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Schreien statt flüstern

Dass die alten Griechen Theater bauten, in denen man jeden Ton vernehmen konnte: Es klingt super, es ist falsch.

Theater von Epidauros: Es klang weniger gut, als der Griechischlehrer glaubte. Foto: De Agostini (Getty Images)
Theater von Epidauros: Es klang weniger gut, als der Griechischlehrer glaubte. Foto: De Agostini (Getty Images)

In seinem vorletzten, neun Jahre alten Roman verarbeitet der heute 82-jährige englische Schriftsteller, Literaturprofessor und Drehbuchautor David Lodge die Hörbeschwerden, die ihn mit dem Alter ereilt haben. Und weil er zwar sein Gehör verliert, nicht aber seinen Humor, wird bei ihm aus der «Death Sentence», dem Todesurteil, im Romantitel «Deaf Sentence», die Taubheits­verurteilung. In seinem Buch beschreibt Lodge die zunehmende Einsamkeit eines Intellektuellen, der nicht mehr richtig hört, und die sich daraus ergebenden Missverständnisse, weil er das nicht zugeben kann und immer nickt, statt nachzu­fragen. Wem die Sprache entgeht, der fällt aus der Kultur.

Mit diesem kühnen Übergangssatz, einem zeitlichen Ruck von über 2400 Jahren und einer geografischen Verlagerung von London, England, zum gut erhaltenen, bis heute verwendeten griechischen Theater von Epidauros im Nordosten der Peloponnes, sind wir innert weniger Zeilen in einer Zeit und an einem Ort angelangt, wo man auch nicht so gut hörte, wie man es selber behauptete.

Die klingende Münze

Zu den Daueranekdoten der griechischen Touristenindustrie gehört eine Legende, die über dieses Theater besonders häufig erzählt wird. Dass man auf der Bühne eine Münze fallen lassen könne, und die Zuschauer würden ihr Aufschlagen bis in die hintersten Ränge hören – dort, wo damals die Zuschauerinnen sitzen mussten. Das Flüstern der Schauspieler, sagte der englische Archäologe Mortimer Wheeler ehrfürchtig, hätten auch die Zuschauer mit dem billigsten Billett hören können: Kultur als akustische Demokratie.

Das Theater von Epidauros fasst bis zu 14'000 Zuschauer, also mehr als das Hallen­stadion. Wer im Hallenstadion Gruppen wie Aerosmith oder AC/DC mit ihren Voll­verstärkern toben gehört hat, wird zugeben, dass das mit der Münze und ohne jede Verstärkung Eindruck macht. Unser Griechischlehrer am Humanistischen Gymnasium Basel, ein ebenso strenger wie leidenschaftlicher, von der antiken Kultur ergriffener Altphilologe, schwärmte ebenfalls von der griechischen Akustik. Bei einem Besuch vor Ort konnte ich die Behauptung nicht verifizieren, weil ich zwar eine Münze dabeihatte, aber nicht gleichzeitig als Münzenfallenlasser auf der Bühne und als Münzefallenhörender im Auditorium aktiv sein konnte.

Nun haben Forscher der technischen Universität Eindhoven die Akustik im Open Air von Epidauros und in anderen erhaltenen antiken Theatern wissenschaftlich überprüft. Laut dem «Guardian» benutzten sie zwanzig Mikrofone, die sie im Auditorium des Theaters aufstellten, von ganz vorne bis ganz hinten und auf der Seite. Zwei Lautsprecher auf der Bühne übertrugen einen Ton, der von einer tiefen zu einer hohen Frequenz aufstieg. Die niederländischen Wissenschafter machten gegen 2400 Aufnahmen und kombinierten diese mit dem Klang einer fallenden Münze und dem Flüstern menschlicher Stimmen.

Das Resultat in zwei Sätzen: Die fallende Münze hörten Zuschauer tatsächlich bis weit oben, konnten das Geräusch aber nicht erkennen. Und zweitens: Damit auch die billigen Sitze die Schauspieler verstanden, mussten diese laut und deutlich sprechen.

Die Axt auf der Bühne

Muss jetzt die abendländische Kulturgeschichte neu geschrieben werden? Sind es Fake Old News aus dem Altertum, dass alle mitbekamen, was gespielt wurde? Immerhin werden die grossen griechischen Tragödien bis heute aufgeführt, «Elektra» von Sophokles zum Beispiel, in dem ein Vater seine Tochter schlachtet, seine Frau und ihr Lover ihn mit der Axt erschlagen und ihr Sohn sie mit demselben Werkzeug zerteilt. Die Handlung erinnert an einen Brutalo, obwohl das Stück viel mehr impliziert und ausdrückt. Die Premiere fand 413 vor Christus statt, vor ein paar Jahren wurde das Stück im Schauspielhaus in einer radikalen neuen Lesung wiederaufgeführt.

So originell der niederländische Klangtest von Epidauros anmutet: Geflüstert haben die Schauspieler schon bei Sophokles nicht. Ihre Masken wirkten vermutlich als Trichter, und die Athener setzten wohl andere Verstärker ein, zum Beispiel Hohlräume. Aber auch das Schreien hätte nicht garantiert, was nur das Schreiben möglich machte: die Beständigkeit der Texte bis heute.

David Lodge, der englische Schriftsteller, hat seit «Deaf Sentence» eine Biografie des Autors H. G. Wells, eine Autobiografie und mehrere Sachbücher geschrieben. Seine sogenannte Campus-Trilogie, eine gross angelegte Satire auf den akademischen Betrieb, könnte auch die Wissenschafter der technischen Universität Eindhoven amüsieren. Der Autor mag taub geworden sein; lesen kann man ihn bis heute.

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