Gute Architektur ist wie guter Service

Befreite Räume, so lautet das Motto der Architekturbiennale in Venedig. So richtig versteht es niemand. Dafür halten sich die zwei Kuratorinnen an Handwerk und Geschichte.

Zementmischer und Ziegelpresse: BC Architects aus Belgien gehen zurück zum Ursprung.<br />Foto: Francesco Galli (La Biennale di Venezia)

Zementmischer und Ziegelpresse: BC Architects aus Belgien gehen zurück zum Ursprung.
Foto: Francesco Galli (La Biennale di Venezia)

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Eine Backsteinmauer liegt am Boden, um 90 Grad gekippt, inklusive Fenster. Dort, wo vorher die Fassade stand, zeigt eine Liveübertragung Passanten in Venedig. Der Raum ist durchbrochen, befreit. «Freespace» nennen die Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara das Motto der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig. Die Architektinnen vom Dubliner Büro Grafton, die seit ihrem Universitätsbau in Lima im Rampenlicht stehen, wecken mit dem Begriff allerlei diffuse Erwartungen. Auch das Manifest, das «Freespace» mit Grosszügigkeit, Menschlichkeit oder Möglichkeit umschreibt, schafft keine Klarheit. Dabei zeigt Alejandro Aravena, der Kurator der Biennale 2016, wie man das Motto mit einem einzigen Satzzeichen hätte schärfen können. «Free space!», ruft er aus. Doch das verhallt ungehört in den Hallen des Arsenale.

Viele Architekten interpretieren das Thema als Freipass, um zu zeigen, was sie beschäftigt: ihre Projekte. In der 317 Meter langen Halle reihen sie vorwiegend öffentliche Gebäude aneinander: eine Schule in Indien, eine Uni in den USA, einen Kindergarten in Japan. Räumlich markante Gebäude, sensibel auf Nutzer und Umgebung abgestimmt. Das ist nicht selbstverständlich. Man könnte Freespace durchaus falsch verstehen, wie der spanische Architekt Rafael Moneo anmerkt. Als Aufruf an die Architekten, ihr kreatives Ego über alles zu stellen. Doch wichtigtuerischen Häusern begegnet man keinen. Gute Architektur ist wie guter Service: Sie drängt sich nicht auf, ist aber kompetent zur Stelle, wo es sie braucht.

Hinein, hinauf, hindurch

Die meisten Beiträge fokussieren auf den zweiten Teil des Mottos, «space». Und das beste Mittel dafür bleibt das Modell. Da stehen Bastelarbeiten aus Holz und Karton, hübsche Puppenstuben, mit Menschlein und Möbelchen. Die eindrücklichsten Modelle stellt Peter Zumthor aus, einer der vielen Schweizer in Venedig. Er baut mit Wachs, Sand, Pflanzen, Kohle, Granit. Die Atmosphäre ist zum Greifen nah, auch wenn die Projekte nicht Realität wurden.

Noch räumlicher wirken nur die vielen begehbaren Installationen. Ständig kann man hinein, hinauf, hindurch. Manche Architekten transplantieren ganze Ausschnitte aus ihren Bauten, andere entwerfen eigene Skulpturen. Farrell und McNamara forschen nicht an den Grundelementen ihres Fachs, wie Rem Koolhaas vor vier Jahren. Und sie rapportieren nicht von den Fronten der Architektur, wie Alejandro Aravena 2016. Die Kuratorinnen wollen unser dreidimensionales Interesse wecken, das verkümmert, je mehr wir auf unsere Bildschirme starren. Die Besucher sollen im Raum schwelgen, Höhen und Tiefen erfahren, Weiten und Engen spüren. Die sozialen Gräben, die wirtschaftlichen Krisen, die ökologischen Katastrophen, die Bedingungen, in denen Raum entsteht, interessieren die beiden Architektinnen nur am Rande.

Auch viele Länder bauen Raumerfahrungen. Die Österreicher legen einen Spiegelboden in ihren Pavillon und Garten, der so extrem künstlich wirkt, dass die Besucher fast den Halt verlieren. Ungarn stellt ein Baugerüst in seinen Innenhof, das Schwindelfreie in die Höhe trägt. Noch radikaler sind die Briten. Sie haben ihren Pavillon leer geräumt und über dem Dach ein Sonnendeck errichtet: eine Insel der Entspannung im Biennale- respektive im Brexitstress.

Wo ist die Relevanz?

