Licht im einst düsteren Gewölbe

Architekt David Chipperfield hat bei der Sanierung der Londoner Royal Academy den Gebäudekomplex neu zugänglich gemacht.

Eine Brücke verbindet Burlington Gardens mit den Academy Schools. Foto: Simon Menges

Eine Brücke verbindet Burlington Gardens mit den Academy Schools. Foto: Simon Menges

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wollte man früher hinter die Kulissen der Londoner Royal Academy of Arts blicken, musste man ein Mitglied kennen oder zu einem Vortrag ihrer Kunstschule eingeladen sein. Besonders die Katakomben hinter Burlington House waren in ihrer mit Abgüssen antiker Skulpturen vollgestopften Rümpeligkeit ein ebenso faszinierender wie selten zugänglicher Ort. Das ist nun alles anders.

Unter der Treppe, die zu den Ausstellungsräumen der Royal Academy hinaufführt, ist nicht wie zuvor eine verschlossene Tür, sondern ein Durchgang, der direkt in diese bisher so geheimnisvolle Unterwelt führt. Aufgeräumt und lichtdurchflutet öffnet sich hier ein Kreuzgewölbe aus hell getünchtem Backstein, der den Stadtpalast Burlington House mit 6 Burlington Gardens verbindet.

Die Wände sind noch immer gesäumt mit Abgüssen. So blickt der Farnese-Herkules auf eine «anatomische Kreuzigung», die im 19. Jahrhundert angefertigt wurde, indem man einen frisch gehenkten Delinquenten an ein Kreuz nagelte, um zu sehen, wie sich der menschliche Körper bei einer solchen Behandlung verhält. Doch das Ganze hat wenig gemein mit der Hinterhausatmosphäre von früher. Der Durchgang endet jetzt an einer breiten Treppe. Sie führt in einen hohen, taghellen Raum, der seinerseits an die Vorhalle des viktorianischen Nachbargebäudes anschliesst.

Klarheit im Labyrinth

Vollbracht hat diese lichte Transformation der Architekt David Chipperfield. Dem Briten ist wieder einmal das gelungen, was er selbst «diagnostische Entschlüsselung» nennt – und was er wie wohl kein anderer aus der ersten Riege international agierender Architekten beherrscht: aus bestehender Bausubstanz so subtil wie möglich und so entschlossen wie nötig das Beste herauszuholen. Nach einem Jahrzehnt der Arbeit und einer Investition von 64 Millionen Euro hat Chipperfield nicht nur die zugängliche Fläche der Royal Academy um 70 Prozent erweitert, er hat auch aus einem verwinkelten Labyrinth einen einladenden, gut lesbaren Komplex gemacht.

Laut Chipperfield hatte die Royal Academy, der er seit einem Jahrzehnt angehört, sich selbst in eine «kleine Krise» gestürzt, indem sie 2001 den Komplex in Burlington Gardens gekauft hatte. Ursprünglich 1870 für die University of London errichtet, war das Gebäude in der Strasse zwischen New Bond Street und Savile Row, so Chipperfield, «ungeliebt und schlecht behandelt» worden. Tatsächlich schien lange unklar zu sein, welche Rolle der viktorianische Kasten im Italianate-Stil genau spielen sollte. Er steht gleichsam Rücken an Rücken zum Hauptgebäude der Royal Academy, ist aber völlig anders angelegt. Burlington House, ursprünglich eine Stadtresidenz, ist durchweg grandios und repräsentativ, 6 Burlington Gardens aber, bis auf seine stattliche Eingangshalle, eher funktional. Es hat hier zwar interessante, klug kuratierte Ausstellungen gegeben, etwa die grosse Architektur-Retrospektive, welche die Royal Academy ihrem Mitglied Richard Rogers zum 80. Geburtstag widmete. Doch so recht konnte das Haus sein Potenzial nie entfalten.

