«Leute wollten die Polizei rufen, Le Corbusier sass seelenruhig da»

Der Architekt Balkrishna Doshi über die Zeit an der Seite seines Lehrmeisters und warum er keine Häuser besitzt.

Nichts habe seine Bauten mehr geprägt als der Wunsch, eine Grossfamilie möge in ihnen glücklich werden: Der 91-jährige indische Architekt Balkrishna Doshi. Foto: Keystone

Nichts habe seine Bauten mehr geprägt als der Wunsch, eine Grossfamilie möge in ihnen glücklich werden: Der 91-jährige indische Architekt Balkrishna Doshi. Foto: Keystone

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Vergangenes Jahr wurde Ihnen der Pritzker-Preis verliehen, die weltweit bedeutendste Auszeichnung für Architekten. In Ihrer Dankesrede sagten Sie, Sie seien einer Eingebung gefolgt, als Sie Ihr Studium der Malerei nach zwei Jahren abbrachen und sich für Architektur entschieden. Haben Sie solche Eingebungen öfters?
In jedem von uns gibt es eine innere Uhr und eine innere Stimme. Ich arbeite seit sechzig Jahren daran, meine Wahrnehmung für diese Signale zu schärfen, denn sie sind das Wertvollste, was ein Mensch hat. Mein Vater besass eine Möbelwerkstatt, die er von seinem Vater übernommen hatte. Jeder erwartete, dass ich in seine Fussstapfen trete. Weil sich das falsch anfühlte, wandte ich mich dem Malen zu, aber das entsprach mir auch nicht. Als ich 1947 von meiner Geburtsstadt Pune zum Architekturstudium nach Mumbai zog, wusste ich so gut wie nichts über Architektur, aber etwas sagte mir, ich könnte in ihr meine Bestimmung finden. Ich wohnte in einem Boarding House in einem Zimmer, in dem fünf Betten standen. Jede Nacht schliefen andere Menschen neben mir. Es war wie in einem Zug, wo dauernd Leute ein- und aussteigen. Ausser mir gab es nur noch einen weiteren Dauergast. Mit ihm freundete ich mich an. Als er nach drei Jahren einen Job in London bekam, fragte er, ob ich mitkommen wollte, ich könnte mein Studium doch genauso gut in England fortsetzen.

Sprachen Sie Englisch?
Nur sehr, sehr schlecht. Trotzdem spürte ich den Impuls, ihm zu folgen, und so landete ich 1950 nach einer zweiwöchigen Schiffsreise in London. Ein paar Wochen später hörte ich von einem Kongress mit berühmten Architekten aus aller Welt. Ich ging zum nächsten Münztelefon und fragte, ob ich teilnehmen dürfe. Unmöglich, hiess es, ich hätte ja noch kein Diplom. Nach inständigem Bitten wurde ich als Zuhörer zugelassen. Als ich den Saal betrat, kam ein Mann auf mich zu, der sich als Germán Samper vorstellte. Er wollte wissen, ob ich Inder sei. Als ich Ja sagte, erzählte er, er plane mit dem Architekten Le Corbusier in Indien die Retortenstadt Chandigarh, ob ich ihm sagen könnte, was dieser Name bedeutet. Nachdem ich ihm erklärt hatte, der Name gehe auf die Göttin Chandi zurück, fragte ich, ob ich bei Le Corbusier arbeiten könnte, es wäre doch von Vorteil, einen Mitarbeiter zu haben, der Land und Leute kennt. Samper antwortete, ich müsse mich in einem handschriftlichen Brief bewerben, weil Le Corbusier an grafologische Expertisen glaube. Am selben Abend schrieb ich auf Englisch eine Bewerbung, die ich von einer Bekannten korrigieren liess. Erst im sechsten Anlauf gelang mir eine fehlerfreie Abschrift.

