeklappt, sondern eingerollt wird, reduziert Technik auf ein Minimum und ist trotzdem so nützlich wie lustig. Deswegen muss es so enttäuschend wirken, wenn Steuerzahler-Argumente nun ein Projekt verhindern, das in seiner sinnlichen Freigiebigkeit weit über den Horizont von Verkehrswegeplänen hinaus gedacht war.

Von Kapstadt bis New York

Diese Suche nach dem öffentlichen Mehrwert des Gestaltens hat den Designer mittlerweile zu einem der gefragtesten Namen im internationalen Entwurfsgeschäft gemacht. Sein Studio Heatherwick realisierte zuletzt sehr besondere Bauprojekte in aller Welt, etwa das kürzlich eröffnete Museum für zeitgenössische Kunst in Kapstadt. In New York wird gerade die «Vessel», eine begehbare Riesenskulptur aus kupfernen Rolltreppen, auf dem Hudson Yard gefertigt. Allerdings ist auch hier ein Park im ­Wasser, den Heatherwick für einen der New Yorker Piers entworfen hatte, gerade gestoppt worden. Endlose Rechtsstreitigkeiten und explodierende Kosten liessen den privaten Investor des grünen Hügels auf Stelzen «Pier 55», Barry Diller, resignieren.

Auch dieses Projekt war geboren aus Heatherwicks Philosophie für den öffentlichen Raum, die Schönheit als Inspiration des gesellschaftlichen Lebens versteht. Ignoranz gegenüber bedeutungsvoller Gestaltung nennt er dagegen «Missachtung der Menschenwürde» – um sich für diese pathetischen Worte gleich wieder halb zu entschuldigen. Heatherwick vermittelt glaubhaft, dass ihm alles Grosstuerische zuwider ist. Wird er nach seinem «Brand», seinem Markenzeichen gefragt, nennt er diese Vokabel ein «stinky word». Sein Studio führe er «mit dem grössten Widerstand gegen jede Form von Hierarchien» als eine Art «komisches Sowjet-Kollektiv». Mit dieser uneitlen Methode des gemeinschaftlichen Entwerfens will er «den Unterschied machen» zu einer als kulturlos empfundenen Grossstadtarchitektur.

Ist es nicht tröstlich, dass man mit solchen Idealen heute einen «Workshop» mit 200 Mitarbeitern am Leben erhält? Wie das geht, versteht man vielleicht am besten im fernen Shanghai, wo Thomas Heatherwick 2010 mit seinem britischen Expo-Pavillon soviel Eindruck hinterliess, dass er nun zwei wirklich aussergewöhnliche Projekte umsetzen durfte.

Und jetzt: Ein Gefängnis

Der haarige Hauswürfel, den Heatherwick auf der bisher grössten Expo überhaupt realisierte – mit seinen 66'000 transparenten Fiberglasstangen, die aussen sanft im Wind wogten –, verwies bereits auf den spielerischen Umgang mit der Natur und dem heissen Klima Shanghais, den auch seine neuen Gebäude als geistiges Markenzeichen zeigen. Das demnächst fertige «Haus der 1000 Bäume», ein bergartiger Multifunktionskomplex, der neben dem Künstlerquartier M50 entsteht, überrascht mit pilzförmigen Riesensäulen, ­gekrönt von Bäumen. Diese filtern die Sonne vor der Fassade und stellen zugleich eine Wunderlandatmosphäre zwischen klobigen Wohnsilos her.

Und auch Heatherwicks rotgold schimmerndes Kulturzentrum wird durch drei gewellte Reihen herabhängender Stäbe in Bambusoptik so attraktiv verschattet, dass der Komplex wie die bizarre Kulisse eines Luc-­Besson-Films aussieht. Hier zeigt sich Heatherwicks Freude am Ausprobieren unter der Vorgabe, etwas für gewöhnliche Menschen in der Stadt zu erfinden, das sie mögen können.

Der Unterschied von Heatherwicks Idee von Design zu den meisten seiner Kollegen lässt sich vielleicht durch sein Traumprojekt am besten illustrieren. Gefragt, was er gerne noch entwerfen würde, antwortete er nicht «Yacht», «Hochhaus» oder «Flughafen», sondern «Gefängnis». Warum? Weil er möchte, dass Straftäter im Knast eine Vorstellung von den Möglichkeiten des Lebens erhalten. Vielleicht sollte Sadiq Khan also als Reue für seine engstirnige Entscheidung bei der Garden Bridge Thomas Heatherwick die Londoner Gefängnisse zur Überarbeitung geben. Das könnte dazu führen, dass Insassen so viel Sinn erfahren, dass sie nie wiederkommen. Und damit würde der Steuerzahler eine Menge Geld sparen.

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