Der Ästhet, der für Arme baut

Mit ethnologischem Blick projektiert Stephen Cairns in Singapur für die Städte der Zukunft.

ETH-Titularprofessor Stephen Cairns erforscht in Singapur die Zukunft der Städte. Foto: Carlina Teteris

ETH-Titularprofessor Stephen Cairns erforscht in Singapur die Zukunft der Städte. Foto: Carlina Teteris

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Stephen Cairns forscht für die Stadt der Zukunft. In Neuseeland aufgewachsen, studierte er jedoch erst einmal Altertumswissenschaften, wenn auch ohne richtigen Plan. Dann entdeckte er die Ethnologie. «Andere Kulturen zu erkunden, fand ich stark», erzählt der 1,90-Meter-Mann mit dem schimmernden Schädel und der sanften Stimme. Er begeisterte sich nicht nur für die Methode der «teilnehmenden Beobachtung», also des ins Geschehen eingebetteten Forschens. Ihn faszinierten auch die Professoren, die das Fach an der University of Otago lehrten: «Sie trugen niemals Anzüge und gaben sich ­locker. Sehr beeindruckend, wenn man wie ich sein bisheriges Leben in Schuluniform mit Krawatte und von Konventionen geprägt verbracht hatte.»

Als Nächstes zog die Philosophie den Suchenden in seinen Bann. Das losgelöste Nachdenken über Sein und Erkenntnis, über Wahrheit und Schönheit war zwar das genaue Gegenteil zu dem ethnologischen Eintauchen in fremde Lebenswelten. Aber eben diese beiden Gegenpole reizen Stephen Cairns, seit er seine endgültige Berufung in der Architektur fand – bis heute. Schon während seines Studiums liess er sich Zeit, um in Indien und Südostasien zu reisen. Als Doktorand im australischen Melbourne beschäftigte er sich nicht nur mit der Kolonialarchitektur Indonesiens, er begann sich auch für die Lebensverhältnisse in den Städten zu interessieren. Er spricht Indonesisch und sucht immer wieder das Gespräch mit Einheimischen.

Algen am Gebäude

Diese Erfahrungen haben sicher dazu beigetragen, dass Cairns radikal neue Gedanken dazu entwickelt hat, was Entwerfen und Bauen in Zeiten globaler Waren- und Menschenströme und zunehmender Komplexität bedeutet. Er hat ein Buch über Migration und Architektur sowie ein Handbuch der Architekturtheorie herausgegeben. Jüngst hat er unter dem provokanten Titel «Gebäude müssen sterben» Architekten daran erinnert, nicht nur auf den kurzen, glanzvollen Moment der Voll­endung hinzuarbeiten, sondern auch an das Rosten und Rotten, den allmählichen Wechsel der Moden und die mögliche Beseitigung zu denken.

«Hier zum Beispiel», sagt er und zeigt aus dem Fenster auf schmutzig grüne Verwitterungsspuren an einer Betonfassade: «Dieses Gebäude ist ganz neu. Die Architekten haben nicht eingeplant, dass sich im feuchtheissen Klima Singapurs ganz schnell Algen und Flechten ausbreiten.» Wir haben uns im Future Cities Laboratory (FCL) des Singapore-ETH Centre for Global Environmental Sustainability getroffen. Das Labor hat seinen Sitz auf dem Gelände der Nationalen Universität von Singapur, im sechsten Stock eines futuristisch anmutenden Komplexes, an dem Kletterpflanzen hochranken. Drinnen viel Glas, klares Design in Schwarz und Weiss, überall stehen Modelle herum. Vor vier Jahren hat Cairns hier die wissenschaftliche Leitung des Forschungsprogramms übernommen.

Warum forscht die Schweizer ETH zur umweltverträglichen Zukunft der Städte in Singapur? «Wir haben in dieser Weltregion den Vorteil, sowohl im Labor als auch von Zeit zu Zeit im Feld forschen zu können», erklärt Cairns. Viele Millionen- und Mega­städte liegen in Südostasien. Sie wachsen mit einer in der Alten Welt schwer vorstellbaren Dynamik. Um diese Ballungsräume zukunftstauglich zu machen, gilt es, ihren Energie- und Ressourcenhunger zu dämpfen, ihren Auswurf an Abfällen und Kohlendioxid zu minimieren und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern.