Der Schweizer Le Corbusier, 1887 als Charles-Édouard Jeanneret-Gris geboren, war damals neben Frank Lloyd Wright und Walter Gropius der berühmteste lebende Architekt. Was liess Sie hoffen, der 64-Jährige könnte Interesse an einem 24 Jahre alten Niemand haben?
Ich wusste, wer Oscar Niemeyer ist, aber der Name Le Corbusier sagte mir nichts. Deshalb war ich ohne Ehrfurcht. Es war die Verbindung zu Indien, die mich anzog. Diesem Impuls bin ich mit meinem Brief gefolgt. Das Antwortschreiben war leider auf Französisch. Ich ging zum Royal Institute of British Architects und liess mir den Brief von einem frankophilen Bibliothekar übersetzen. Man teilte mir mit, ich könne acht Monate lang ein Praktikum im Pariser Büro von Le Corbusier machen, allerdings ohne Bezahlung. Da ich nur wenig Geld hatte, fragte ich meine Kommilitonen um Rat. Sie konnten nicht glauben, dass mir der Name Le Corbusier nichts sagte, und hielten das Praktikum für die Chance meines Lebens.

«Abends sass ich allein in meinem Hotelzimmer, trank Milch und weinte.»

Ein paar Tage später reisten Sie nach Paris.
Auf der Kanalfähre setzte ich mich neben einen vertrauenswürdig wirkenden Mann mit Tweedjackett und Brille. Ich zeigte ihm den Brief von Le Corbusier und fragte, ob ihm die angegebene Adresse in Paris etwas sage. Er erwiderte, ja, denn er sei mit diesem Gentleman bekannt. Dann wollte er wissen, warum ich so bedrückt aussehe. Ich antwortete, ich hätte kaum Geld und würde kein Wort Französisch sprechen. In Paris bot er an, sein Hotelzimmer zu teilen. Als wir abends ein Omelett assen, übernahm er die Rechnung. Am nächsten Morgen brachte er mich im Taxi in die Rue de Sèvres. «Sehen Sie dort drüben die Nummer 35? Da arbeitet Le Corbusier.» Ich stieg aus und wollte den Fahrer bezahlen, aber in dem Moment fuhr das Taxi schon los. Mein Gönner wollte mir wohl ersparen, mich zu bedanken. Man muss diese Verkettung von Umständen nicht Magie nennen, aber mein Gefühl war, ich sei von einer höheren Macht hergeführt worden und jetzt beginne in meinem Leben ein neues Kapitel. Wie ich es als Inder gewohnt war, setzte ich mir meine Reisetasche auf den Kopf, überquerte die Strasse und klingelte bei der Nummer 35.

Welche Atmosphäre erwartete Sie?
Als ich der Sekretärin das Schreiben Le Corbusiers zeigte, schüttelte sie den Kopf und kam mit einem Mann zurück, den ich als Germán Samper wiedererkannte. «Mr. Doshi», sagte er, «Sie haben uns nie geschrieben, ob Sie gedenken, Ihr Praktikum bei uns anzutreten.» Er hatte recht, auf diesen Gedanken war ich nicht gekommen. Später erzählte er mir, er sei zu Le Corbusier ins Büro gegangen und habe gesagt, ein Gentleman aus Indien stehe mit seiner Reisetasche am Empfang und gedenke, acht Monate zu bleiben. Le Corbusier soll geknurrt haben: «Der Mann hat die Reise von Indien nach Paris auf sich genommen? In Gottes Namen, er kann bleiben.» So begann mein eigentliches Leben.

Er war Architekt, Architekturtheoretiker, Stadtplaner, Maler, Zeichner, Bildhauer und Möbeldesigner: Le Corbusier (1887-1965) betrachtet eines seiner Modelle. Undatierte Aufnahme. Foto: Keystone

Wovon haben Sie in Paris gelebt?
Meine Ersparnisse reichten für eine Diät aus Baguette, Oliven und Käse. Zwei Monate vor Ablauf meines Praktikums sagte man mir, ich könne bleiben und würde ab sofort ein Gehalt bekommen.

