Der Durchbruch

In London wurde das Victoria and Albert Museum auf spektakuläre Weise erweitert. Ein Rundgang mit der Architektin Amanda Levete durch den viktorianischen Prachtbau.

Das Victoria and Albert Museum in London wird nun von der Exhibition Road her durch einen Säulengang betreten. Foto: Hufton Crow

Das Victoria and Albert Museum in London wird nun von der Exhibition Road her durch einen Säulengang betreten. Foto: Hufton Crow

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Das Victoria and Albert Museum (V&A) ist das weltweit grösste Haus für angewandte Kunst und Design. Künftig betritt man es von der Exhibition Road, der breiten Londoner Strasse, die auf Kensington Gardens zuläuft. Der untere Teil der Kolonnade, welche die Westseite des Museums bildet, war bisher mit einer zwei Meter hohen Mauer aufgefüllt. Die Kolonnade steht noch. Doch anstelle des Mauerkonstrukts führen jetzt elf Türen aus perforiertem Aluminium auf einen neuen Vorplatz.

Es sei einer der schwierigsten Kämpfe gewesen, eine Genehmigung für diesen Durchbruch zu bekommen, erzählt Amanda Levete. «Ich wollte unbedingt diese Öffnung hin zur Exhibition Road», sagt die britische Architektin, die für die Neugestaltung verantwortlich zeichnet. English Heritage, Gralshüter des englischen Denkmalschutzes, hätte dem normalerweise niemals zugestimmt. Allein dass in der Mauer noch Schäden von Bombensplittern aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen waren, machte sie zu einem erhaltenswerten Teil des denkmalgeschützten Gebäudes. Geholfen hat Levete sicher, dass sie Pläne gefunden hat, nach denen der viktorianische Bau ursprünglich sich genau so zur Strasse hätte öffnen sollen, wie er es jetzt tut.

In einer neuen Liga

Levete, eine zierliche, energische 61-Jährige, führt mit sichtlichem Stolz durch das «mit Abstand komplexeste Projekt» ihrer Karriere. Das bisher bekannteste Gebäude der gebürtigen Waliserin, eine futuristisch aussehende Filiale des Kaufhauses Selfridges in Birmingham, entstand in Zusammenarbeit mit ihrem damaligen Ehemann und Partner Jan Kaplický. Das gemeinsame Büro Future Systems war massgeblich an der Etablierung einer biomorphologischen Formsprache in der Architektur beteiligt. Seither sind einige wichtige Projekte hinzugekommen, darunter ein Museum in Lissabon, die neue Londoner Goldman-Sachs-Zentrale und ein Umbau der Galeries Lafayette in Paris. Doch erst das «Exhibition Road Quarter» hat Levete in eine neue Liga katapultiert.

«Wir haben das Verhältnis zwischen Museum und Strasse verbessert», sagt Amanda Levete. «Es bildet ein Ensemble mit dem Natural History Museum und dem Science Museum auf der anderen Strassenseite.»

Mit einem Budget von 54,5 Millionen Pfund ist es die ambitionierteste Erweiterung des V&A seit über 100 Jahren. Aufwand und Sorgfalt zeigen sich in Details wie den Kacheln für die «Sackler Plaza». 11'000 von ihnen wurden bei der königlichen Porzellanmanufaktur im holländischen Makkum geordert. Einzeln handgefertigt und mit bunt glasierten Rillen akzentuiert, werden sie hier erstmals als Bodenbelag verwendet.

Weiss leuchtend erstrecken sich die 1200 Quadratmeter des neuen Hofes. Auf der Nordseite beherbergt ein neuer Pavillon, dessen geschwungenes Dach ebenfalls mit Porzellankacheln gedeckt ist, ein neues Café und den unvermeidlichen Shop. Südlich, seitlich der Treppe, führt eine Rampe auf das Museum zu, von wo im Boden eingelassene Glasplatten einen ersten Einblick in den neuen Ausstellungsraum darunter, die Sainsbury Gallery, gewähren.

