Die Top-Bauten der Schweiz

Ein neues Buch stellt bemerkenswerte Schweizer Gebäude des 21. Jahrhunderts vor. Der Wohnungsbau kommt in der Auswahl allerdings zu kurz.

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Lange schon wartet die Schweiz auf einen umfassenden Katalog zur zeitgenössischen Architektur, nun ist er da – und kommt aus Deutschland. Geschrieben hat ihn der deutsche Journalist Alexander Hosch, erschienen ist er im deutschen Callwey-Verlag, herausgegeben vom Schweizerischen Ingenieur- und ­Architektenverein (SIA). Er versammelt 200 Bauwerke von Aarau bis Zermatt, von Bellinzona bis Verbier, die in den letzten 15 Jahren erstellt wurden.

Das Buch ist «eine Wundertüte und kein Fachkatalog», wie der Autor selbst schreibt. Eine Seite pro Projekt fasst das Wichtigste in Text, Bild und Plan zusammen. Alexander Hosch schreibt flott und präzise. So ist ein handliches Nachschlagewerk entstanden, weniger für Fachleute als für Architekturtouristen und -liebhaber. Für den Rucksack ist das Hardcoverbuch allerdings ein bisschen zu schwer. Sieht man die GPS-Daten zu jedem Projekt, denkt man darum: In ­einer App fürs Smartphone wäre der Inhalt praktischer aufgehoben gewesen.

Die Objekte sind querbeet gemischt, der Aufbahrungsraum steht neben dem WC-Häuschen, die Elefantenhalle neben der Waldhütte. Ebenso vielfältig sind die architektonischen Sprachen: Da sind Oden in Sichtbeton, präzis gegossen, die kühle Form zelebrierend. Dort wiederum Effekt haschende Fassadentänze, solide Holz- und Steinhäuser, die die Tradition weiterdenken.

Gesunde Wettbewerbskultur

Was lehrt uns das Buch über das Architekturland Schweiz? Es wurde viel gebaut. Und – neben den 90 Prozent Bausünden – auch manches Gute. Das verdeutlichen insbesondere die Zweckbauten, die andernorts oft ohne Architekten entstehen. Elektrizitätswerke, Heizzentralen oder Kehrichtverbrennungsanlagen stehen sorgfältig entworfen in der Landschaft. Überhaupt beweist das Buch, wie die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangeht, mit Museen und Theatern, Schulen und Kindergärten, Gemeindezentren und Stadtplätzen.

Dass das Baukultursystem Schweiz funktioniert, sieht man auch an den Büro­namen. Neben weltbekannten Gesichtern wie Herzog & de Meuron, Santiago Calatrava, Mario Botta, Peter Zum­thor oder Daniel Libeskind tauchen viele Architekten auf, die sich erst kürzlich einen Namen gemacht haben. Das liegt massgeblich an der gesunden Wettbewerbskultur, dank der junge Büros den Einstieg in den Beruf finden, besser als in anderen Ländern.

Die Projekte zeigen darüber hinaus: Die Schweiz ist unterwegs. Für den Verkehr wird betoniert, was das Zeug hält. Bushaltestellen werden überdacht, Bahnhöfe ausgebaut, Strassen mit Passerellen und Schluchten mit Brücken überwunden. Mit der Mobilität eng verbunden ist der Tourismus, der Vorzeigearchitektur verlangt, um den harten Franken zu rechtfertigen. So entstehen im Tal Thermalbäder und Galerien, auf den Gipfeln Panoramarestaurants und Himmelsstege.

Urbane Gräuel

Trotz der Breite hat das Buch einen blinden Fleck. Den urbanen Wohnungsbau klammert es fast ganz aus, obwohl die Architekten in kaum einem Bereich so erfinderisch waren in den letzten Jahren, insbesondere im Wohnlabor Zürich. Gleichzeitig gibt es nirgends so viel Gräuel wie im Siedlungsbau. Das Buch, das sich an Laien richtet, hätte gerade diesen erklären sollen: Gute Architektur beginnt im Alltag. Und was gibt es Alltäglicheres als das Wohnen?

Alexander Hosch: Architekturführer Schweiz. Die besten Bauwerke des 21. Jahrhunderts. Hg. von der SIA. Callwey, München 2015. 280 S., 700 Abb., ca. 43 Fr.

Erstellt: 20.08.2015, 20:09 Uhr

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