Lernen von Denise

Die Architektin Denise Scott Brown hat den modernen Blick auf die Stadt geprägt. Berühmt wurde jedoch nur ihr Partner. Eine Ausstellung korrigiert nun diesen Fehler.

Eine Frau setzt sich doch noch durch: Architektin Denise Scott Brown vor der Skyline von Las Vegas, 1972. Foto: Robert Venturi

Eine Frau setzt sich doch noch durch: Architektin Denise Scott Brown vor der Skyline von Las Vegas, 1972. Foto: Robert Venturi

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Da steht sie, breitbeinig, die Arme voller Tatendrang in die Hüften gestützt, und schaut ihr Gegenüber herausfordernd an. Sie lächelt und macht doch mit ihrer ganzen Körpersprache klar: An mir kommt keiner vorbei.

Kam doch. Denise Scott Brown musste 87 Jahre alt werden, um ihre erste grosse Einzelausstellung – «Downtown Denise Scott Brown» im Architekturzentrum Wien – zu bekommen. Dabei hat die amerikanische Architektin, Stadtplanerin, Lehrerin und Autorin, die in Sambia geboren wurde, in Johannesburg in die Schule ging und in London studierte, radikal unsere Sicht auf die Stadt verändert. Dass wir uns heute mit Alltäglichem, ja Hässlichem auseinandersetzen, um die gebaute Umwelt zu verstehen, verdanken wir ihr. Sie erforschte das Phänomen der Zersiedelung und wie damit umzugehen ist, schon, als sich die anderen noch ausschliesslich mit Zentrum und Prachtbauten beschäftigten. Was es braucht, damit kommunikative Orte entstehen, wo sich Menschen treffen und gemeinsam neue Ideen entwickeln – heute so etwas wie der Goldstandard eines jeden Firmengebäudes –, überlegte sich Denise Scott Brown bereits in den Sechzigerjahren.

«Ehefrau von»

Man sollte also ruhig die grossen Namen nennen, wenn es um die Bedeutung von Denise Scott Browns Einfluss geht: Le Corbusier etwa oder Frank Lloyd Wright. Mit dem Unterschied, dass deren Gedanken heute, so revolutionär sie damals waren, doch etwas in die Jahre gekommen sind. Oder würde noch jemand halb Paris für Hochhäuser abreissen wollen oder die autogerechte Stadt feiern? Doch anders als die Namen ihrer männlichen Kollegen ist der von Scott Brown kaum bekannt. Was wenig mit ihrem Werk, dafür viel damit zu tun hat, wie die Architekturwelt bis heute funktioniert.

So ist es kein Zufall, dass ein Mann über die Jahrzehnte die Sicht auf das Werk von Denise Scott Brown verstellt hat. Es handelt sich um den amerikanischen Architekten und Theoretiker Robert Venturi, der diesen Herbst mit 93 Jahren verstarb. Seit den Sechzigern hatten sie zusammengearbeitet. Erst an der Uni von Pennsylvania, ab 1967 dann im gemeinsamen Büro. «Bob war der einzige Architekt, der mein Interesse an Werbeschildern und Zersiedelung teilt», sagte sie. Doch Venturi war es, der auf der Basis ihrer gemeinsamen Arbeit bekannt, geradezu legendär ge­worden ist. Er wurde zum Guru der Postmoderne, Scott Brown zur «Ehefrau von». 1991 erhielt Venturi den Pritzker-Preis allein, die höchste Auszeichnung, die es in der Architektur überhaupt gibt. Dabei konnten nicht einmal Venturi und Scott Brown selbst auseinanderdividieren, wer welchen Anteil bei einem Projekt hatte.

Feministische Ikone

Gerade für Denise Scott Brown ist der Entwurfsprozess etwas, das kollektiv im Team entwickelt wird. Mit Soziologen, Designern, Stadtplanern. Tatsächlich entsteht Architektur ja immer nur in Gemeinschaftsarbeit. Niemand errichtet ein Haus allein. Doch oft steht nur ein Name darunter, der in der Regel männlich ist, weil die allermeisten Büros nach wie vor von Männern geführt werden. Deshalb geht die Öffentlichkeit bis heute davon aus, dass der geniale Part in der Architektur ein Mann sein muss.

