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Gelebte Gemeinschaft

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein erzählt, wie neue gemeinschaftliche Wohnformen die Architektur beleben.

Die Dachterrasse als Begegnungszone und Spielplatz: Gebäude von Le Corbusier. Foto: Fondation Le Corbusier © 2017 Pro Litteris, Zürich
Die Dachterrasse als Begegnungszone und Spielplatz: Gebäude von Le Corbusier. Foto: Fondation Le Corbusier © 2017 Pro Litteris, Zürich

Angefangen hatte es mit Krawallen. «Wo, wo, Wohnige», skandierten Aktivisten 1989, während sie im Wochenrhythmus durch Zürich marschierten. Sie besetzten Häuser und stellten Sofas auf die Strasse, um ihr Recht auf Stadt einzufordern. «Together!» heisst jetzt eine Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, die neue gemeinschaftliche Wohnformen vorstellt. Und mit dem Ausrufezeichen macht sie schon im Titel klar: Diese mussten hart erkämpft werden. Die Besucher stehen auf Pflastersteinen mitten im Geschehen, während um sie herum die Protestbewegung der 80er-Jahre tobt: Nicht nur in Zürich, sondern auch in Hamburg oder Berlin brodelte es.

Wer teilt, spart Geld und kann sich also mehr leisten: Fitnessstudios, Saunas, Büchereien, Meditationsräume.

Die Ideen für ein anderes Zusammenleben jenseits der bürgerlichen Stadtwohnung oder des spiessigen Einfamilienhauses kamen nicht von ungefähr. Daran erinnern die Geschichtstafeln zwischen den Demonstranten. Ab 1860 errichtete der französische Fabrikant ­Jean-Baptiste André Godin unter dem Namen «Familistère» Wohnanlagen, deren gemeinschaftliche Innenhöfe er mit riesigen Glaskuppeln überdachte. Die Engländer ersannen um 1900 in den Gartenstädten eine Einheit aus Wohnen, Gewerbe und Landwirtschaft; das Rote Wien baute an einem neuen Menschenbild für die Arbeiterklasse; die Sowjetunion wollte mit den «Kommunehäusern» bessere sozialistische Menschen erziehen. Sogar Le Corbusier stellte bei seiner Unité d’habitation die Bewohner ins Zentrum, als er die allen zugänglichen Dachterrassen zeichnete.

Anschaulich und plakativ

Passend zum Thema entstanden sowohl die Ausstellung als auch der bildreiche Katalog dazu als gemeinschaftlicher Effort. Zum Team der Kuratoren gehört Andreas Ruby, der neue Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums in Basel. Ruby holte seine Lebenspartnerin, die Kuratorin Ilka Ruby, und die beiden Architekten Daniel Niggli und Ma­thias Müller vom Zürcher Büro EM2N mit ins Boot. Entsprechend räumlich funktioniert die Schau. Doch Ruby und seine Mitstreiter konzipierten keine Fachausstellung, sie wollten das Thema in die Breite tragen. Überraschend anschaulich und plakativ ist ihre Ausstellung darum geraten.

Im zweiten Raum tragen die Kuratoren rund zwanzig exemplarische Wohnbauten zusammen – vom Obdachlosenheim in Los Angeles bis zur Single-Siedlung in Seoul. Die Überbauungen schieben sie zu einem fiktiven Stadtmodell zusammen, das die Gemeinschaft hochhält. Auf den Plätzen, den geteilten Dachgärten und in den Gemeinschaftsräumen pulsiert das Leben im Playmobil-Massstab. Alle privaten Bereiche blendet das Modell weiss aus. Die öffentlichen Räume beleben die Stadt und aktivieren die Nachbarschaft. Sie haben aber auch praktische Gründe. Wer teilt, spart Geld und kann sich also mehr leisten. Die Fitnessstudios, Saunas, Schwimmbäder, Büchereien und Meditationsräume stehen sämtlichen Bewohnern offen. Autos gibt es nur wenige, dafür geteilte. Dahinter steckt kein Kommunendenken, sondern eine pragmatische Ökonomie der Mittel, um Leerstand zu vermeiden.