Fanden Sie Freunde?
Anfangs nicht. Wenn um sechs alle das Büro verliessen, fühlte ich mich wie der einsamste Mensch der Welt. Da ich strikter Vegetarier bin und wenig Geld hatte, ging ich nicht mit den anderen mittagessen. Wollte ich ein Käsesandwich bestellen, musste ich wegen der Sprachbarriere mit dem Finger darauf deuten. Abends sass ich allein in meinem Hotelzimmer, trank Milch und weinte. Um meine Verzweiflung niederzukämpfen, wiederholte ich immer wieder einen Satz aus dem Wappen meiner Schule in Pune: «Bringe jede angefangene Aufgabe zu Ende.

Wie sah das Chefzimmer von Le Corbusier aus?
Winzig, es mass nur 226 mal 226 Zentimeter. Alles war in Schwarz gehalten. Ich glaube nicht, dass er dort seine besten Einfälle hatte. Ich habe mal vom Strassenrand mitangesehen, wie er im Pariser Feierabendverkehr in seinem Auto vor einer Ampel stand und bei Grün nicht losfuhr. Die Leute schrien und wollten die Polizei rufen, aber Le Corbusier sass seelenruhig da und schrieb etwas in sein Notizbuch. Als er damit fertig war, schrie er zurück. Als ich ihn später auf diesen Vorfall ansprach, sagte er, es gebe Momente, in denen sich die Gnade auf einen herabsenke, und diese Augenblicke gelte es zu nutzen.

Sie wurden erst der Vorzugsschüler von Le Corbusier, dann vier Jahre lang sein wichtigster Mitarbeiter bei Projekten in Indien. Was sah Ihr Mentor in Ihnen?
Das hat er mir nie verraten. In den ersten Wochen kam er fast jeden Tag an meinen Schreibtisch und sagte: «Bonjour, bonjour.» Wir tauschten die Plätze, dann begann er, meine Entwürfe ausführlich zu kommentieren, oder er nahm sich Papier und Farbstifte und zeichnete, was man seiner Meinung nach besser machen könnte. Da er ungern Englisch sprach und ich kein Wort Französisch konnte, kommunizierten wir mit Händen und Füssen. Das Abc seiner Architekturphilosophie habe ich nonverbal gelernt.

Zu Ihren ersten Aufgaben gehörten Detailentwürfe für Gebäude in Chandigarh, einer Planstadt für 500'000 Einwohner im nordindischen Bundesstaat Punjab. Warum wurde statt Le Corbusier kein Inder mit diesem Prestigeprojekt betraut?
Jawaharlal Nehru, der erste indische Premierminister nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft, wollte dem Land mit westlich-moderner Staatsarchitektur einen Schlag auf den Kopf versetzen, um es für die Zukunft aufzuwecken. Chandigarh sollte ein Symbol des Aufbruchs und technischen Fortschritts werden.

«Das Manifest» – Eine Mischung aus Architekturbüro und Veranstaltungszentrum: Das Sangath, 1980 fertiggestellt. Foto: Getty Images

Le Corbusier galt als in sich gekehrt und unnahbar. Sie nannte er oft zärtlich «mon petit Doshi». Was für ein Mensch war er?
Er hatte etwas von einem Einsiedler und Mystiker. Bis mittags wollte er niemanden sehen. Diese Zeit war der Kunst und Kontemplation vorbehalten. Einmal hat er sich vier Tage lang in Isolation begeben, ohne ausreichend Essen. Er wollte prüfen, ob sein Weltruhm ihn dazu verleite, selbstgerecht zu sein und sich nur noch zu wiederholen. Am Ende war er überzeugter denn je, mit seinen Bauten das Richtige zu tun. Das ging bis zu Kleinigkeiten. Einmal beschwerte sich ein Bauherr, die Toilettentüren seien mit siebzig Zentimetern viel zu schmal. Le Corbusier entgegnete, eine Schwangere mit zwei Koffern könne sich mühelos durch den Gang eines Zugs bewegen, und der sei auch nicht viel breiter.

