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Der Schönheitschirurg der Natur

Der preussische Fürst Pückler hat einst ganze Landstriche in Gärten verwandelt. Jetzt wird sein monumentales Kunstwerk wiederentdeckt: Die Bundeskunsthalle in Bonn widmet ihm eine Ausstellung.

Park Branitz war Pücklers Alterswerk. Hier der Blick über den Schilfsee zum Schloss.
Park Branitz war Pücklers Alterswerk. Hier der Blick über den Schilfsee zum Schloss.
PD
Fürst Pückler um 1838 (Lithographie von Wilhelm Devrient). Sein Leben war ein grosses Abenteuer: Er kämpfte in den napoleonischen Kriegen und später um die Finanzierung seiner kostspieligen Landschaftsgärten.
Fürst Pückler um 1838 (Lithographie von Wilhelm Devrient). Sein Leben war ein grosses Abenteuer: Er kämpfte in den napoleonischen Kriegen und später um die Finanzierung seiner kostspieligen Landschaftsgärten.
PD
Im Schlosspark Babelsberg ergeht sich Prinz Wilhelm mit seiner Tochter Luise (Aquarell von Ernst Hasse, 1840/45)
Im Schlosspark Babelsberg ergeht sich Prinz Wilhelm mit seiner Tochter Luise (Aquarell von Ernst Hasse, 1840/45)
Stiftung Stadtmuseum Berlin
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So exzentrisch, wie er gelebt hatte, so exzentrisch starb er auch. Nach seinem Tod schnitt ihm sein Arzt das Herz heraus, löste es in Schwefelsäure auf und bettete den Leichnam in Ätzkalk – so, wie es im Testament verfügt worden war. Was dann noch vom Toten übrig war, wurde in einer Pyramide in einem künstlichen See bestattet – mitten im riesigen Landschaftspark von Branitz, den der Verstorbene geschaffen hatte. Heute umrunden Besucherinnen und Besucher in Booten die letzte Ruhestätte eines der bedeutendsten Gartengestalter der Geschichte.

Fürst Hermann von Pückler-Muskau (1785–1871) war eine Ausnahmefigur. Er war spätabsolutistischer Feudalherrscher und gleichzeitig republikanisch gesinnt, luxusverliebter Dandy und aufgeklärter Intellektueller, Bestsellerautor, Abenteurer und Frauenheld. Er kämpfte in den napoleonischen Kriegen, ritt zu Pferd durch den halben Orient und überlebte mehrere Duelle. Selber sah sich Pückler aber vor allem als Gartenkünstler. Er nannte sich einen «Parkomanen».

Kein Geringerer als Goethe hatte ihn motiviert, in die Gartenkunst zu investieren. «Verfolgen Sie diese Richtung, Sie scheinen Talent dafür zu haben; die Natur ist das dankbarste, wenn auch unergründlichste Studium, denn sie macht den Menschen glücklich, der es sein will», schrieb ihm Goethe. Und so schuf Pückler als sein Jugendwerk den Muskauer Park, der sich 100 Kilometer nordöstlich von Dresden beidseits der deutsch-polnischen Grenze ausdehnt. Als Alterswerk schuf er den Branitzer Park. Und daneben arbeitete er im Auftrag des späteren Kaisers Wilhelm I. am Park Babelsberg in Potsdam mit. Im Zweiten Weltkrieg wurden Pücklers Parks schwer beschädigt. Anschliessend erlitten sie in der DDR und im kommunistischen Polen das Schicksal jedes vernachlässigten Gartens: Sie wuchsen zu.

Miniaturgarten auf dem Dach

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs wird Pücklers Erbe mit der Motorsäge wieder freigelegt. Gartenarchäologen spüren verschwundene Wege auf, Blumenbeete werden nach Pücklers Beschreibungen neu angelegt, Gehölze hektarenweise gerodet. Die Bundeskunsthalle in Bonn widmet seiner «Parkomanie» eine grosse Ausstellung. Auf dem Museumsdach wurde dafür sogar ein pücklerscher Garten im Miniaturformat angelegt.

Im Original haben seine Parks Dimensionen, die für Besucher aus der Schweiz jedes Vorstellungsvermögen sprengen. Alleine der Muskauer Park, zum Unesco-Welterbe erhoben, ist 830 Hektaren gross. Das entspricht rund einem Viertel des Kantons Basel-Stadt.

Mit dem Parkvirus infiziert wird Pückler, als er 1814 erstmals nach England reist. Dort hat im Jahrhundert zuvor eine Gartenrevolution stattgefunden: Gartenarchitekten wie William Kent, Lancelot «Capability» Brown und Humphry Repton brachen mit den formalen Gärten des Barock. Ihre neuen «englischen» Gärten sind zwar nicht weniger aufwendig gestaltet als die «französischen» Vorgänger. Sie zwingen die Natur aber nicht mehr in geometrische Formen, sondern sie soll so natürlich wie möglich wirken: Die Gärten der Aufklärung wollen die ideale Landschaft erschaffen.

Wo Pückler mit der Arbeit fertig ist, hat die Landschaft nichts Zufälliges mehr.

