«Architektur ist wie Musik»

Stararchitekt Daniel Libeskind definiert Architektur als kulturelle Disziplin. Was für ihn gar nicht geht: das reine Produzieren von Städten.

«Geometrie ist eine ganze Welt»: Das von Daniel Libeskind umgebaute Militärhistorische Museum in Dresden. <br />Foto: Jochen Helle (Picture Alliance)

«Geometrie ist eine ganze Welt»: Das von Daniel Libeskind umgebaute Militärhistorische Museum in Dresden.
Foto: Jochen Helle (Picture Alliance)

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Ist ein spitzer Winkel besser als ein rechter?
Nein (lacht). Ich habe viele rechte Winkel, Kurven und alle möglichen Formen gebaut. Geometrie ist eine ganze Welt, es gibt 360 mögliche Winkel, 359 andere als den rechten Winkel.

Und die Architektur sollte alle diese Möglichkeiten ausschöpfen?
Das hoffe ich doch. Architektur sollte Fragen aufwerfen und nicht nur vor­gefertigte Antworten wiederholen. Natürlich ist Bauen technisch und hat viele praktische Zwänge, doch Architektur muss als eine kulturelle Disziplin zu uns sprechen, sonst produziert sie Städte, die unbewohnbar sind.

Sollen also alle Gebäude laut und prominent sein?
Ein Haus, das uns nicht emotional berührt und nur eine Abstraktion bleibt, ist kein gutes Bauwerk. Architektur ist wie Musik. Man kann kein Musikstück schreiben, das nur den Verstand anspricht. Wenn wir Musik nur intellek­tuell hören, haben wir sie nicht gehört, denn sie muss unsere Emotionen, unsere Seele bewegen. Dies gilt ebenso für Architektur.

Ähnlich wie in der Hitparade sucht heute jede Stadt den Erfolg nach dem Muster Bilbaos. Kann die Architektur mithalten mit dieser Sucht nach Neuem?
Architektur ist nicht nur wichtig, um Touristen anzuziehen, sondern auch für die soziale und ökonomische Entwicklung einer Stadt. Das gilt für Museen genauso wie für Wohnbauten, Parks, Schulen oder Einkaufszentren. Die Vorstellung der Stadt als neutraler Raum gehört der Vergangenheit an. Die Menschen wollen nicht immer wieder das Gleiche.

In der Schweiz und vor allem in Zürich spricht sich die Bevölkerung oft gegen auffällige Neubauten aus.
Jeder Ort hat einen eigenen Charakter, Städte entwickeln sich unterschiedlich schnell. Doch auch das schöne Zürich wird sich verändern. Jede Stadt braucht neue Architektur, ein Ort kann nicht in ­einem anderen Jahrhundert stecken bleiben. Venedig leidet darunter, dass es eine Stadt der Vergangenheit geworden ist.

In China verändern sich Städte rasant, und Architekten strömen dorthin. Sie haben oft gesagt, dass Sie nicht für totalitäre Regimes bauen. Sollten Architekten öfter Nein sagen?
Das ist eine individuelle Entscheidung, ich kann nicht für andere sprechen. Vielleicht bin ich sensibler für das Thema, da ich in Polen unter einem totalitären Regime aufgewachsen bin. Ich habe lange gewartet, um in China zu bauen – bis mich ein privater Bauherr anfragte, ein historisches Museum in Wuhan zu entwerfen. Ich habe auch ­zugesagt, dort Arbeiterwohnungen zu errichten, denn ich glaube, Architektur ist wichtig.

Demokratien anderseits sind oft langsam. Der Freedom Tower in New York wird jetzt, erst dreizehn Jahre nach 9/11, fertiggestellt.
Demokratien sind anstrengend, da man mit vielen Beteiligten einen Konsens finden muss. Es ist kein einfaches System, wie Churchill sagte, aber nach wie vor das beste.

Sind Sie trotz vieler Änderungen zufrieden mit dem Masterplan für Ground Zero?
Ich bin begeistert. Der Freedom Tower wird Ende Jahr eröffnet. Trotz der langen Diskussionen hält er sich an die Vorgaben des Masterplans. Er hat eine kleine Grundfläche, damit viel Platz für den öffentlichen Raum bleibt. Er ist 1776 Fuss hoch – 1776, wie das Jahr der Unabhängigkeit der USA. Der Turm ist nicht nur das höchste Gebäude in den Staaten, er hat auch einen symbolischen Wert. Zusammen mit den anderen Hochhäusern, der Gedenkstätte und dem Museum bezieht sich der Ort auf diesen fürchterlichen Tag und formt aus den Erinnerungen ein Stück New York des 21. Jahrhunderts.

Zeigt für Sie das Projekt auch, dass der Westen nach wie vor mutige Architektur wagen kann? Manche Kritiker meinen, die Demokratie sei dafür heute zu bürokratisch.
Das glaube ich nicht. Ob ich in Berlin, Denver, Toronto, Mailand oder São Paulo baue: Ich muss immer mit der Bevölkerung arbeiten. Natürlich entsteht Architektur nicht mit einer Abstimmung oder einem Komitee. Doch man muss den Leuten zuhören können, auch wenn man nicht immer einer Meinung ist.

