«Als junges Architekturbüro hat man eine gewisse Narrenfreiheit»

Der Berner Architekt Armon Semadeni blickt mit 38 Jahren schon auf eine steile Karriere zurück. In Zürich hat er die Kronenwiese überbaut, jetzt plant er zwei Hochhäuser und eine Hochschule.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Baukultur braucht Ausdauer. Dass Architekten unter vierzig durchstarten, ist deshalb selten. Armon Semadenis Ausnahmekarriere bestätigt diese Regel. Der Architekt mit Bündner ­Namen und Zürcher Wohnsitz hat in den letzten Jahren Wettbewerb um Wettbewerb gewonnen. Sein Büro beschäftigt 30 Personen und leitet ein halbes Dutzend laufende Projekte. Dabei ist Semadeni gerade einmal 38 Jahre alt. Nach seinem Erfolgsgeheimnis befragt, zuckt er mit den Schultern. «Ich denke, meine Laufbahn beweist, dass das Wettbewerbswesen in der Schweiz funktioniert», sagt er in gemütlichem Berndeutsch und zieht an seiner Zigarette. Bei einem anonymen Architekturwettbewerb erhält jeder eine Chance, die Jury zu überzeugen. Semadenis erste Preise ermuntern Nachwuchsarchitekten: Auch du kannst es schaffen.

Der Werdegang des Architekten wirkt unspektakulär, die Karriere aber ist steil. Armon Semadeni studierte an der ETH in Lausanne, später an der ETH Zürich. Nach dem Diplom begann er beim Architekturbüro Meier Hug in Zürich, dessen Gründer keine zehn Jahre älter sind als er. 2009 entschied Semadeni, sein eigener Chef zu werden, und gründete ein Büro. Das bedeutete aber nicht, dass sich seine Wege und jene seiner früheren Arbeitgeber getrennt hätten. Bis heute spannt Semadeni gelegentlich bei Wettbewerben mit Meier Hug zusammen.

Armon Semadeni ist ein unaufgeregter Schaffer in einer aufgeregten Zeit. Seine Architektur macht alles richtig.


Kollaboration ist das Motto der Netzwerkgeneration, das auch für andere Büros gilt. Der Architekt als genialer Autor, der mit wenigen Strichen seinen Wurf auf Papier skizziert, hat im 21. Jahrhundert ausgedient. Semadeni sucht ebenfalls den Austausch: Er beschäftigt auch einmal eine Polin oder einen Spanier ohne ETH-Diplom. «Die Mischung bereichert das Büro.»

Mit Meier Hug baute Semadeni das Naturmuseum in St. Gallen, das seit letztem Jahr Besucher an den Stadtrand lockt. Ein schmucker Betonbau, dessen Sägezahndach das Gebäude im Wohnquartier verortet. In Bern planten die beiden Büros die städtische Siedlung Stöckacker, die gerade bezogen wird. Die drei Ersatzneubauten mischen ­Wohnungstypologien, sodass Familien, Singles und Senioren nebeneinander ­leben. Die Bauvolumen greifen in den Grünraum aus und aktualisieren die Idee der Gartenstadt für das Zeitalter der Verdichtung.

Der Allrounder

Die beiden Beispiele zeigen: Semadeni ist ein Allrounder. Während viele Architekten sich auf eine Bauaufgabe spezialisieren, weil Erfahrung und Netzwerk dies begünstigen, sucht er die Abwechslung. In Freiburg baut sein Büro eine neue Fachhochschule, in Glattbrugg verdichtet es das Zentrum mit einem Neubau, in Zürich sanierte es den Beckenhof. «Wir suchen uns gerne Aufgaben aus, die wir noch nie gemacht haben», sagt Armon Semadeni.

Umso erstaunlicher, dass er immer wieder Erfolge verbuchen kann. Ein Grund dafür liegt wohl darin, dass der Architekt nicht das grosse Spektakel sucht, die imposante Geste. Semadeni ist ein unaufgeregter Schaffer in einer aufgeregten Zeit. Seine Architektur wirkt wertig, seine Entwürfe sind sorgfältig austarierte Lösungen, die vieles richtig machen. So überzeugt er die Jurys – gerade in Zürich, wo Selbstdarstellungsarchitektur einen schwierigen Stand hat.

Das veranschaulicht die Siedlung Kronenwiese, die diesen Sommer eröffnet wurde. Semadeni setzte sich im Wettbewerb gegen 90 Architekten durch – nicht mit Extravaganz in der Form oder Avantgarde im Grundriss, sondern mit einer alltagstauglichen Architektur, die präzise auf den Ort zugeschnitten ist. Der U-förmige Hof schirmt den Autolärm ab. Das abgetreppte Volumen folgt der Topografie und ermöglicht Blicke in den Schindlerpark. Der Klinkersockel mit Läden bringt Leben ins Erdgeschoss. Selbst die überhohen Wohn-Ess-Küchen sind städtebaulich motiviert, der Luftraum entschädigt für die Nähe zur Strasse.

