Unbemerkt nach ganz oben

Der Schweizer Architekturhistoriker Martino Stierli wurde vom attraktivsten Kunstmuseum der Moderne nach New York abgeworben.

Er folgt dem Ruf ans Museum of Modern Art: Martino Stierli. Foto: PD

Er folgt dem Ruf ans Museum of Modern Art: Martino Stierli. Foto: PD

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Warum verscherbelt die Schweiz ihre besten Köpfe ins Ausland? Weil wir ein Volk von Neidbürgern sind? Oder weil in einem kleinen Land die Höhe des Gartenzauns für den prototypischen Schweizer die Messlatte ist, über die er nicht wachsen soll und darf?

Der Schweizer Architekturhistoriker Martino Stierli, Jahrgang 1974, hatte nie die Absicht, sich idealtypisch zu verzwergen oder sich einen besonders langen Hals anzueignen, um ein Leben lang in die Futterkrippe für Akademiker zu passen.

Er ist ein bisschen eitel, und das muss er sein. Denn wer so clever ist, dem steht ein bisschen Eitelkeit ganz besonders. Sie macht ihn menschlich und angreifbar. Denn Martino Stierli, aufgewachsen in Zug, mit unauffällig unauffälliger Biografie, kam, sah und gewann. Ein Überflieger in den Bereichen Architektur, Design und moderne Kunst. Er hat mit Preisen, Fellowships, mit Nationalfonds-Stipendien eine der steilsten akademischen Karrieren abgeliefert und damit internationale Aufmerksamkeit erlangt. Doch wen hat das hier gekümmert? Wer wusste davon jenseits der Hochschulen?

Ehrenrettung für die Postmoderne

Als Letztes hatte Stierli eine Förderprofessur an der Universität Zürich inne, und er hat, als letzten Streich, diesen Frühling eine interdisziplinäre Ringvorlesung organisiert, die eine Art Ehrenrettung für die missverstandene Postmoderne ist. Doch ausserhalb akademischer Kreise hat das keinen gekümmert. Wieso auch? Selbst die hiesigen Medien dürfen einen Kopf wie den von Stierli ignorieren.

Dass dieser Kopf aber mindestens die Hutgrösse von Hans-Ulrich Obrist hat, dem Schweizer Starkurator im Exil, wurde laut nie ausgesprochen. Mit Konsequenz: Die populärste und wahrscheinlich einflussreichste Institution der aktuellen Kunstdebatte sagt «Yes, we can», sie holt sich den Mann der Zukunft in ihr Haus der Zukunft. Martino Stierli erhielt den Ruf als Chefkurator des Moma in New York und steht seit diesem Monat der legendären Abteilung Architektur und Design vor.

Kann einer höher klettern? Höher als in das Haus in Midtown Manhattan? Kann er nicht. Das Moma ist mit 2,8 Millionen Eintritten jährlich (2011) und rund 119 000 Mitgliedern das am besten besuchte Museum der Welt. Stierli steht einer Abteilung vor, die als legendär gilt. Sie ist seit 1932 international wegweisend – sie war die erste ihrer Art, sie setzt Trends, hat eine jahrzehntelange Geschichte visionärer Architekturausstellungen, bildet Szenen und beeinflusst sie. Als Allererstes wirkt sie unmittelbar auf die Architekturszene. Denn jeder ernst zu nehmende amerikanische Architekt mischt mit in der internen Debatte am Moma: Das Haus ist ein privates Museum und die Trustees (darunter einige Rockefellers) geben den Ton an.

Drehen wir die Sache ins Positive. Es ist gut, dass Stierli das Land verlassen hat. Denn man hat ihn ja auch als Vorzeigeintellektuellen aus dem Alten Europa importiert. Mit ihm hat sich die neue Welt ein Stück alte Architektur(geschichte) aus der Schweiz eingekauft. Man hat ihn eingekauft, abgeworben, weil der Klang der Schweizer Architektur in den Staaten enorm ist. Indem man auf Stierli baut, baut man auf Schweizer Architekten und auf Schweizer Architektur. Stierli musste gehen, um uns das in Erinnerung zu rufen.

Erstellt: 08.03.2015, 19:56 Uhr

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