Bauen ist immer ein Risiko. Sind demokratische Gesellschaften bereit, dieses einzugehen?
Auf jeden Fall. Sicherlich ist die Entwicklung in Asien eine andere als jene in Europa oder in den USA. Doch Berlin zum Beispiel hat etwas riskiert, um das Jüdische Museum zu bauen. Das war kein einfaches Bauwerk, es gab kein ­Vorbild dafür. Und die Stadt wurde belohnt: Der Bau ist eines der populärsten Museen in Deutschland.

Setzen Sie auch auf partizipative Verfahren, die heute immer wichtiger werden?
Ja. Es ist gut, dass die Bevölkerung Mitsprache fordert. Ich baue derzeit für die Universität in Lüneburg; ein Projekt, das auf einem Workshop basiert mit Anwälten, Ärzten und Wissenschaftlern, die das Gebäude eigentlich entworfen haben. Menschen sind kreativ, wenn sie die richtigen Werkzeuge haben. Ein Bauwerk muss einzigartig sein, muss aus der jeweiligen Kultur und dem Kontext wachsen.

Sie entwarfen auch eine Villa als Haus ab Stange. Ist das nicht ein Widerspruch zu dieser Haltung?
Ich denke nicht. In der Musik gibt es auch Wiederholungen. Es kommt darauf an, wie man etwas repetiert. Die Villa ist kein öffentlichkeitswirksames Zeichen, sie beantwortet die grundlegende Frage: Wie kann man ein günstiges Haus bauen, das schön und würdevoll ist?

Sie haben Ihre Karriere mit einer radikalen Architektur angefangen. Wird der Ruf nach Nachhaltigkeit ebenfalls zu einem Bruch in der Sprache der Baukunst führen?
Nachhaltigkeit bedeutet nicht, dass Gebäude nach Technik aussehen oder an Bäume erinnern, im Gegenteil. Doch man muss nachhaltige Innovationen verwenden, um eine humane Architektur zu bauen.

Was heisst das konkret?
Man muss kreativ sein, vor allem beim Material. Für den Pavillon für die Expo 2015 in Mailand verwenden wir Ziegel, die Kohlendioxid absorbieren und Sauerstoff abgeben, fast wie ein Baum. Wir haben sie mit einer italienischen Firma entwickelt, die seit Hunderten von Jahren Ziegel herstellt. Und dennoch: Die nachhaltigsten Gebäude sind jene, die unvergesslich sind, die Teil einer Gemeinschaft werden.

Sie sagten einmal, ein Architekt müsse an die Zukunft glauben. Sind Sie immer noch so zuversichtlich?
Absolut. Wir sehen viele schreckliche Dinge in der Welt. Doch ich bin sehr ­­optimistisch. Wir leben in einer gross­artigen Zeit des Wandels. 75 Prozent der Weltbevölkerung werden bis 2050 in Städten leben. Wir müssen begreifen, dass Dichte etwas Gutes, etwas Krea­tives ist. Sie wird zu neuen Räumen ­führen, zu einem neuen Verständnis, was es heisst, zu leben.

Was macht Sie derart optimistisch?
Als Politiker, Schriftsteller oder Komponist kannst du Pessimist sein, nicht aber als Architekt. Architektur glaubt an die Zukunft, glaubt daran, dass man die Welt verbessern kann, indem man etwas aufbaut. Optimist zu sein ist für mich also keine Wahl, sondern eine Bedingung, um Architekt zu werden. Sonst kann mans ebenso gut bleiben lassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.10.2014, 18:32 Uhr

Architektur 0.14: Stars treffen auf neue Ideen

Nur Gebäude zeigen, genügt nicht. Das scheint man bei der Werkschau «Architektur 0.14» begriffen zu haben, die morgen in Zürich startet. Unter den rund 70 teilnehmenden Architekturbüros aus der Schweiz finden sich viele gestandene Namen, aber auch manch junge Architekten, die statt fertiger Bauten frische Ideen zeigen. Zudem denken Künstler und Stadtaktivisten über Architektur nach. Sonderausstellungen begleiten die Werkschau: Die ETH etwa präsentiert Ferienhäuser, der Bund zeigt Schweizer Botschaften und Matthias Gnehm stellt seinen Comic «Die kopierte Stadt» vor, der in der Edition Hochparterre erscheint. Ein paar berühmte Namen sorgen zudem für Glamour: Herzog & de Meuron stellen ihr umstrittenes Projekt für eine Wasserstadt in Solothurn vor. Formenakrobat Daniel Libeskind spricht über seine Visionen (Fr, 20 Uhr), und Jürgen Mayer H., bekannt für seine organische Dachlandschaft «Metropol Parasol» in Sevilla, referiert über neue Technologien in der Architektur. (ahe)

Werkschau «Architektur 0.14»: 24.–26. Oktober, Maag-Halle, Zürich. (Tages-Anzeiger)

Daniel Libeskind ist einer der prominentesten Vertreter des Dekonstruktivismus, einer Architektur­strömung, die das gängige Formenvokabular in der Baukunst auflöst. Weltbekannt wurde der gebürtige Pole und heutige Amerikaner, der ursprünglich Musiker war, mit dem Jüdischen Museum in Berlin, das 1999 eröffnet wurde. In der Schweiz baute er das Westside Einkaufszentrum in Bern, seit über zehn Jahren arbeitet er als Masterplaner für die Bebauung von Ground Zero in New York. Der 68-Jährige hat Büros in New York, Mailand und Zürich. (ahe)

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