Le Corbusiers Biografen behaupten, Indien habe seine Ästhetik radikal verändert. Richtig?
Als wir uns erstmals in Chandigarh trafen, sagte er, wir müssten über einen Pakt mit der Natur nachdenken. Es sei ein ethischer Fehler, würde er in Indien Bauten nach den Maximen der europäischen Moderne errichten lassen. Bislang habe er Architektur als Gegenpol zur Natur begriffen, nun gehe es ihm um eine Verbindung von beiden. Im Norden Indiens stürzte eine Welt auf ihn ein, die er nicht kannte. Gnadenlose Sonne, Temperaturen von neun bis neunundvierzig Grad, wochenlanger Monsunregen, Kühe und Elefanten auf den Strassen statt Autos, Tempel, die Silhouette des Himalaja: Auf dieses Kaleidoskop wollte er mit ortsgemässer Architektur reagieren.

In der Regel bekommen Architekten strikte Vorgaben, was sie zu welchem Preis zu bauen haben. Weshalb hatte Le Corbusier in Indien freie Hand?
Das Briefing für ihn lautete, er sei ein weltberühmter Architekt und solle etwas Revolutionäres entwerfen, eine Vision für das 21. Jahrhundert. Präziser wurde man damals nicht, weil zur indischen Kultur das Vertrauensprinzip gehört. Wenn ich bei einem Strassenjuwelier Schmuck kaufe, kann ich mich darauf verlassen, dass sein Preis fair ist.

1925 wollte Le Corbusier die halbe Altstadt von Paris dem Erdboden gleichmachen, um dort Hochhäuser mit sechzig Stockwerken zu bauen. Sollten wir lernen, uns vor Architekten mit revolutionärem Impetus zu fürchten?
Wenn Sie Utopia bauen wollen, macht Sie das zum Feind alles Bestehenden, wie schön es auch sein mag. Le Corbusier war Ende dreissig, als er diesen Plan entwickelte. Ich vermute, später im Leben hat er anders gedacht.

Wenn Sie Ihre Erfahrungen mit Le Corbusier in einem Satz zusammenfassen müssten, wie würde er lauten?
Bei einem Gedankenaustausch sagte er: «Ich werde jeden Morgen in der Haut eines Esels geboren.» Er meinte damit, man dürfe nicht glauben, jemand zu sein, sondern müsse täglich daran arbeiten, jemand zu werden. Wer morgens als Dummkopf aufwacht, hat die Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen, spontan und neugierig wie ein unschuldiges Kind. Allerdings bringt unser Beruf eine besondere Verantwortung mit sich, denn unter den Künsten ist die Architektur diejenige, die am stärksten auf das Leben einer Gesellschaft einwirkt. Ob ein Maler ein missratenes Bild malt, kann einem egal sein – aber was, wenn ein Architekt Häuser entwirft, die das Schlechteste im Menschen hervorbringen?

«Es muss Zeit vergehen, bis eine künstliche Stadt lebenswert ist.»

Nach sechs Jahren Le Corbusier haben Sie von 1962 an vierzehn Jahre lang mit dem Amerikaner Louis Kahn zusammengearbeitet, einem weiteren Säulenheiligen der Architekturmoderne. Von wem haben Sie mehr gelernt?
Le Corbusier war mein Guru, Kahn mein Yogi. Beide haben mir geholfen, den wahren Lehrmeister zu entdecken: die Natur.

