Aufbruch ins Offene, Bunte, Freie

Das Kunstmuseum Basel zeigt in einer hinreissenden Ausstellung, wie der Kubismus sich die Farbe eroberte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn man den himmelstürmenden Eiffelturm, die bunten Flugzeugpropeller oder eine aus geometrischen Farbflächen komponierte Ballszene auf den Bildern von Sonia und Robert Delaunay zu den Höhepunkten des Kubismus zählt: dann erstaunt umso mehr, wie dunkel, wie grau und wie braun mit ganz geringen Einschüssen von Blau die ersten Bilder dieser Stilrichtung bei Georges Braque und Pablo Picasso daherkommen.

Braque und Picasso haben die in ihrer Bedeutung für die Kunst das 20. Jahrhundert nicht zu überschätzende Revolution des Kubismus in den Jahren 1907 und 1908 angestossen. Bald fanden sich Schüler und Verwandte im Geiste, die der neuen Kunst nicht nur ein breites Farbspektrum eroberten, sondern sie durch eine motivische Ausweitung und die Teilnahme an den populären Pariser Salonausstellungen bekannt machten.

In Abgrenzung zu früheren Ausstellungen, die sich hauptsächlich auf das Wirken von Picasso und Braque beschränkten, wird im Kunstmuseum Basel das Teilnehmerfeld nun im Lichte neuester Forschungen weit geöffnet für Künstler wie Juan Gris, Raoul Dufy, Fernand Léger, Henri Rousseau und Albert Gleizes; schliesslich kommen auch Francis Picabia, Jean Metzinger, Piet Mondrian und eben die Delaunays dazu. Sie nahmen mit ihrem Wagemut die turbulente Kunstentwicklung des 20. Jahrhunderts vorweg.

«Bar jeder Vernunft»

In der Basler Schau, die in präzise gesetzten Schritten die Epoche zwischen 1906 und 1917 durchmisst, erscheint fast jeder Raum in einem anderen Farbklang. Dabei werden die Bilder und Räume nicht etwa durch Kunstlicht eingefärbt. Meist nutzen die Museumsleute das Oberlicht, das im zweiten Geschoss des Neubaus zur Verfügung steht und die Ölgemälde zum Leuchten bringt. In zwei, drei Sälen werden die Schotten aber auch dichtgemacht, damit nicht zu viel Licht auf kostbare Aquarelle oder Zeichnungen gelangt, die sonst ausbleichen würden.

Die Bilder bestimmen die Farbvaleurs der Räume. Es beginnt mit steinernen Skulpturen von André Derain und einem männlichen Kopf aus dem Spanien des 11. Jahrhunderts sowie einer Holzstatue und einer -maske aus Afrika. Denn Picasso und Braque bezogen ihre Gestaltungsideen nicht aus dem gediegenen Formenvokabular der Klassik, sondern aus einer als primitiv bezeichneten Kunst, wie sie in Afrika oder im europäischen Mittelalter praktiziert worden war.

Das, was sie schufen – zum Beispiel der massive und überaus muskulöse «Grosse Akt» von Georges Braque mit seiner ge­radezu barocken Freude an Kurven –, erhielt wie so oft in der Kunstgeschichte von einem der schärfsten Kritiker seinen Namen. Kubismus war in den Augen des Kunstkritikers Louis Vauxcelles, dem dieser Begriff als Stilbezeichnung zu verdanken ist, ganz und gar abschätzig ­gemeint («Es handelt sich um Kanakenkunst, bar jeder Vernunft»).

Im zweiten Raum der Ausstellung werden die Besucher zu einem Spaziergang im Grünen eingeladen, denn sowohl Picasso als auch Braque versuchten sich auf den Spuren eines Paul Cézanne als Landschaftsmaler, türmten Häuserdächer zu Pyramiden und zerstückelten Wälder und Felder, wie wenn sie die Welt nur noch durch ein die Lichtwellen rhythmisch brechendes Prisma wahrnähmen. Der erhabene Blickfang in diesem Raum ist das monumentale, erstaunlich flächig aufgefasste Stillleben «Pain et comptoir aux fruits sur une table», das dem Kunstmuseum Basel gehört.

Eine geradezu kirchliche Stimmung kommt hier auf.

Und schon betreten wir das Heiligtum des Kubismus. Hier sind wir umgeben von Bildern von Frauen und Männern, die unter den analytisch sezierenden Pinselstrichen von Picasso und Braque praktisch alles Individuelle verloren haben. Sie haben sich aufgelöst in ein Meer von Kuben und geometrischen Figuren, wurden zerlegt in beige, graue, braune, weisse, manchmal auch bläuliche Flächen, die sich meist im Zentrum des Bildes ballen und zum Bildrand hin ausfransen.