Semadenis Architektur nimmt sich nicht wichtiger, als sie ist.

Dass sich die Schlange an der Wohnungsbesichtigung letztes Jahr bis um den Block zog, lag nicht nur an den günstigen Preisen der städtischen Wohnungen. Es lag auch an den familientauglichen Grundrissen, am nachbarschaftlichen Hof, an der Aussicht in den Park. Die Fassade wird niemanden verblüffen – und das ist gut so. Semadenis Architektur nimmt sich nicht wichtiger, als sie ist. Sie dient den Bewohnern und der Stadt, nicht dem Ego des Architekten. Expressiv sind einzig die Laubblätter, die der Künstler Christian Kathriner im Sichtbeton in den Treppenhäusern eingelegt hat. «Als junges Büro hat man eine gewisse Narrenfreiheit», meint Armon Semadeni. Jedenfalls im kontrollierten Rahmen der Kunst.

Mit städtebaulichem Gespür

Das heisst aber nicht, dass Semadeni sich stets in Bescheidenheit üben würde. In Zürich plant er gerade zwei Hoch­häuser, die die Skyline der Stadt merklich verändern werden. Aber auch hier geht er mit städtebaulichem Gespür vor. Der Franklinturm, der bis 2022 neben dem Bahnhof Oerlikon entstehen wird, ist in drei Höhen bis auf 80 Meter gestaffelt. So bezieht er sich zum Swissôtel nebenan. Die Fassade des Bürohochhauses ist stark gegliedert und setzt auf das Vokabular der Stadt: Fenster, Stürze, Stützen. Damit ist sie das Gegenteil der glatten Haut, mit der Gigon Guyer Architekten den Andreasturm gegenüber – den kleinen Bruder des Prime Towers – als Einzelobjekt auszeichnen.

Auch die beiden Wohntürme Letzi, die Semadeni in Altstetten ebenfalls für die SBB entwirft, stehen an den Bahn­geleisen. «Das Gleisfeld ist ideal für Hochhäuser, da sie dort keine Nachbarn bedrängen», sagt der Architekt. Und auch diese Türme suchen den Bezug nicht in der jüngsten Bauproduktion. Die Fassade ist aufgelöst in offene und geschlossene ­Felder, wie die Moderne es lehrte; manche Wandelemente tragen ein Muster, das aus einer anderen Zeit zu stammen scheint.

Semadeni arbeitet oft mit Referenzen aus der Geschichte. Der Ort ist aber genauso wichtig. Die industrielle Anmutung bezieht sich auf die Werkhallen auf dem Areal. Die Höhe definiert das Hochhaus Letzibach nebenan, sodass ein Ensemble mit drei Türmen entsteht.

Auf dem Sockel, der die beiden Türme verbindet, plant Armon Semadeni eine gemeinschaftliche Dachterrasse. «Es ist wichtig, der Öffentlichkeit etwas zurückzugeben, gerade bei Hochhäusern.» Das bedingt einen unverkrampften, offenen Blick. Berufsanwärtern gibt er darum den Rat: «Man sollte nicht ständig Architektur im Kopf haben.» Jemand, der so schnell so erfolgreich war wie er, hat leicht reden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2017, 17:57 Uhr

Artikel zum Thema

Zum Widerstand gegen Trump ins Washingtoner Protesthotel

Eine Minibar mit Tipps für Aktivisten, politische Installationen: Nur unweit des Trump-Hotels eröffnet in der US-Hauptstadt eine Art Protesthotel. Mehr...

Ist das der Eingang zur Unterwelt?

In Norwegen kann man schon bald den Fischen beim Essen zuschauen – und umgekehrt. 2019 soll das erste Unterwasser-Restaurant Europas eröffnet werden. Mehr...

Wo Zürich früher boxte und wo Lenin zum Polit-Treff auftauchte

Die Stadthalle beim Stauffacher hat eine bewegte Vergangenheit. Jetzt bekommt sei einen neuen Besitzer – und einen bekannten Mieter. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Des Handwerkers Angst vor dem Erfolg

Die Welt in Bildern

Nichts für Tierliebhaber: Fuchspelze werden von einem Arbeiter auf dem chinesischen Chongfu Pelzmarkt verarbeitet (14. Dezember 2017).
(Bild: William Hong) Mehr...