Sich mit Raum zu beschäftigen, ist eine wichtige Aufgabe. Wer sonst kümmert sich darum? Die Immobilienspekulanten, die Verkehrsplaner oder die Generalunternehmer jedenfalls nicht. Doch die Ausstellung geht kaum auf die Konstruktion, die Materialien, die Details ein. Stattdessen klingt es wie in einem Selbstfindungsseminar. «Die Träume von Raum produzieren Form», heisst es da. Die Architekten müssten zu Schamanen des Raums werden, ­fordern die Kuratorinnen. Räucherstäbchen statt Zollstock.

Was dabei herauskommt, zeigen einige Projekte an der Schwelle zur Kunst. Das japanische Büro Sanaa baut einen Leerraum aus transparenten Zylindern, Alvaro Siza lässt Marmorblöcke schweben, Valerio Olgiati errichtet einen Säulenwald. Und in Toyo Itos therapeutischer Lounge erklingen sphärische Klänge und schwirren Lichtkringel wie Quallen durch den Raum. Da liegt man nun im Sitzsack und fragt sich: Wo ist die Relevanz? Zurück auf den Boden holen die Besucher einige Projekte, die den Beruf des Architekten hinterfragen. BC Architects aus Belgien drücken ihnen Zementmischer und Ziegelpresse in die Hände, damit sie das Bauen als Prozess begreifen. Der irische Pavillon deckt das Potenzial des freien Marktes auf. Nicht die Wallstreet ist gemeint, sondern lokale Vieh- oder Gemüsemärkte, die in manchen Kleinstädten Parkplätzen gewichen sind. Und das Amateur Architecture Studio prangert an, wie China Stadtviertel dem Erdboden gleichmacht.

Antworten auf solche Fragen sind die Ausnahme. Auch die Digitalisierung, nachhaltige Baustoffe oder Energiefragen kommen nur peripher vor. Lieber zelebrieren die Kuratorinnen das Handwerk, indem sie den Boden im Hauptpavillon mit Keramikplatten schmücken, jede ein Unikat. Farrell und McNamara sehen sich als Hüterinnen der Geschichte. Während sich das Rad der Zeit immer schneller dreht, halten die Architektinnen inne. Von Frank Lloyd Wright oder Le Corbusier hängen Entwürfe für Venedig an der Wand, die sie nie verwirklichen durften. Wir spüren die Nostalgie für die Kühnheit einer früheren Epoche. Für einen Moment scheint die Zeit tatsächlich stehen zu bleiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2018, 08:55 Uhr

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Wer den Schweizer Pavillon in Venedig besucht, landet in einer typischen Neubauwohnung: weiss verputzte Wände, weisse Decken, Parkettboden. Sonst Leerraum. So sieht man Wohnungen nur an Besichtigungen. Doch im Rundgang geraten die Proportionen aus den Fugen. Türen schrumpfen, Loggien wachsen, Perspektiven gehen nicht mehr auf. Ständig wechselt der Massstab, von doppelt so gross bis halb so klein.

Erstmals hat Pro Helvetia einen Wettbewerb ausgeschrieben. Gewonnen haben ihn die Architekten Ani Vihervaara, Matthew van der Ploeg, Alessandro Bosshard und Li Tavor. Sie sind alle unter 35 und arbeiten als Assistenten an der ETH. Für ihr Projekt haben sie die Fotografien zeitgenössischer Schweizer Wohnbauten analysiert: Die Oberflächen sind immer dieselben, die Farbe Weiss dominiert. Gründe gibt es viele. Die Moderne propagierte Weiss, um die Architektur zu entmaterialisieren. Die Vorgaben der Bauherrschaft und der Kostendruck engen den Spielraum ein. Und der eigenschaftslose Hintergrund erlaubt jedem, sich zu entfalten. Oder anders gesagt: Der Immobilienmarkt will neutrale Räume.

Mit der begehbaren optischen Täuschung gelingt den Kuratoren einer der eindrücklichsten Pavillons dieses Jahr. Sie bringen ein räumliches Erlebnis zusammen mit einer Botschaft: Die Dinge hinterfragen, die wir täglich übersehen. Wieso haben die Architekten keine Lust auf andere Materialien? Weshalb werden die Wohnungen grösser, die Details aber banaler? All diese Tatsachen geraten in der Schweizer Durchschnittswohnung ins Wanken.
Andres Herzog

Weiss in Weiss zu überraschen: Der Schweizer Pavilion. Fotos: Christian Beutler (Keystone)

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