Gab es Ähnlichkeiten zwischen Kahn und Le Corbusier?
Die beiden waren entgegengesetzte Charaktere. Kahn war ein auf Analyse und Perfektion bedachter Sicherheitsmensch. Wenn er in Indien war, ass er ausschliesslich gekochten Fisch und gekochte Kartoffeln. Le Corbusier war waghalsig und suchte das Unbekannte. Er liebte Krisen, weil sie unvorhersehbare Lösungen verlangten. Für ihn war Architektur ein künstlerisches Spiel, um Entdeckungen zu machen. Auf seine Malerei anspielend, sagte er einmal: «Zu Beginn ist mein Bild blau. Bin ich fertig, ist es grün. Warum das so ist, weiss ich nicht.» Kahns Bauten laden zur Meditation ein, die von Le Corbusier zum Singen.

1956 gründeten Sie in Ahmedabad Ihr Architekturbüro Vastu Shilpa, das bis heute rund hundert Bauten konzipiert hat, von Privathäusern und Regierungsgebäuden bis hin zu Hochschulen und ganzen Städten. Gab es einen Leitgedanken?
Mir geht es bis heute um die Synthese von Modernismus und den lokalen Traditionen Indiens. Wie kann man die Ideen der europäischen und amerikanischen Avantgarde mit dem verschmelzen, was meine Heimat ausmacht: Sonne und Regen, die Dramatik von Licht und Schatten, die Allgegenwart von Religion und Mythologie, Einklang mit der Natur, Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit ist eine indische Erfindung. Armut lässt einen nichts verschwenden.

Mitte der Achtziger entwarfen Sie ausserhalb von Jaipur die Satellitenstadt Vidhyadhar Nagar mit energieeffizienten Sozialwohnungen für 400'000 Menschen. In Indore waren Sie Ende der Achtziger beim Aranya Housing Project für die Planung von 6500 Sozialwohnungen für 80'000 Menschen verantwortlich. Berühmte Architekten reden gern davon, Wohnungen für die Bewohner von Slums zu entwerfen, tun es aber nicht. Was treibt Sie?
Mein Leben würde mir unvollständig erscheinen, wenn ich mich nicht auch um Wohnungsbau und Stadtplanung für die Armen kümmern würde. Gute Architektur vermag keine sozialen Probleme zu lösen, aber sie kann verhindern, dass sie grösser werden. Eine Wohnsiedlung kann den Willen zur Abgrenzung demonstrieren oder ein Katalysator sein für Harmonie, Zusammengehörigkeit, Kooperation, Toleranz, Bescheidenheit und Vergebung. Beim Aranya Housing Project sollte ein Ort entstehen für Menschen, die verschiedenen Kasten und Religionen angehören und unterschiedlich viel verdienen. Um das Gefühl von Nachbarschaft und Miteinander zu ermöglichen, haben wir bei der Planung auf öffentliche Plätze, Märkte, Arkaden, Grünflächen und Veranden geachtet. Wichtiger als Gebäude zu bauen, ist es, Gemeinschaften zu schaffen.

«In meinem Büro erwarten mich To-do-Listen, denen ich seit dreissig Jahren keine Beachtung schenke.»

Sind am Reissbrett geplante Siedlungen für ihre Bewohner nicht der blanke Horror?
Anfangs fühlen Menschen sich dort oft wie Tiere im Zoo. Architektur ist aber nichts Statisches, sondern ein lebendiger Organismus. Es muss Zeit vergehen, bis eine künstliche Stadt lebenswert ist. Wir haben die Häuser so konzipiert, dass die Bewohner sie nach ihren Bedürfnissen verändern können. Kommen Kinder zur Welt, kann man ein zusätzliches Geschoss bauen. Werden die Eltern alt, lässt sich für sie eine Veranda hinzufügen. Mit diesem Modulsystem schaffen die Bewohner sich mit den Jahren ihr eigenes Stadtbild, Menschen werden zu ihren eigenen Architekten. Ich habe meine Kindheit im Haus meines Grossvaters verbracht, einem amorphen Gebilde, das alle paar Monate veränderten Bedürfnissen angepasst wurde. Ich habe selten so viel Fröhlichkeit erlebt wie in diesem work in progress, wo mindestens fünfzehn Menschen am Esstisch sassen. Das Erste, was man in einer Grossfamilie lernt, ist Teilen und geduldige Toleranz. Man begreift, dass jeder Mensch anders funktioniert, aber keiner mehr wert ist als der andere. Vielleicht hat meine Bauten nichts so sehr geprägt wie der Wunsch, eine Grossfamilie möge in ihnen glücklich werden.