Wohnbaulabor Zürich

Einige der Projekte stammen aus Zürich, das in den letzten Jahren zum international beachteten Wohnbaulabor wurde. Die Überbauung Kalkbreite hob das neue genossenschaftliche Bauen mitten in der Stadt auf den Tramdepotsockel. Das Projekt «Mehr als Wohnen» verwirklichte die Ideen im Randquartier Leutschenbach. Die Siedlung «Zwicky Süd» trug sie in Dübendorf vor die Tore der Stadt. Dass dort auch eine Pensionskasse mitinvestierte, zeigt: Das gemeinschaftliche Wohnen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – aus den Hausbesetzern von damals sind Genossenschaftsvorstände geworden. Statt gegen den Abbruch zu kämpfen, haben sie selber Projekte aufgebaut. Mit beachtlichen Resultaten und grosser Akzeptanz. 2011 beschloss Zürich an der Urne, den Anteil gemeinnütziger Wohnungen bis 2050 auf ein Drittel zu erhöhen.

Der Vorwärtsdrang beflügelte die Kreativität der Architekten. Sie entwarfen Hallenwohnungen, Gross-WGs, zumietbare Zimmer. Eine Erfindung wurde zum Inbegriff der Renaissance des gemeinschaftlichen Wohnens: die Cluster-Wohnung. Sie kombiniert geteilte Küchen und Wohnzimmer mit privaten Schlafzimmern und Bädern. In Weil am Rhein bauen die Kuratoren einen Ausschnitt einer solchen Komfort-WG im Massstab 1:1 ins schiefe Ausstellungsgebäude von Frank O. Gehry. Man spürt ihre Lust, Architektur nicht auszustellen, sondern zu bauen: Die Küche ist möbliert, das Bad komplett ausgerüstet, im Kinderzimmer steht das Ikea-Bett. Wer Gelegenheit hat, die echten Wohnungen vor Ort zu besuchen, diese Anmerkung sei erlaubt, lernt trotzdem mehr. Architektur ist keine Kulisse, so gut sie auch nachgebaut wird.

Privatbesitz ohne Profitgier

Auch anderswo organisieren die Menschen ihr Zusammenleben neu, um dem rauen Wind der Immobilienwirtschaft zu trotzen. In kleinerem Massstab operieren die Japaner, bei denen die Bauten meist weniger als ein Dutzend Bewohner umfassen – ein Vorbild für Schweizer Randgebiete. In Deutschland schliessen sich Bauwillige zu Baugruppen zusammen. So bleiben die Wohnungen in Privatbesitz, die Profitgier eines Investors wird umgangen. Dass das genossenschaftliche Modell nicht das einzige ist, zeigt auch ein Gebäude aus Kopenhagen. Die Stadt stellte das Grundstück zur Verfügung und baute eine Sporthalle, während Private die Eigentumswohnungen auf dem Dach finanzierten.

Monopoly für Gutmenschen

Bei allen Projekten spielt die selbstständige Organisation eine wichtige Rolle. Im letzten Raum schlüsselt die Ausstellung die Finanzierung einiger Projekte auf und erklärt die partizipative Planung. An einem Tisch können Besucher «bolo’ bolo» spielen, ein Monopoly für Gutmenschen, benannt nach den autarken Siedlungen, von denen der Schweizer Autor Hans Widmer alias P. M. einst träumte. Es gewinnt nicht, wer am meisten Geld erwirtschaftet, sondern wer am meisten Erfahrungen sammelt.

Solche Utopien sind inzwischen passé. Bei vielen Projekten spielt das soziale Engagement aber trotzdem eine grosse Rolle. Nachbarschaftshilfen werden organisiert, Flüchtlinge oder Behinderte integriert, alte Menschen unterstützt, Freiwilligenarbeit wird angeboten. Auch ökonomisch versuchen manche Siedlungen möglichst unabhängig zu sein. Sie setzen auf lokal produzierte Güter und betreiben Restaurants, um Geld zu erwirtschaften. Bei einigen Prokekten bauen die Bewohner die Wohnungen sogar selber aus.

Affirmativ hält die Ausstellung solch gelebte Gemeinschaft hoch. Doch wenn die Menschen näher zusammenrücken, erzeugen sie unvermeidlich mehr Reibung. Auf dem Dachgarten liegt Müll, Nachbarn klagen über Lärmemissionen, und die hohe soziale Kontrolle bedeutet für manche: Die Stadt in der Stadt wird zum engen Dorf in der Stadt. Dass die Schau solche Kehrseiten ausblendet, sei ihr verziehen. Denn noch ist der neue Gemeinschaftsbau eine kleine Pflanze, die viel Zuspruch braucht und verdient. Und zu Auseinandersetzungen kommt es auch im Stockwerkeigentum, sobald man die Schwelle hin zum Öffentlichen überschreitet.

Bis 10. September. www.design-museum.de

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