Auf die Knie für die Kunst!

Die Performance-Ausstellung «Action!» verwandelt das Kunsthaus Zürich in einen Spielraum. Das Publikum ist explizit aufgefordert mitzumischen.

Ausstellung als Hindernislauf: Der Weg von Raum zu Raum. Foto: Caroline Mijolle (Copyright: William Forsythe)

Ausstellung als Hindernislauf: Der Weg von Raum zu Raum. Foto: Caroline Mijolle (Copyright: William Forsythe)

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Eines vorweg: Ziehen Sie bequeme Kleidung an. Und nichts Weisses. Denn: Sie werden, wenn Sie diese Ausstellung ernst nehmen, am Boden kriechen.

Aber alles der Reihe nach. «Action!» heisst die neue Schau im Kunsthaus Zürich, und der Name ist Programm: Da ist nichts mit Bildern an der Wand, sondern es geht um alle Arten der perform- und partizipativen Kunst. Also solche, bei der Künstler oder Kunstkonsument (oder beide) live etwas tun. Sprich: Es geht um Performance, um Happening, um Aktionskunst (und oft fliesst ja das eine ins andere).

Etwas mehr als einen Monat nur wird die Schau dauern, und sie ist ein rechtes Experiment. Nie zuvor gab es am Heimplatz Vergleichbares. Kuratorin Mirjam Varadinis musste recht lange Überzeugungsarbeit leisten; und jetzt, da man sie hat machen lassen, ist das Timing ziemlich perfekt. Denn zum einen ist es erst wenige Wochen her, dass in Venedig die 4-Stunden-Performance der Deutschen Künstlerin Anne Imhof den Goldenen Löwen für das beste Kunstwerk der Biennale abgeräumt hat. Zum anderen ist das Kunsthaus selbst grade total in Bewegung: Der «normale» Haupteingang ist nicht mehr; vorläufig betritt man das Museum über ein Provisorium, vorbei an der Baustelle und manchmal über etwas Schutt.

Ein Stück John Lennon

Und wenn man dann doch im Bührle-Saal ankommt, heisst es erst einmal: Schuhe ausziehen! Die libanesisch-syrische Künstlerin Mounira Al Solh hat gleich beim Eingang Holzpantinen in unterschiedlichsten Grössen bereitgestellt. Man schlüpft aus den eigenen Schuhen und klappert fremdbesohlt durch die Schau, bei jedem Schritt daran erinnert, dass man hier nicht nur Kunst konsumiert, sondern – klicker-di-klack! – auch ein bisschen mitproduziert.

Ja, man darf etwas davon sogar nach Hause nehmen: Wer sich bei dem Stapel schlichter Schwarzweissposter bedient, hält ein veritables Stück John Lennon und Yoko Ono in Händen. «WAR IS OVER» steht darauf, in fetten Versalien, und drunter, etwas kleiner, «If you want it». Wir kapieren: Dies ist weniger Feststellung als Aufforderung zu handeln. Und wem das nicht aktionistisch genug ist, leihe sich Marinella Senatores «Protest Bike» am Empfang aus: Von Fähnchen umflattert, kann man damit durch Zürich radeln und seine Mitmenschen via Megafon von dem unterrichten, was einen grade beschäftigt.

Kurz: Es kommt tatsächlich Schwung in dieses sonst eher etwas hüftsteife Haus. Und das bekommt ihm ungemein gut. Und uns, die wir nie recht wissen, was uns in dieser Schau wann erwartet, sowieso. Möglich, dass man zu einem Zeitpunkt durchs Museum läuft, da all die aneinandergereihten Bühnenräume leer stehen und man sich mit den Zeugnissen vergangener Aktionen begnügen muss. Zum Beispiel jener der legendären Guerilla Girls, die unzimperlich wie immer die US-Gedenkmonate dem trumpschen Modus angepasst haben (aus dem «Women’s History Month» etwa wurde der «Locker Room Talk Month»). Oder Francis Alÿs’ Video einer Aktion, für die er Hunderte Kinder an der Strasse von Gibraltar von marokkanischer und spanischer Seite her ins Meer und aufeinander zu laufen liess.

Historisches wird zeitgenössisch

Wer von Alÿs zu den Guerilla Girls gelangen will, muss sich nun eben auf alle viere begeben und durch eine nur meterhohe Passage des Choreografen William Forsythe kraxeln. Klar gibt es einen Schleichweg, aber psst! «Action!» fordert diese Schau schliesslich – von der Kunst und auch von uns. Und eigentlich sollte man da eh nicht unterscheiden: Schon 1967 forderte Happening- Vater Allan Kaprow, die Trennlinie zwischen Kunst und Leben müsse so fliessend wie möglich sein.

Ehrensache, hat man dem 2006 Verstorbenen im Herzen der Schau einen Platz eingeräumt. Einen Spielplatz, müsste man fast sagen, weil man sich da bei den bereitgestellten Autopneus bedienen und damit irgendwas Verrücktes anstellen kann. Oder, wahlweise, dem eigens dafür bisweilen aufkreuzenden Künstler San Keller dabei zuschauen.