Ihr lautstarker Protest gegen die Missachtung ihrer Arbeit – «Bob und ich sind zwei Arbeitspferde, nicht ein Pferd und ein Pony» – hat sie bald zur feministischen Ikone in der Architekturwelt gemacht. Doch ironischerweise verstellte auch das den Blick auf ihr Werk. Zwar unterzeichneten im Jahr 2013 über 20?000 Menschen eine Petition, in der sie das Pritzker-Preis-Komitee dazu aufforderten, Denise Scott Brown rückwirkend ebenfalls auszuzeichnen. Was das Komitee nicht tat. Seit 1979 haben damit weiterhin nur Zaha Hadid allein sowie Kazuyo Sejima und Carme Pigem Barceló zusammen mit ihren Büropartnern den Preis erhalten. Bis zu Scott Browns erster Einzelausstellung sollten weitere fünf Jahre vergehen.

Dafür ist zumindest diese äusserst gelungen, denn die Urbanistin wird mit einer Stadt gewürdigt. Statt Architekturmodelle und Zeichnungen zu studieren, kann der Besucher das Universum von Denise Scott Brown wie bei einem Stadtbummel erkunden, zusammen mit der Architektin – alle Texte stammen von ihr. Scott Brown hat ihr Leben lang Bücher geschrieben und Vorträge gehalten, so pointiert wie humorvoll. Zitate daraus tauchen nun in Schaufenstern auf, wo Projekte und Lebensstationen anhand grossartiger Fotografien vorgestellt werden – Scott Brown ist auch eine begnadete Fotografin. Es gibt ein Café und auch etwas zum Shoppen, Strassenschilder stehen herum, bunte Banner ragen in den Raum. Das Durcheinander passt zu einer, die Stadt immer «als Palimpsest» begriffen hat.

Scott Brown ging es stets darum, die Zusammenhänge, das soziale Gefüge, die Kommunikation an einem Ort und seine Geschichte zu verstehen, bevor sie sich ans Planen machte. Das Vorhandene sollte genützt werden, egal, ob es sich dabei um ein Gebäude oder einen informellen Treffpunkt handelte. Obwohl sie sich selbst als Funktionalistin betrachtet, führte sie diese Haltung zu einer Kritik an der Moderne, da die ja gerne so etwas wie Kontext ignoriert.

«Wo sich zwei viel befahrene Strassen kreuzen, passiert etwas.» Für Scott Brown war das der Fall genauso an der Ostküste wie in einem Laborgebäude. Ihr Fokus auf den sozialen Austausch macht ihre Arbeit bis heute so aktuell. Bei ihr ging es so weit, dass sie schon mal eine öffentliche Strasse durch ein Justizgebäude legte.

Ein Bau sollte für sie eben vor allem ein «kommunikativer Schuppen» sein, eher Fäustling als Fingerling, damit er sich an unterschiedliche Aufgaben anpassen kann. Was viele kennen, auch wenn sie den Namen von Denise Scott Brown noch nie gehört haben, ist «Learning from Las Vegas», eines der wichtigsten Architekturbücher des 20. Jahrhunderts. Scott Brown hat es zusammen mit Venturi und Co-Autor Steven Izenour 1972 publiziert. Die Auseinandersetzung mit dem Las Vegas Strip, für Scott Brown «Urbild des Kommerz­korridors», ging auf ihre Initiative zurück.

Als wäre es eine antike Tempelanlage, untersuchten Brown und Venturi akribisch mit ihren Studenten die Nichtarchitektur. Sie wollten eine Technik für diesen neuen Typus Stadt herausfinden und lernten dabei: «Gefordert ist eine neue Bescheidenheit in unseren Entwürfen und in der Wahrnehmung unserer Rolle als Architekt.» Diese Herangehensweise an die Stadt ist so gültig wie damals.

Offenbar kommt man an Denise Scott Brown doch nicht vorbei.

Downtown Denise Scott Brown, Architekturzentrum Wien. Bis 18. März 2019.

Erstellt: 12.02.2019, 23:04 Uhr

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