Möchten Sie in einer Retortenstadt leben?
Alte Menschen mögen Retortenstädte, weil man sich wegen ihres logischen Aufbaus leicht in ihnen zurechtfindet. Junge Menschen mögen Städte mit Tradition, weil in ihnen das Leben pulsiert. Dafür nehmen sie Unübersichtlichkeit, dichten Verkehr und hohe Mieten in Kauf.

Laut Doshi eine Symbiose von Modernismus und Hindu-Traditionen: Studenten im Indian Institute of Management Bangalore (1977-1992). Foto: Getty Images

Sie haben nie Aufträge ausserhalb von Indien angenommen. Waren Sie mal versucht, in London oder New York glanzvolle Hochhäuser oder Konzerthäuser zu bauen, die Ihnen den Nimbus eines Celebrity-Architekten verliehen hätten?
Nein. Die Pyramiden in Ägypten wurden von Potentaten gebaut, die sich um ihren Nachruhm sorgten. Bauwerke dienten als Vehikel, um sich unsterblich zu machen. Mir scheint, viele Bauten unserer Zeit sollen den gleichen Zweck erfüllen. Mich als Architekten der Armen zu bezeichnen, wird der Bandbreite meiner Bauten nicht gerecht, aber ich würde niemals auf den Gedanken kommen, teure Baustoffe wie Marmor zu verwenden. Die indische Gesellschaft ist extrem statusorientiert und daher auf Abgrenzung bedacht. Ein Architekt hat die Wahl, ob er diese Abschottung unterstützt oder Hierarchien aufbricht.

Bei Ihrer Geburt im Jahr 1927 hatte Indien 270 Millionen Einwohner, heute sind es 1,3 Milliarden. Jährlich kommen 15 Millionen Menschen hinzu. Lösen diese Zahlen bei Ihnen Weltuntergangsstimmung aus?
Nein, die Zukunft meines Landes liegt in der Mentalität der einfachen Leute. Sie sind keine Fatalisten, die auf ihren Händen sitzen, sondern glauben an Mitgefühl, Teilen und Zusammengehörigkeit. Indien ist nicht überbevölkert. Mein Land verfügt über genügend Ressourcen, um seine Bewohner zu ernähren – sie müssen nur endlich gerechter verteilt werden!

Wenn Sie nur eines Ihrer Gebäude vor dem Abriss retten könnten, welches wäre es?
Das 1992 fertiggestellte Indian Institute of Management in Bangalore vereint fast alles, was ich über die Symbiose von Modernismus und hinduistischen Traditionen gelernt habe, aber ich kann darin nicht leben, weil es in Hochschulen keine Betten gibt. Deshalb fällt meine Wahl auf das Gebäude, in dem wir dieses Gespräch führen.

Es heisst Sangath, steht in Ahmedabad und ist eine Verbindung aus Architekturbüro, Ideenlabor und Veranstaltungszentrum.
Ich habe Sangath von 1979 bis 1981 mit sehr wenig Geld geplant. Für den Entwurf gab es keine Vorbilder, weder in Indien noch in Europa oder den USA. Es ist mein autobiografischstes Gebäude, wenn Sie so wollen: mein Manifest. In meiner Muttersprache Gujarati heisst sangath «sich gemeinsam bewegen». Ich wollte ein Gebäude schaffen, das zu Gemeinschaftssinn und Kooperation einlädt und Harmonie mit der Natur ausdrückt. Der Bau ist zur Hälfte im Erdreich versenkt, um ohne Klimaanlage auszukommen.