Vielfältig genutzt: Häuser in Indonesien.
Foto: Alamy

Planen lässt sich das recht gut in «kompakten» Städten wie Singapur. Viele Städte in Asien wachsen aber nicht in die Höhe, sondern in die Breite. Der Zustrom von Arbeitskräften führt mitunter zu unorthodoxen Siedlungsformen. Die indonesische 28-Millionen-Metropole Jakarta zum Beispiel dehnt sich immer weiter in die Fläche aus, wobei sich an den Rändern landwirtschaftliche mit urbanen Nutzungen mosaik­artig abwechseln. Für die langfristige Planung und Entwicklung dieses «ausgedehnten» Typus von Stadt gilt es, neue Ideen zu entwickeln.

So gibt es in der Peripherie von Jakarta keine Trennung in Wohn- und Gewerbegebiete. Zwischen und in den Wohnbauten sind stets Garküchen, Handwerksbetriebe und kleine Fabriken untergebracht. Die im Vorkriegseuropa erfundene Paket­lösung, die Bewohner solcher Siedlungen in neu errichtete Hochhäuser zu stecken, ist nicht erfolg­versprechend. An einem Regierungsprojekt konnten Cairns und die FCL-Wissenschaftler beobachten, welche Folgen es hat, wenn dies dennoch geschieht: Die meisten Bewohner verlieren ihre Lebensgrundlage. Neue Gebäude stehen leer, selbst wenn sie ästhetisch und technisch auf dem neusten Stand sind, weil sie nicht für die Mischung von Leben und Wirtschaft gemacht sind und die Menschen woanders hinziehen. Hier erwies sich als Plus, dass Cairns die Stadt mit ethnologischem Blick betrachtet, bevor er Konzepte entwirft: «In ­einem Projekt haben wir untersucht, wie viele Menschen in diesem Gebiet Essen verkaufen, Kleidung nähen oder Abfall recyceln.» Es wäre kaum sinnvoll gewesen, dieses zwar arme, aber ökonomisch tragfähige Gemeinwesen zu zerstören. Daher wurde zunächst nur die Trinkwasserversorgung mit Regensammelsystemen und neuen Leitungen verbessert.

Das «erweiterbare Haus»

Auf Grundlage dieser Erfahrungen entstand dann das Projekt «Tropical Town», entwickelt für die eine halbe Fährstunde südlich von Singapur gelegene Insel Batam. Diese war noch 1970 grösstenteils von Wald bedeckt. Heute gehört sie zum «Wachstumsdreieck», das Singapur zu Beginn der 90er-Jahre anregte, weil es in dem Stadtstaat an ­Arbeitskräften und an Platz mangelte. Binnen weniger Jahrzehnte schwoll Batams Bevölkerung von einigen Tausend auf fast 1,2 Millionen Einwohner an, die in Industrieparks, Werften und Stahlwerken, Ölförderanlagen und Touristenresorts arbeiten. Nachdem die Forscher ihre Feldstudien betrieben hatten, entwickelten sie eine Art Planungsbaukasten mit verschiedenen Ideen für Gebäude, Plätze und Nutzflächen, für die Infrastruktur zur Klärung der Abwässer und zur Gewinnung von Sonnen­energie, die sich stufenweise an die bestehenden Verhältnisse anpassen lassen. Herzstück des Projekts ist das «erweiterbare Haus», ein ein­facher Grundplan für bis zu vier Stockwerke hohe Gebäude, der sich nach den Bedürfnissen der Bewohner ausgestalten lässt.

«Alles, was wir vorschlagen, muss mit dem Vorhandenen zurechtkommen», sagt Cairns. Architekten, die gewohnt sind, Ästhetik als elegante Fassaden und grosszügige Gestaltung öffentlicher Räume zu begreifen, müssen neu darüber nachdenken, was Ästhetik unter Armutsbedingungen heisst: «Das Vorhandene ist vielleicht nicht unbedingt schön im klassischen Sinne, aber ökonomisch gesund. Und darin liegt auch eine Art von Schönheit.»

Erstellt: 18.07.2015, 08:21 Uhr

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