Ein neuer Kunstpalast – mit einer Fassade wie eine Brandmauer

Ein Besuch im Musée des Beaux-Arts in Lausanne, das die Architekten Barozzi und Veiga aus Barcelona gebaut haben.

Blick von Osten auf das neue Kunstmuseum in Lausanne. Foto: Keystone

Blick von Osten auf das neue Kunstmuseum in Lausanne. Foto: Keystone

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Mehr Understatement geht nicht. Auch wenn man den Lausannern und der weitsichtigen, der Kultur zugewandten Waadtländer Regierung für den neuen Museumsriegel beim Bahnhof höchsten Respekt zollen muss, so ist das Gebäude der Architekten Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga von einer ästhetischen Rigorosität, die an Selbstkasteiung grenzt. Die beiden Architekten haben in der Schweiz das Bündner Kunstmuseum und das Zürcher Tanzhaus gebaut.

Vom Bahnhof nach Westen gehend, erblickt man schon nach wenigen Metern ein riesiges, leicht in die Höhe gezogenes, fensterloses Mauerquadrat, das gut und gerne auch als Brandmauer durchgehen könnte. Es wird jetzt und für alle Zukunft die Schauseite oder eben das Gesicht des Waadtländer Kunsttempels sein (in zwei Jahren wird ihm noch ein kleinerer, architektonisch auffälligerer Bruder beigesellt). Nicht nur das. Es wird den Eingang zum neuen Museumsquartier Plateforme 10 markieren, das hier unmittelbar neben dem Bahnhof entsteht. Wir wagen die Prognose, dass diese Mauer wohl schon bald mit einer grossen Wandmalerei geschmückt wird.

Ein Betontunnel als Eingang. Foto: Keystone

Auf 3200 Quadratmeter Ausstellungsfläche bietet das neue Musée des Beaux-Arts den Werken von Ducros, Gleyre, Steinlen, Vallotton, Soutter, die seit Jahrzehnten das Rückgrat der stolzen Kunstsammlung des Kantons darstellen, und den grossartigen Neuzugängen von Ai Weiwei über Penone bis Soulage eine neue Heimat. Nach einem Rundgang mit dem Gründungsdirektor Bernard Fibicher, der sich sichtlich wohlfühlt in seinem neuen Kunstpalast, ist man restlos überzeugt, dass hier ein Museum entstanden ist, das den Bedürfnissen der Museumsmacher in hervorragender Weise entgegenkommt.

Der Rasterblick gegen Norden

145 Meter lang, 21 Meter breit und 23 Meter hoch ist der dreistöckige Bau, der sich nicht nur vom Bahnhof abwendet, sondern auch auf seiner südlichen, dem See zugewandten Seite bis auf zwei Ausnahmen auf Fenster verzichtet, sodass man wiederum von einer noch viel gewaltigeren Brandmauer zu sprechen geneigt ist. Hier grenzt der Bau unmittelbar an die Gleisanlagen des Bahnhofs, sodass man auch aus sicherheitstechnischen Gründen wenig Fenster einbauen wollte. Zudem hat man der Kunst zuliebe die von Süden scheinende Sonne radikal aus allen Ausstellungsräumen verbannt.

Die Eingangshalle mit dem Bogenfenster. Foto: Keystone

Gegen Norden öffnet sich das Gebäude. Aber auch hier versteckt es sich hinter unzähligen senkrechten, haushohen Lamellen aus einem hellgrauen Klinkerstein, die in gleichmässigen Abständen die enorme Länge rhythmisieren. Ein Stilmittel, das sehr charmant mit der industriellen Vergangenheit dieses Ortes spielt. Hinter den Lamellen, die eine zweite Haut um den Betonkubus legen, entdeckt man beim Vorbeigehen grosse Fenster, die sich in der Breite über vier oder fünf Vertikalstreben erstrecken und hier und dort etwas Nordlicht in die Ausstellungssäle und vor allem in die Treppenhäuser hineinlassen.

Ein Bogenfenster als Reminiszenz an die alte Lokremise

Und schon steht man in der Eingangshalle. Sie ist der einzige Raum in diesem Museum, der die ganze Vertikale des dreigeschossigen Baus durchmisst. Dominiert wird sie von einem riesigen Bogenfenster in der Südwand, das einst die hier stehende Lokremise zierte. Die Architekten haben es auf der Suche nach einem konkreten und materiellen Bezug zum Ort in genialer Weise in ihren Neubau integriert.

Hinauf zu diesem Fenster führt eine breite Treppe, sodass jeder Besucher auf dem Weg in die Galerien gewissermassen ins Licht tritt, was ja durchaus eine symbolische, wenn nicht sogar sakrale Qualität hat und dabei auch noch einmal das Museum in der Umgebung verorten kann. Der Blick geht nämlich direkt auf die tonnenschwere Welt der Wagen und Loks, die eine so ungleich andere Materialität besitzen als die Schätze, die in einem Museum gehütet werden.

Die Eingangshalle, die wie alle Erschliessungszonen des Museums mit einem hellen Terrazzo-Boden versehen ist, wird dominiert von einem etwa 15 Meter hohen Baum aus Bronze, den der italienische Künstler Giuseppe Penone geschaffen hat. Die Skulptur mit der Bezeichnung «Luce e ombra» – ein Geschenk der grosszügigen Lausanner Galeristin Alice Pauli – ist in der unteren Hälfte von einem eiförmigen Kranz aus goldenen Blättern umgeben, der an das Dach der Wiener Sezession erinnert. Im oberen Bereich des Geästes sitzt eine runde Kugel, die jenes Dunkel symbolisieren soll, ohne das keine Kunst entstehe, wie Bernard Fibicher erklärt.