Verglichen mit den Büros berühmter Architekten in Europa oder den USA wirkt Sangath höchst bescheiden.
Architektur soll das Leben in den Mittelpunkt stellen, nicht sich selbst. Sie zeigt, ob wir offen oder selbstbezogen sind, spirituell oder materialistisch, empfindsam oder verroht. Grandiose Architektur ist wie die Musik von Bach oder eine dieser grossen Kathedralen in Europa: Sie kündet von einer anderen Welt.

Sie sind 91 Jahre alt. Wie sieht Ihr Tag aus?
Ich stehe um halb sechs auf, mache Leibesübungen und gehe für eine halbe Stunde in einen kleinen Tempel, der zu meinem Haus gehört. Anschliessend verbringe ich Zeit mit der Familie. Zwischen zehn und elf komme ich ins Büro. Dort erwarten mich To-do-Listen, denen ich seit dreissig Jahren keine Beachtung schenke. Wichtiger sind Lesen, Reflexion, Fragen entwickeln, Musik hören.

Welche?
Ravi Shankar, Bhimsen Joshi, Kumar Gandharva, Kesarbai Kerkar, Sharafat Hussain, Igor Strawinsky, Bach, Vivaldi, Iannis Xenakis. Zu meinen Lieblingsalben gehört «The Köln Concert» von Keith Jarrett.

Sind Sie spirituell oder religiös?
Ich bin ein Hindu, der an das Unbekannte glaubt. Einerseits ist unser Schicksal vorbestimmt, andererseits wird unser Karma durch unsere Taten bestimmt, und die entscheiden über unsere Reinkarnation. Unsere Beziehungen zu Menschen enden nicht mit unserem Tod, sondern nehmen eine neue Form an. Das führt zu Demut und zum Akzeptieren von Schicksalsschlägen. Meine Frau gehört dem Jainismus an. Für sie ist alles Stoffliche beseelt, nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Pflanzen oder Wasser.

Menschen, die meinen, Sie zu kennen, erzählen, die prägendste Figur Ihres Lebens sei Ihre Mutter. Sehen Sie das auch so?
Meine Mutter starb, als ich zehn Monate alt war. Ich kenne nur Fotos von ihr. Trotzdem denke ich oft, sie ist die stärkste Kraft in meinem Leben. Wenn ich einsam und verzweifelt bin, höre ich ihre Stimme. Mit elf habe ich mit schweren Verbrennungen sechs Monate lang im Bett liegen müssen. Die Ärzte waren kurz davor, mein rechtes Bein zu amputieren. Ohne die heilenden Berührungen meiner Mutter hätte ich nicht überlebt. Sie sprach mir Mut zu und versicherte, alles werde gut. Sie ist auch jetzt bei diesem Gespräch anwesend. Sie hält sich in meiner Hosentasche auf und hört uns zu.

«Ich musste nie Geld von Menschen annehmen, deren Verhalten meiner Ethik zuwiderlief.»

Hatten Sie weitere Erlebnisse dieser Art?
Ja, als ich acht Jahre alt war, fiel eine Tante von mir oft hin und musste gepflegt werden. Wenn ich nach der Schule nach Hause kam, lag sie mit geschlossenen Augen da und sagte wie in Trance: Komm, setz dich zu mir. Dann erzählte sie, was ich tagsüber in der Schule erlebt hatte. Es war ein Geist, der aus ihr sprach – und er hatte mit allem recht. Manchmal sprach er auch mit der Stimme meiner Mutter.

Ihnen gehört weder Ihr Privathaus noch Sangath. Warum?
Ich möchte nichts besitzen. Das ist schon sehr lange so. Meine Schätze sind meine Träume, meine Gedanken, meine Ideen. Besitz hat keine Bedeutung, weil wir sterblich sind. Schauen Sie nicht auf den Besitz eines Menschen, sondern auf die Motive, mit denen er erworben wurde. Im selben Augenblick hören Sie auf, auf Besitztümer neidisch zu sein.