Die Eingangshalle wirkt mit ihrem Terrazzo-Boden eher kalt. Der Name des umstrittenen ukrainisch-amerikanischen Mäzens Leonard Blavatnik prangt riesig über einer Reihe von Touchscreens, die zum Selbstausdruck bestellter Tickets dienen sollen. Die in dieser Halle in den Boden eingelassene Treppe, die in den neuen Ausstellungssaal hinabführt, wirkt weit unspektakulärer als manch anderer Aspekt des Projekts. Laut Amanda Levete stellte ihre Realisierung aber mit Abstand die grösste technische Herausforderung dar. Vom Treppenabsatz aus kann man durch verglaste Aussparungen die Kuppel des Aston-Webb-Baus sehen. Die drei mächtigen Stahlträger, die das Gewicht der Plaza tragen, sind orange gefärbt – Levete wollte sie nicht verstecken, sondern betonen: «Wir mussten hier, einen Meter von einem denkmalgeschützten Gebäude entfernt, 48 Meter tief graben», erklärt sie. «Noch vor zehn Jahren hätten wir dieses Projekt überhaupt nicht umsetzen können, weil die Modelle, die die Ingenieurfirma Arup verwendete, um die Erdbewegungen vorherzusagen, nicht existierten. Die Galerie wäre dann deutlich kleiner ausgefallen.»

Tatsächlich wirkt der neue unterirdische Raum für Sonderausstellungen mit seinen insgesamt 1100 Quadratmeter Grundfläche wie eine der riesigen Soundstages in den Londoner Pinewood-Filmstudios: ein Raum wie ein Hangar, 38 Meter lang, 30 Meter breit, mit einer maximalen Deckenhöhe von zehneinhalb Metern. Die Akustik ist erstaunlich gut für einen Raum dieser Grösse, was vor allem an der gefalteten Decke liegt, die zur Hälfte aus Akustikputz besteht. Hauptanspruch sei eine komplett flexible Bespielbarkeit gewesen, sagt Amanda Levete.

Stück für Stück freilegen

Mindestens ebenso wichtig wie die Sainsbury Gallery selbst sind die ein Stockwerk tiefer liegenden Räumlichkeiten, die technische Dienste, Kühlung, Arbeitsräume für Konservatoren und Kuratoren erstmals alle an einem Ort versammeln. Der Aufbau von Sonderausstellungen wird dadurch, ebenso wie durch die neuen Zugänge und Aufzüge, einfacher, preiswerter und sicherer als in den sogenannten North und South Courts, in denen sie bisher stattfanden.

Hinter den schwarzen Wänden, die dort in den Siebzigerjahren eingezogen wurden, verstecken sich einige der interessantesten viktorianischen Interieurs des ganzen Gebäudes. Diese sollen nun Stück für Stück freigelegt, die alten Sonderausstellungssäle zu permanenten Galerien umfunktioniert werden. Tim Reeve, Stellvertretender V&A-Direktor, vergleicht den neuen Raum mit einer «leeren Leinwand»: «Bisher haben wir unsere Konzepte das eine oder andere Mal trotz der verfügbaren Räume um­gesetzt», so Reeve. «Jetzt arbeitet der Raum sozusagen mit uns.»

Angesichts des resolut zeitgenössischen Designs des «Exihibition Road Quarter» wird es interessant sein, zu sehen, wie die Londoner den Umbau annehmen – nichts geniesst in diesem prinzipiell zum Konservatismus neigenden Land so hohes Ansehen wie die viktorianische Baukunst. Amanda Levete macht sich jedenfalls keine Sorgen wegen möglicher Beschwerden darüber, dass sich ihr Entwurf nicht genug an der Ästhetik des alten Baus orientiere: «Das V&A hat immer nach vorne geblickt», sagt sie. «Man muss einem Gebäude immer wieder neues Leben einhauchen. Und zwar auch mit den Mitteln der eigenen Epoche.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2017, 22:39 Uhr

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