Der geheimnisvolle Monolith von Muttenz

Aus der Ferne wirkt der Betonbau wie ein Künstlerhaus, in Wahrheit dient er einem anderen Zweck.

Ästhetisch und funktional: Die Hülle aus rotem Spritzbeton legt sich wie ein Kleid über die Innenräume. Foto: Boerje Mueller Photography

Ästhetisch und funktional: Die Hülle aus rotem Spritzbeton legt sich wie ein Kleid über die Innenräume. Foto: Boerje Mueller Photography

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Am Rand des Hardwaldes bei Muttenz taucht zwischen den Bäumen ein Gebäude mit einer Fassade aus rot eingefärbtem Spritzbeton auf. Wie ein Monolith steht es im Grünen. Auf den ersten Blick ist die Funktion nicht auszumachen. Ein Künstlerhaus? Das Museum eines privaten Sammlers?

Die Antwort ist verblüffend pragmatisch: Es handelt sich um eine Trinkwasseraufbereitungsanlage – im Innern befinden sich Pumpen, Rohre, Becken und Tanks. Die Gemeinde Muttenz gewinnt darin 80 Prozent des Trinkwassers. Auch für das angrenzende Industriegebiet Schweizerhalle wird hier Wasser aufbereitet. Jenes Gebiet also, wo 1986 nach einem Brand mit Chemie verschmutztes Löschwasser in den Rhein geriet.

Dass die TWA Obere Hard formal nicht im Geringsten an einen Infrastrukturbau erinnert, ist dem Architekturbüro Oppenheim Architecture zu verdanken. Statt einer klassischen Konstruktion, wie sie sonst bei Zweckbauten üblich ist, kommt das Haus mit einer fast schon organischen Betonhülle daher, das an ein enges Kleid erinnert. Es schmiegt sich über die nach Zweck angeordneten technischen Innenräume.

Mit fortschreitender Zeit, sagt Beat Heusler von Oppenheim Architecture, soll die poröse Fassade natürlich altern. So wird das Regenwasser der Hülle nach und nach Patina verleihen, oder Pflanzen könnten den Bau erobern.

Bevor man den technischen Teil betritt, gelangt man in einen grottenähnlichen Vorraum mit einem Becken. (Foto: Boerje Mueller Photography)

Mit zwei Büros in den USA ist Oppenheim Architecture sonst eher für Villen und Residenzen in Los Angeles oder Miami bekannt. Dank eines Schweizer Büros mit Sitz in Muttenz, das von Beat Heusler geführt wird, sind die Architekten aber auch mit der Schweizer Baukultur vertraut.

Gleichzeitig ästhetisch und funktional, gilt die Anlage als neues architektonisches Highlight in der Region, das selbst in der internationalen Architekturpresse Anklang findet. Als Besucherzentrum konzipiert, kann man das Gebäude auf Anfrage auch besichtigen.

Auch bei einem Chemieunfall bliebe das Wasser sauber

Bevor man den technischen Teil betritt, gelangt man in einen grottenähnlichen Vorraum mit einem Becken. Verschiedene Betonplatten führen zu einer Treppe und auf eine Plattform. Wasser fliesst aus verschiedenen Hähnen ins Becken; Ritzen in der Fassade und an der Decke geben den Blick frei auf Himmel und Bäume, und wenn es regnet, fällt Regenwasser ins Becken. Aus einem Brunnen lässt sich frisch gereinigtes Wasser trinken. Es ist in diesem Vorraum erstaunlich sakral und mystisch; fast wie in einem Spa.

Betonplatten führen zu einer Treppe und auf eine Plattform. (Foto: Boerje Mueller Photography)

Selbst im technischen Hauptteil des Gebäudes wird das Wasser sinnlich inszeniert. Neben diversen Räumen, wo das kostbare Gut mittels Oxidation oder Filtration in einem dreistufigen Verfahren aufbereitet wird, geben Glasscheiben wie in einem Aquarium den Blick auf grosse Wasserbecken frei.

Und auch die Technik hat ihren Reiz: Riesige Überlaufrohre, über die im Notfall zu viel Wasser ins Freie gelangt, sowie diverse Pumpen erinnern in den clean gehaltenen Räumen in Weiss an Skulpturen.

Durch Ritzen in der Fassade dringt Sonnenlicht ins Innere; das Wasser wird sinnlich inszeniert. (Foto: Boerje Mueller Photography)

Dass sich die Gemeinde Muttenz eine solche Anlage leistete, kommt nicht von ungefähr: Dem Bau gingen jahrelange Untersuchungen, Abstimmungen und Debatten voraus. 2006 kam unter anderem eine Studie zum Schluss, dass das Grundwasser in der Muttenzer Hard mit Chlorsubstanzen, Herbiziden und pharmakologisch aktiven Substanzen belastet ist.

Denn das zu einem grossen Teil aus dem Rhein stammende Wasser, das Teil eines regionalen Wasserversorgungsnetzes ist und durch verschiedene Pumpstationen und Kanäle durch den Hardwald gelotst wird, fliesst auf heiklem Terrain: Neben dem Industriegebiet Schweizerhalle liegen auch verschiedene Deponien in unmittelbarer Nähe.

Die Muttenzer sprachen sich deshalb für eine neue, eigene Aufbereitungsanlage aus, um die Qualität des eigenen Trinkwassers sicherzustellen. Diese wäre dank der Anlage selbst dann gewährleistet, wenn der Rhein verschmutzt würde.



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Erstellt: 25.05.2019, 16:48 Uhr

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