Eine geradezu kirchliche Stimmung kommt hier auf, denn auch rund hundert Jahre nach ihrer Entstehung ist diese Kunst einfach zum Niederknien. Obwohl sie überhaupt nicht religiös konnotiert ist, scheint sie auf vergeistigte Weise an die innersten Dinge zu rühren. Wie Kapellen wirken die zwei benachbarten Räume, in denen das Beste vom Besten, das Braque und Picasso zwischen 1910 und 1912 schufen, einen konzentrierten Auftritt hat. Zu sehen sind etwa der «Mann mit Pfeife» aus dem Kimbell Art Museum in Fort Worth oder die «Akkordeonspielerin» aus dem Guggenheim-Museum in New York, beide von Picasso. Und auch in diesen Räumen sind die Basler Sammlung und das Centre Pompidou, wo im letzten Herbst eine umfassendere, aber auch etwas ausufernde Version der Ausstellung zu sehen war, überaus präsent.

Musiker, Frauen, Alkoholgläser oder -flaschen standen am Anfang dieser Gemälde, in denen die Künstler das Reale im intimen Rahmen ihres Ateliers verrätseln und zerlegen und damit dem, was die Welt zusammenhält, auf die Spur kommen. Die Bilder aus dem Kunstmuseum Basel – man denke an Braques «Der Portugiese», «Krug und Violine» oder an Picassos «Der Aficionado» – werden in der erlauchten Gesellschaft von Meisterwerken aus aller Welt nur noch grösser.

Ein Gesicht wird übermalt

Den Schatz an Schlüsselwerken aus jener Zeit hat das Museum dem Basler Bankier Raoul La ­Roche zu verdanken, den man als den bedeutendsten Sammler dieser Kunstrichtung bezeichnen kann. Er lebte in Paris in einer Villa von Le Corbusier und schenkte einen Grossteil seiner Sammlung dem Kunstmuseum Basel, aber auch dem Musée nationale d’art moderne, dem Musée des Beaux Arts in Lyon und dem Kunsthaus Zürich.

Sehr schön, dass man in Basel auch das enigmatische Bildnis der Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein zeigen kann – ein Jahrhundertbild aus dem Metropolitan Museum of Art in New York –, das Picasso schon 1906 gemalt hat. Mehr als ein halbes Jahr hat er daran gearbeitet, Gertrude Stein sass stunden-, tage-, ja wochenlang Modell, nur um miterleben zu müssen, dass der Künstler ihr Gesicht unzählige Male übermalte und es schliesslich zu einer undurchdringlichen, kubistischen Maske erstarren liess.

Das Bild lädt zu einem letzten Zwischenhalt, bevor die atemberaubende, von Eva Reifert kuratierte Ausstellung aufbricht ins Offene, Bunte und unerhört Freie: Braque, Picasso und Gris taten sich nach ihren asketischen Anfängen mit unzähligen spielerischen Collagen und Bricolagen hervor, in denen sie das Flächige des Bildes zur Skulptur erweiterten und wunderschöne und ganz neuartige Objekte schufen.

Sonia und Robert Delaunay, Fernand Léger und Jean Metzinger eroberten dann mit Bildern wie «Der Bullier-Ball», «Hommage an Blériot», «Häuser zwischen Bäumen» oder «Tänzerin in einem Café» dem Kubismus die Farbe, was in den zwei letzten Räumen der Ausstellung mit einem bunten und stürmischen Bilderreigen gefeiert wird, der einen so wohlgemut stimmt, dass man beschwingt das Museum verlässt.

Die Ausstellung dauert bis 4. August 2019.

Erstellt: 29.03.2019, 06:12 Uhr

Artikel zum Thema

Auf dem Weg in den Kubismus

Die Fondation Beyeler zeigt, wie Picasso eine völlig neue Malerei entdeckt. Eine Schau der Superlative. Und die wohl teuerste, die in der Schweiz je zu sehen war. Mehr...

Wie die Kunst Körper zerlegt

Erst blau, dann rosa und ocker, am Schluss ganz bunt: Paris zeigt zwei grosse Ausstellungen über Picasso und den Kubismus, die später in die Schweiz kommen.  Mehr...

Kubismus, hinreissend dynamisch

Elan und Kraft, Flugzeuge und Eiffeltürme, die zum Himmel stürmen: Das Kunsthaus Zürich zeigt eine grosse Retrospektive zum Werk Robert Delaunays. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...