Hitlers Lieblingsarchitekt auf 900 Seiten entlarvt

Eine Biografie über den Architekten Albert Speer dekonstruiert ein für alle Mal jene Erzählungen, die noch lange nach Ende des Zweiten Weltkriegs kursierten.

Der Führer und sein Architekt: Adolf Hitler mit Albert Speer (r.), ca. 1935 in München. Foto: Hulton (Getty)

Der Führer und sein Architekt: Adolf Hitler mit Albert Speer (r.), ca. 1935 in München. Foto: Hulton (Getty)

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Albert Speer ist ein Phänomen. 35 Jahre nach seinem Tod und 70 Jahre nach seiner Verurteilung zu 20 Jahren Haft beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess werden immer noch Hunderte seiner Bücher verkauft. In «Erinnerungen» (1969) und in den «Spandauer Tagebüchern» (1975) vermarktet sich der ehemalige Rüstungsminister und Hitlers Lieblingsarchitekt als unpolitischer Fachmann, der die Rüstung auf Vordermann gebracht und mit den Nazi-Grössen eigentlich nichts zu tun gehabt habe.

Im Nachkriegsdeutschland glaubten viele Menschen gerne seine Geschichte vom verführten Bürger. Wenn selbst Speer nichts wusste vom Judenmord und vom Vernichtungskrieg, wie hätten sie dann etwas wissen, geschweige denn etwas dagegen unternehmen können?

Viele der Legenden um Albert Speer sind in der Zwischenzeit entlarvt worden. Nun hat der Historiker Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor am Münchner Institut für Zeitgeschichte, eine umfangreiche, kritische Speer-Biografie vorgelegt, in der er das Lügengebäude dekonstruiert. Im Folgenden werden einige der bekanntesten Märchen von Speer mit der Wahrheit aus den Archiven kontrastiert:

NSDAP als Weg zur Macht

Am 4. Dezember 1930 hörte der 25-jährige Albert Speer eine Rede von Adolf Hitler in Berlin. Später hatte er diese Rede als Erweckungserlebnis bezeichnet. Brechtken hält das für eine «dramatisierende Erfindung», denn Speer sei spätestens seit dem Sommer 1930 Mitglied beim Nationalsozialistischen Automobilklub (NSAK) gewesen. Am 1. März 1931 trat Speer der NSDAP und der Sturmabteilung SA bei, zu einem Zeitpunkt also, als eine Regierung Hitler noch lange nicht absehbar war.

Brechtkens Fazit: Offensichtlich sah der Grossbürgersohn Speer, der finanziell durchaus auf eigenen Beinen stehen konnte, schon damals im NS den Schlüssel für seinen weiteren Lebensweg. Nach dem Krieg versuchte Speer den Menschen weiszumachen, er sei naiv gewesen, sich dieser Horde angeschlossen zu haben. Brechtken dazu: «Speer war nicht naiv, er arbeitete mit an der Eroberung der Macht.»

«Speers Handeln zeigt einen Menschen, der den Krieg gegen alle Widerstände weiterbetreibt.»Magnus Brechtken, Historiker

Speer erzählte wiederholt, wie er den berüchtigten Nero-Befehl Hitlers vom 15. März 1945 abgemildert und so grosse Teile der Industrie gerettet habe. Da der Krieg offenkundig verloren war, befahl der Führer, alle Verkehrs-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte, die den Alliierten irgendwie nützen könnten, zu zerstören. Zwar wurde der Befehl mehrfach modifiziert, es war aber nicht Speer, der auf eine aktive Beendigung des Krieges drängte, so Brechtken. Vielmehr habe er vorgeschlagen, alle Wehrmachtsverbände und den Volkssturm an Rhein und Oder zu konzentrieren, um die Feinde aufzuhalten.

Für den Historiker ist die Erzählung Albert Speers ein Ablenkungsmanöver, Brechtken nennt den Minister einen «Kriegsverlängerer»: «Speers Handeln zeigt einen Menschen, der den Krieg gegen alle Widerstände und Rückschläge für die Schimäre eines Endsiegs weiterbetreibt.»

In Nürnberg landete Speer laut Brechtken einen Entlastungscoup, indem er das Märchen lancierte, er habe ein Attentat auf Hitler vorbereitet. Nichts davon stimmte. Die Mitangeklagten waren empört, doch die Legende liess sich über Jahrzehnte nachlesen.

So hiess es in der Hitler-Biografie von Joachim C. Fest (1973): «Im Februar 1945 hatte er in seiner ‹Verzweiflung› schliesslich den Plan gefasst, die Insassen des Führerbunkers durch die Einführung von Giftgas in die unterirdische Entlüftungsanlage zu töten; doch hatte ein in letzter Minute verfügter Umbau des Luftschachts die Durchführung des Vorhabens zunichtegemacht.» Fest arbeitete nach Speers Entlassung mit diesem bei den «Erinnerungen» zusammen.

Das «Wegerzählen» der Schuld

«Ich wusste natürlich nicht das, was ich hier im Prozess gehört habe», sagte Speer in Nürnberg und meinte damit den Deportations- und Vernichtungsprozess. Vom Prinzip «Vernichtung durch Arbeit» habe er nie gehört, in einem deutschen Betrieb sei so etwas ausgeschlossen.

Zahllose Akten und die «Chronik der Speer-Dienststellen» widerlegen dies eindrucksvoll – die belastenden Angaben zur engen Zusammenarbeit Speers mit der SS lagen jedoch dem Gericht nicht vor. Dabei ging es etwa im September 1942 um die «Vergrösserung Barackenlager Auschwitz infolge Ostwanderung». Ostwanderung war die zynische Umschreibung für die Deportation der Juden; Speer genehmigte hierfür 13,7 Millionen Reichsmark.

Die Verantwortung für die Millionen Sklavenarbeiter in den Rüstungsbetrieben, etwa in den unterirdischen Anlagen von Mittelbau-Dora, schob er anderen zu. Und so konnte der smarte Speer, der als einziger Angeklagter das Gericht anerkannte und von einer Gesamtverantwortung für die Untaten (nicht von seiner individuellen Schuld) sprach, vieles «wegerzählen» – das dürfte ihn wohl vor dem Galgen bewahrt haben.

Die Liste liesse sich fortsetzen, in den «Erinnerungen» gibt es wenig, was nicht geschönt, stilisiert und bearbeitet wurde. Magnus Brechtkens Fazit: «Nicht was Speer nach 1945 über sich erzählt hat, bringt uns dem Verständnis näher, sondern die Analyse seines Tuns, wie es aus den Quellen zu erschliessen ist.» Und worüber Speer nichts erzählt hat, das nennt Brechtken klar beim Namen: Für ihn ist er eine «Zentralfigur des Eroberungs- und Vernichtungskriegs».

Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere. Siedler-Verlag München 2017. 900 S., ca. 50 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2017, 18:53 Uhr

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