Eröffnungsausstellung mit lauter Geschenken

Von hier aus ist man mit drei Schritten in einem gut besuchten Museumsrestaurant, das schon jetzt für seine ausgezeichnete Küche bekannt ist. Auf der anderen Seite der Halle befindet sich der grosse Museumsshop. Dann geht es, nach einem Abstecher zu den Garderoben, die ebenfalls ebenerdig und bequem erreichbar sind, hinauf zu den Ausstellungssälen, die man links und rechts der Eingangshalle über zwei leider sehr düster geratene Treppenhausschluchten erreicht. Sie wirken in ihrer banalen Funktionalität etwas ideenlos und erinnern an billige Stiegen in Wohnblocks, führen aber auf direktem Weg in die Ausstellungsetagen.

Blick in den grössten Galerieraum mit 700 Quadratmeter. Alle Ausstellungssäle im zweiten Stock haben Oberlicht. Foto: Keystone

Der Eintritt ist übrigens gratis. Das gilt für die Eröffnungsausstellung, die sich über das ganze Museum ausbreitet und bis Anfang Januar 2020 dauert. Es gilt auch für die Sammlungsausstellung des neuen Museums, die danach eingerichtet wird. Davon kann man in Basel, Bern und Zürich nur träumen. Nur für die Wechselausstellungen, von denen im Jahr drei grosse und drei kleinere geplant sind, soll Eintrittsgeld erhoben werden.

Zum Start werden die privaten Donatoren und Leihgeber gefeiert, die den Neubau, der zur Hälfte von Privaten bezahlt wurde, mit unzähligen Kunstgeschenken bedachten. Nun füllen ihre Kunstwerke die wohlproportionierten, mit einem hellen Holzboden ausgestatteten Museumsräume, von denen einer sage und schreibe 700 Quadratmeter Fläche besitzt, die sich natürlich unterteilen lassen. Fibicher nennt seine Ausstellung «Atlas». Seine Länder und Kontinente sind ein paar Stichworte, die Ordnung in ein doch recht diverses Konvolut von Kunst bringen, das von nun an die Sammlung des Museums aber auf das Schönste ergänzt.

So freuen wir uns, um nur ein paar Höhepunkte herauszupicken, unter dem Titel «Wälder» über «Le Retour du bûcheron» von Louis Frédéric Rouge aus dem Jahre 1890, einer welschen Variante des Wilhelm Tell, die jedes Schulkind in der Waadt kennt. Dann bleiben wir vor einem besonders schönen Exemplar von August Rodins «Le baiser» stehen. Die Skulptur firmiert zusammen mit Félix Vallottons «Femme nue lutinant un Silène» (1907) unter dem Titel «Carte du tendre» in Fibichers Atlas.

Ein fast zerstörtes Historiengemälde

Anselm Kiefers «Rheintöchter» sind unter dem Titel «Flux» zu finden. Giuseppe Penones «A occhi chiusi», ein Triptychon mit einer Marmorplatte und zwei geschlossenen Augen, die aus lauter Dornen der Akazie gebildet sind, gehört in die Abteilung «Douleur». Schliesslich darf Thomas Hirschhorns monumentale Installation «Swiss Army Knife» nicht unerwähnt bleiben.

In der Abteilung «Histoire» werden wir auf die «Exécution du Major Davel» von Charles Gleyre aufmerksam – oder das, was davon übrig ist. Das für das Waadtländer Selbstbewusstsein so wichtige Historiengemälde stellte die 1723 erfolgte Enthauptung des Generals dar, der sich gegen die Berner Herrschaft gewandt hatte. 1980 ist es in einer bis heute nicht aufgeklärten Nacht- und Nebelaktion fast total zerstört worden, sodass nur noch ein einziger, nun als Bildfragment gerahmter Soldat übrig blieb. Dieser ist nun in einer Fotoarbeit von der grossen Konzeptkünstlerin Sophie Calle in der Ausstellung zu bewundern.

Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne. Bis 12.1.2020: Atlas. Cartographie du don. Ab 14.2.: Wien 1900. Klimt, Schiele, Kokoschka. www.mcba.ch

Erstellt: 18.11.2019, 19:03 Uhr

Preisgünstiger als Zürich und Berlin

Der Museumsbau von Barozzi Veiga in Lausanne kostet 83,5 Millionen Franken, was bei einer Ausstellungsfläche von 3220 Quadratmetern einen Preis von 26'000 Franken pro Quadratmeter ergibt. Das ist weniger als die Hälfte davon, was das Museum des 20. Jahrhunderts in Zürich von David Chipperfield und das geplante Museum der Moderne von Herzog & de Meuron (HdM) in Berlin kosten.

Chipperfield wird bei 206 Millionen Baukosten 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche bereitstellen. HdM berechnen 450 Millionen Euro für 9000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, das ist eine Kostensteigerung gegenüber den ursprünglichen Plänen um das Doppelte, was der Haushaltsausschuss des Bundestages aber angesichts eines viel grösseren Raumprogramms letzte Woche bewilligt hat.

Ein wichtiger Grund für die höheren Quadratmeterpreise liegt wohl in der Verwendung teurer Materialien und eines insgesamt luxuriöseren Ausbaus, als das in Lausanne der Fall ist. Auffällig ist aber auch, dass sowohl Chipperfield als auch HdM mit riesigen Galerieräumen und noch grösseren Erschliessungshallen, die auch für Ausstellungen genutzt werden können, neuartige und grosszügige Raumerlebnisse bieten werden, die man in Lausanne nicht findet. Beim Luxusmuseum schlägt gewissermassen der umbaute Leerraum zu Buche, der durch die Erzeugung von Architekturerlebnissen im Innern des Gebäudes entsteht. (hm)

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