Seit wann denken Sie so?
Als ich fünfzehn war, heiratete mein Vater eine Frau, mit der es weder mein Bruder noch ich aushielten. Aus Protest gegen unsere Stiefmutter zogen wir in ein Zimmer unterm Dach und sorgten für uns selbst. Ein paar Monate später kamen wir in der Nähe zur Miete unter.

Wir lebten fast ohne Geld. Unsere Kleidung wurde aus Laken gemacht, die eine Tante uns gab. Damals habe ich das Gelübde der Besitzlosigkeit abgelegt. Es hat mich glücklich werden lassen, nichts von materiellem Wert besitzen zu wollen. Minimale Bedürfnisse zu haben, macht einen frei und mutig. Ich musste nie Geld von Menschen annehmen, deren Verhalten meiner Ethik zuwiderlief.

Stimmt es, dass Sie für Ihre Arbeit als Dozent und Rektor der Architektenhochschule in Ahmedabad in mehr als zwanzig Jahren niemals Geld angenommen haben?
Ich habe es angenommen und damit Stipendien für Studenten finanziert. Lehren ist ein Dienst an Saraswati, der Göttin der Bildung. Es käme mir falsch vor, sich dafür bezahlen zu lassen.

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein zeigt vom 30. März bis zum 8. September die erste Retrospektive über Ihr Gesamtwerk, die ausserhalb von Asien zu sehen ist. Kommen Ehrungen immer erst dann, wenn sie einem nichts mehr bedeuten?
Nein, für solche Gedanken bin ich offenbar noch nicht alt genug.

Sie sind seit 1955 verheiratet und haben drei Töchter. Mit welchem Blick schaut Ihre Frau auf Ihr Leben?
Wir hatten unsere Meinungsverschiedenheiten, aber bis heute stellen wir uns jeden Abend dieselbe Frage: Hat uns der heutige Tag Freude gemacht? Seit 64 Jahren antworten wir beide: Ja!

Angenommen, ein Student von Ihnen fragt Sie nach einer Richtschnur für sein Leben. Was antworten Sie?
Mit einer Fabel, die mir Le Corbusier erzählt hat: Ein Hund, der am Verhungern ist, fragt einen wohlgenährten Hund, wie er es schaffe, an so viel Futter zu kommen. Der dicke Hund antwortet: «Komm morgen wieder, dann verrat ichs dir.» Am folgenden Tag wartet der dünne Hund vergeblich. Am übernächsten Tag sieht er den dicken Hund und fragt ihn, warum er nicht gekommen sei. «Ich wollte, aber mein Besitzer hat mich angekettet.» – «Macht er das jeden Tag?» – «Ja, warum sollte er mich sonst füttern.» Der dünne Hund machte, dass er wegkam. Besser hungern, dachte er, als dass einen jemand an die Kette legt.

Das Gespräch fand in Balkrishna Doshis Atelierhaus Sangath in Ahmedabad statt. Es wurde aus dem Englischen übersetzt und vor der Publikation gekürzt und redigiert.

Erstellt: 19.03.2019, 17:15 Uhr

Verzicht auf Luxus

Seit 64 Jahren ist Balkrishna Doshi mit seiner Frau Mahala verheiratet, nach ihr benannte er auch das Wohnhaus der Familie in der Sechsmillionenstadt Ahmedabad im Nordwesten Indiens. 1927 als Sohn eines Tischlers geboren, ging er zum Studium erst nach London, dann zu Le Corbusier nach Paris. Doshi hat es stets abgelehnt, ausserhalb Indiens zu bauen. Bei seinen über hundert Bauten, darunter zum grossen Teil Sozialwohnungen, verzichtet er auf luxuriöse Materialien und eine ikonische Handschrift, wie andere Stararchitekten sie pflegen.

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