So wird Historisches zeitgenössisch – und, umgekehrt, Zeitgenössisches historisch: Kann sich noch jemand an den «Skandal» erinnern, als Beyoncé an Obamas Inauguration Playback sang? Den Social-Media-Shitstorm hat die Britin Cally Spooner via LED-Schrift ins Kunsthaus geholt. Und manchmal – aber ohne Vorankündigung – wird eine Opernsängerin die bitterbösen Kommentare («if I see you I will spit on you») live vertonen.

Bleibt die Frage: Soll man den Besuch planen? Das üppige Performanceprogramm ist jedenfalls online. Aber Allan Kaprow und die anderen 30 Künstler der Schau würden wohl raten: einfach hingehen und sich überraschen lassen.

Bis 30. Juli. action.kunsthaus.ch

Erstellt: 22.06.2017, 19:51 Uhr

«Unser Körper speichert Information»

Kunsthaus-Kuratorin Mirjam Varadinis erklärt, was der Hunger nach realen Begegnungen mit dreckigen Kostümen zu tun hat.

Bei Performance denkt man zuerst an Marina Abramovic. Warum kommt sie in der Schau nicht vor?
Wer Marina Abramovic sehen will, braucht nur «Best of Performance» bei Youtube einzugeben. Ich habe bewusst nach einer Nische gesucht – und den Fokus darum von der klassischen Performance hin zur partizipativeren Aktionskunst verschoben. Ich wollte zeigen, was man noch nicht so gut kennt. Also habe ich den Spot auf stillere Ikonen, etwa Adrian Piper, gerichtet.

Warum sind Performance, Happening und Ähnliches eigentlich wieder derart im Trend?
Die Renaissance vergänglicher Kunstformen ist einerseits eine Reaktion auf den alles vereinnahmenden Kunstmarkt. Viele Künstler sehnten sich nach einem Format, das sich dessen Mechanismen entzieht. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass unser Leben sich auf vielen Ebenen ins Virtuelle verschoben hat. Es mangelt uns an physischen Erfahrungen. Die klassische Begegnung mit Menschen, in realen Räumen und in Echtzeit: Sie ist ein echtes Bedürfnis geworden. Dieses stillt die performative Kunst.

Performance, Happening, Aktionskunst: All das ist einst entstanden, um die Kunst aus ihrem musealen Korsett zu befreien. Nun ist sie doch wieder im Museum gelandet.
Ja, aber die Institution Museum hat sich seit den späten 60ern stark verändert. Sie bietet heute in einer vom Markt dominierten Kunstwelt Freiraum, den man sonst kaum mehr findet. Hier können Künstler experimentieren, kontroverse Themen diskutieren, und die Möglichkeit des Scheiterns ist Teil des Prozesses.

Viele finden Performancekunst komisch oder unverständlich. Was raten Sie ihnen?
Was ich als Zugang zur zeitgenössischen Kunst generell rate: sich ohne Vorurteile darauf einzulassen. Wenn man immer bei dem bleibt, was man kennt, kommt man nicht weiter.

Selten war eine Kunsthaus-Schau derart politisch wie «Action!».
Wir haben bewusst Arbeiten ausgesucht, die aktuelle Themen zur Diskussion stellen, und zwar, ohne dabei die simple «I like / I don’t like»-Mentalität zu bedienen. Ich finde, das ist die Aufgabe des heutigen Museums: Es muss einen Raum schaffen, in dem über komplexe aktuelle Inhalte nachgedacht werden kann.

Visuell kommt das Ganze aber verblüffend spielerisch daher.
Richtig, weil man den Zugang zu schwierigen Inhalten teils besser findet, wenn das nicht mit Holzhammer und über den Intellekt passiert. Für «Action!» ist das Erleben auf körperlicher Ebene sehr wichtig. Unser Körper speichert Informationen anders als der Verstand. Diesen Speicherplatz wollen wir anzapfen.

Sie geben den Zürchern aber nur fünf Wochen Zeit dafür . . .
Eine Schau, die mit so viel Livemomenten aufwartet, braucht Konzentration. Auch personell und organisatorisch liesse sich der Aufwand nicht über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten.

Inwiefern war «Action!» denn aufwendiger als herkömmliche Ausstellungen?
Vor allem in Bezug auf die Logistik. Zwar kamen weniger Kisten bei uns an, dafür mussten wir mehr Hotels und Flüge buchen für die Performer. Ferner sahen wir uns vor Probleme gestellt, mit denen wir sonst nicht zu tun haben. Etwa: Wer reinigt nach einer Performance die Kostüme? Zum Glück helfen uns da nun die Kollegen vom Schauspielhaus, vom Opernhaus und vom Tanzhaus

Interview: Paulina Szczesniak

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