Nach seiner Rückkehr nach Muskau beginnt Pückler als 30-Jähriger, seinen englischen Vorbildern nachzueifern. Er legt nicht bloss einen Garten an, er will grosse Teile seiner Herrschaft in ein begehbares Landschaftsgemälde verwandeln. Am 1. Mai 1815 verlangt er von seinen Untertanen in einem Aufruf, ihm die dafür nötigen Grundstücke «gegen vernünftige Bedingungen abzulassen». Andernfalls, so droht er, werde er Muskau «auf immer verlassen». Die Muskauer spuren, und Pückler beginnt, seine Traumlandschaft zu erschaffen. Er leitet die Neisse um, lässt – noch ohne Trax und Bagger – gewaltige Erdbewegungen vornehmen und kilometerlange Sichtachsen in die Wälder schlagen. Sichtachsen sind Schlüsselelemente eines Landschaftsgartens. Gezielt führen sie den Blick der Parkbesucher mal dahin, mal dorthin.

Damit er sein Werk zu Lebzeiten noch so erleben kann, wie er es sich vorgestellt hat, lässt Pückler Hunderte ausgewachsene Bäume ausgraben, über weite Strecken transportieren und in Muskau wieder einpflanzen. Wo Pückler mit der Arbeit fertig ist, hat die Landschaft nichts Zufälliges mehr. Jeder Baum ist entweder gezielt gepflanzt oder bewusst stehen gelassen worden. Gewundene Wege und malerische Brücken laden zum stundenlangen Parkwandeln ein.

Das alles kostet Unsummen, sodass Pückler ein Jahrzehnt nach Baubeginn auf den Bankrott zusteuert. 1826 lässt er sich – auf Vorschlag seiner Frau Lucie Dnotabene – pro forma scheiden, mit dem Ziel, sich reich wiederzuverheiraten. Und so geht Pückler zweieinhalb Jahre lang nach England auf Brautschau. Seiner Ex-Frau zu Hause berichtet er in langen Briefen detailliert über seine Suche und seine amourösen Abenteuer auf der Insel.

Sein Leben – ein Abenteuer

Doch die Mitgift mit Braut findet er nicht. Dafür hat Lucie die Idee, Pücklers Briefe zu veröffentlichen. 1830 erscheint unter dem Pseudonym «Briefe eines Verstorbenen» sein süffig geschriebenes Sittengemälde der britischen Upperclass und wird zum Bestseller. 1834 legt Pückler publizistisch nach, mit seinen «Andeutungen über die Landschaftsgärtnerei». In diesem gartentheoretischen Schlüsselwerk kann er seinen Muskauer Park wenigstens im Geiste vollenden.

Die Einnahmen aus dem Verkauf dieser und weiterer Bücher investiert Pückler in seinen Garten. Daneben korrespondiert er mit Goethe, Heine, Metternich, Napoleon III. und vielen anderen Grössen seiner Zeit und verabschiedet sich immer wieder auf lange Reisen. Ab 1834 tourt er sechs Jahre lang durch Nordafrika und den Orient, während ­Lucie zu Hause die Parkarbeiten überwacht. Der Verkauf von Pücklers Orient-Büchern ist nicht so lukrativ wie erhofft, und so sieht er im Jahr 1845 keinen anderen Ausweg mehr, als Muskau zu verkaufen.

Dann fängt er 30 Kilometer nördlich in Branitz, einer etwas bescheideneren Herrschaft, als 60-Jähriger noch einmal ganz von vorne an. Anders als im wasserreichen Hügelland um Muskau sind in Branitz die Voraussetzungen für einen Park denkbar schlecht: Die Landschaft ist topfeben und der Boden sandig. Ausgerechnet in dieser «Sandwüste», wie Pückler es nennt, vollbringt er sein Meisterwerk. Hunderte von Arbeitern heben geschwungene Wasserwege aus und gestalten mit dem Aushub bis zu 15 Meter hohe Hügelreliefs. Erneut verpflanzen sie Bäume im grossen Stil und erbauen zwei Pyramiden nach ägyptischem Vorbild, eine an Land und eine im See – Pücklers späteres Grab.

In Branitz perfektioniert Pückler das Zonierungsprinzip. Sein Park besteht aus drei Teilen: Rund um das Schloss gestaltet er einen Salon unter freiem Himmel. Dieser «Pleasure Ground» ist mit Blumenbeeten, fremdländischen Pflanzen und dekorativen Elementen ausgestattet. Darum herum breitet sich die idealisierte Landschaft des Innenparks aus. Hier verwendet Pückler nur einheimische Gehölze; Farbakzente setzt er mit Blutbuchen und Graupappeln. Der Innenpark wird umgeben von einer sogenannten «Ornamental Farm», die zwar landwirtschaftlich genutzt wird, aber trotzdem harmonisch wirken muss. Die Intensität der Gestaltung nimmt von den inneren zu den äusseren Parkbereichen beständig ab. Am Ende ist auch der Branitzer Park über 600 Hektaren gross.

Geklonte Bäume

Heute präsentiert er sich nach jahrzehntelanger Restaurierung über weite Strecken wieder so wie einst von Pückler ­erdacht. Um herauszufinden, wo früher Baumgruppen standen und Parkwege verliefen, haben die Gartenrestauratoren sogar Luftaufnahmen alliierter Bombergeschwader ausgewertet. Wenn wichtige Solitärbäume absterben, klonen sie im Labor genetisch identische Exemplare und pflanzen sie nach.

Branitz war der letzte grosse Landschaftsgarten, der auf dem europäischen Festland entstand. Pückler war kein Avantgardist des Landschaftsgartens, er war sein Vollender. Er selber beschrieb seine Rolle unbescheiden wie immer: «Es ist nun mal meine Aufgabe, Wüsten in Oasen zu verwandeln.»

Parkomanie. Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn, bis 18. September.

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