Das wird sich ändern, wenn die Royal Academy of Arts, die 2018 ihr 250-jähriges Bestehen feiert, heute Samstag wieder ihre Türen öffnet. Das Kernstück von Chipperfields kluger Intervention bildet bezeichnenderweise ein Verbindungsstück, das von aussen nicht zu sehen sein wird: Die betonverschalte Weston Bridge überspannt den vom Architekten scherzhaft als «entmilitarisierte Zone» bezeichneten Streifen zwischen Burlington Gardens und den Academy Schools. Dieser begrünte Innenhof wird der Öffentlichkeit nicht zugänglich sein, denn hier sollen unter anderem die Bildhauer der Royal Academy-Kunstschule al fresco arbeiten können. Zugänglich ist dagegen der viktorianische, als Amphitheater gestaltete Vorlesungssaal, der lange durch eine Zwischendecke versperrt war und jetzt, in Hellholz und Leder, mit 260 Plätzen wieder seinem ursprünglichen Zweck dient.

Entstaubte Sammlung

Chipperfield hat so nicht nur, symbolisch wie konkret, eine Brücke zwischen den beiden Teilen der Royal Academy errichtet, er hat auch Bereiche aktiviert, die bisher versteckt oder unausgelastet waren. Die 1769 gegründeten Royal Academy Schools sind die älteste britische Kunstschule, und die einzige, die ihren Studenten noch immer eine kostenlose Ausbildung ermöglicht. Sie werden nun Gelegenheit haben, im Eingangsraum zu den Vaults regelmässig an prominenter Stelle ihre Arbeiten zu zeigen.

Auch die Sammlung, die bisher ein verstecktes Dasein fristete, wird künftig in der Royal Academy Collection Gallery fürs Publikum frei zugänglich sein. Die Auswahl, die Akademiepräsident Christopher Le Brun getroffen hat, ist eklektisch: Neben Meisterwerken wie dem Taddei Tondo, der einzigen Marmorskulptur Michelangelos in einer britischen Sammlung, ist auch entschieden Zweitklassiges zu sehen, etwa Thomas Lawrences gewaltiges «Satan Summoning his Legions». Dass man hier künftig im Turnus aus dem grossen Schatz an Arbeiten der Academy-Mitglieder von Turner über Gainsborough bis Constable schöpfen kann, ist jedoch absolut begrüssenswert. Die neuen, von oben beleuchteten Gabrielle Jungels-Winkler Galleries bieten zudem Platz für weitere Sonderausstellungen. Sie werden zur Eröffnung von Tacita Dean bespielt.

Anspruch nach 250 Jahren

Indem Chipperfield die Gebäude zusammengefügt und zugleich geöffnet hat, gewann die Royal Academy of Arts ein wichtiges Charakteristikum hinzu: Bisher besuchte man Burlington House für die hochklassigen Sonderausstellungen. Ein Aufenthaltsort wie die Tate Modern oder das British Museum war die Royal Academy darüber hinaus nie. Dabei ist sie eine einzigartige Institution, eine unabhängige Stiftung, die von ihren Mitgliedern geführt wird. Ihre Gründer formulierten 1768 das Ziel, die Academy solle «der Schaffung und Würdigung der Bildenden Künste durch Ausstellungen, Bildung und Debatte» dienen. In ihrer neuen Form kann sie diesem Anspruch besser gerecht werden als je zuvor in ihrer 250-jährigen Geschichte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2018, 18:29 Uhr

Artikel zum Thema

Die Schweiz ist Architektur-Exportweltmeisterin

Eine Ausstellung in Basel erklärt die Erfolgsgeschichte vom Sichtbeton-Minimalismus der 90er-Jahre bis zur «Entwicklungshilfe» in Afrika. Mehr...

Diese Häuser wollen das Leben verbessern

Die Ferienhäuser, die der Schweizer Philosoph Alain de Botton in England errichten lässt, sollen glücklich machen. Aber Bauen kostet hier auch Nerven. Mehr...

Zumthor macht sich klein

Der Architekt erweitert die Fondation Beyeler in Riehen mit einem Stampfbetonbau und Glaspavillon. Die Hauptrolle spielt aber der Park. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Fleisch oder Nicht-Fleisch – das ist hier die Frage

Geldblog Postfinance: Kein doppelter Einlagenschutz

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...