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Hamburg, Bilbao – wo bleibt Zürich?

Hamburg wird von der Elbphilharmonie auch in touristischer Hinsicht profitieren. Im Wettbewerb der Metropolen spielt Architektur eine immer grössere Rolle.

Dirigent Thomas Hengelbrock und das NDR Elbphilharmonie Orchester geniessen den Applaus zum Schluss des Eröffnungskonzerts. (11. Januar 2017)
Dirigent Thomas Hengelbrock und das NDR Elbphilharmonie Orchester geniessen den Applaus zum Schluss des Eröffnungskonzerts. (11. Januar 2017)
Christian Charisius, Keystone
Die Konzertgäste applaudieren dem Orchester und dem neuen Bau. (11. Januar 2017)
Die Konzertgäste applaudieren dem Orchester und dem neuen Bau. (11. Januar 2017)
Christian Charisius, Keystone
Die Elbphilharmonie soll die Weiterentwicklung der Stadt Hamburg inspirieren.
Die Elbphilharmonie soll die Weiterentwicklung der Stadt Hamburg inspirieren.
Michael Zapf
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«Wir packen Hamburg wieder auf die Karte», rappt Gzuz auf dem aktuellen Album der Band Beginner. Im Video zur Musik rast die Kamera schwarzweiss durch den Hamburger Hafen, und im Hintergrund taucht immer wieder die neue Elbphilharmonie auf – quasi als Zeichen und Beleg für die These, dass sich die Millionenstadt als bedeutende europäische Metropole zurückmeldet. Es gibt tatsächlich keinen Zweifel daran, dass der Meisterbau der Basler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron der Hansestadt neuen Glanz verleihen wird. Heute wissen nur wenige, dass die Michel genannte Kirche Sankt Michaelis das eigentliche Wahrzeichen der Stadt ist; in Zukunft werden viele wissen, dass die Elbphilharmonie genau dies sein wird.

Nach der feierlichen Eröffnung des Bauwerks, dessen Kosten bekanntlich arg aus dem Ruder liefen, wurde nur die Architektur made in Switzerland unisono gelobt. Die Akustik des japanischen Tonkünstlers Yasuhisa Toyota konnte nicht ganz überzeugen – ebenso wenig das Spiel des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters. Wird die Vorgabe der Stadt, eines der zehn besten Konzerthäuser der Welt zu werden, nicht erfüllt, liegt dies nicht an den Architekten.

Wolfgang Schmidt, Staatsrat in der Hamburger Senatskanzlei, gibt sich in künstlerischer, aber auch in finanzieller Hinsicht zuversichtlich. Der Sozialdemokrat will die Kostenexplosion nicht schönreden, weisst aber vor versammelter internationaler Presse darauf hin, dass die Flüchtlingskrise allein in den letzten beiden Jahren die Hansestadt einen ebenso hohen Betrag gekostet hat wie der neue Bau. Die 800 Millionen Euro führt er nicht nur ins Feld, um die einseitig pekuniäre Diskussion um die Architektur zu relativieren, sondern auch, um die Verächter der Kultur, die jede Gelegenheit nutzen, um ihre Ignoranz zu Markte zu tragen, in die Schranken zu weisen.

Auch wenn man die Kultur stets als solche bewerten und sie nicht in den Dienst von etwas stellen sollte, kann bereits jetzt mit grosser Wahrscheinlichkeit damit gerechnet werden, dass ein solch ikonografisches Bauwerk wie die Elbphilharmonie in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Millionen von Touristen anlocken wird – womit die Aufwendungen amortisiert würden.

Die Tücken der Demokratie

Wer im globalen Wettkampf der Metropolen um die Gunst der Touristen vorn mitmischen will, darf Kultur als Standortfaktor keineswegs unterschätzen. Die Attraktivität einer Stadt hängt wesentlich vom kulturellen Angebot ab, und wenn die Inhalte in einer ansprechenden Form beziehungsweise Hülle dargeboten werden, umso besser. Bei vielen Bauwerken, die heute eine weltweite Ausstrahlung geniessen, hielt sich die Begeisterung anfangs in engen Grenzen – der Eiffelturm etwa war bloss ein Eisenungetüm.

Was heisst das nun für ein Land, in dem dank der direkten Demokratie die Mitbestimmung der Bevölkerung grösser ist als anderswo? Hat das Volk den Weitblick, um die Langzeitwirkung aussergewöhnlicher Architektur über die Jahrhunderte zu erfassen? Man kann bezweifeln, dass die Mehrheit willens oder in der Lage ist, das zu tun – weshalb die Politikerinnen und Politiker bei mit öffentlichen Geldern finanzierten Bauten in der Pflicht stehen, auf die Bedeutung von ikonografischer Architektur aufmerksam zu machen, um so die Zukunft zu sichern.

Die architektonischen Bedenkenträger von links und rechts verfolgen nur ihre kurzfristigen Interessen. Diese Berufsverhinderer schaffen es meist, einem gewagten Projekt vorzeitig die Flügel zu stutzen, wie sich auch in Zürich zeigt: Kongresshaus und Tonhalle – Fehlanzeige. Das neue Kunsthaus? Redimensioniert, damit die Strassen ihren Heimplatz haben.

An dem Tag, als in den Nachrufen auf den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog seine berühmte Forderung zitiert wurde, dass «durch Deutschland ein Ruck gehen muss», ging tatsächlich ein Ruck durch Hamburg. Die Leute, die sich draussen das Eröffnungslichtspiel auf der Fassade anschauten, waren stolz auf ihre endlich geborene «Elphi» und zogen Vergleiche mit der Oper in Sydney oder dem Guggenheim-Museum in Bilbao. Und Zürich? Wo steht hier ein Gebäude mit europäischer Strahlkraft?

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