Aufwachsen im Überlebensmodus

Compton ist Mörderkapitale der USA und Umschlagplatz des Drogenhandels. Doch trotz des üblen Rufs arbeitet eine neue Generation von Lehrern und Politikern an der Wende zum Besseren.

Vieles ist besser geworden in Compton, doch noch immer ereignet sich in dem südlichen Vorort von L. A. alle 17 Tage ein Mord. Foto: Kevork Djansezian (Getty)

Vieles ist besser geworden in Compton, doch noch immer ereignet sich in dem südlichen Vorort von L. A. alle 17 Tage ein Mord. Foto: Kevork Djansezian (Getty)

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Mitte August in Compton. An der Centennial High School, wo einst einige der brutalsten Gangschlachten ausgetragen wurden, beginnt das neue Schuljahr. 1200 Schülerinnen und Schüler wollen sich einschreiben. Fast alle leben in Familien mit sehr tiefen Einkommen, ohne staatliche Sozialzuschüsse geht es meist nicht. Weisse Gesichter sind keine zu sehen. Zwei Drittel der Bevölkerung dieser Stadt mitten in Los Angeles sind Latinos, ein Drittel sind Afroamerikaner.

Englischlehrer Regis Inge hat seine erste Lektion minutiös vorbereitet. Beginnen wird er das Schuljahr mit Fotos: Das erste zeigt ein Latinamädchen mit zehn Geschwistern in einem baufälligen Haus. Auf dem zweiten Bild ist ein Latino allein auf einer dunklen Strasse zu sehen. Auf dem dritten tanzt ein spärlich bekleidetes afroamerikanisches Mädchen neben einem weissen Porsche. «Das vierte Bild ist der Schocker», sagt Inge. «Es zeigt einen jungen Schwarzen im Gefängnis. Die Schüler werden still, schauen nur und warten.» Jetzt ist es an ihm, zu erklären.

«Ich will die Schüler aufs Leben vorbereiten. Und dies sind die Bilder, die sich die Welt von Compton macht. Gangs, Drogen, Prostitution, Gewalt. Die Welt macht sich ein falsches Bild.» Er warnt: «Die Welt erwartet, dass ihr diese Stereotype einlöst. Doch wenn ihr das tut, so werdet ihr jung sterben oder im Gefängnis enden.»

20-jährig, 119 Jahre Haft

Die erste Lektion wirkt nicht immer. Das war schon 1986 so, als die Hip-Hop- Crew N.W.A ihre Karriere begann. Und es ist 2015 noch immer so. Ein junger Schwarzer hat ein hohes Risiko, gewalttätig zu werden oder zu sterben. Obwohl die Mordrate innert zehn Jahren um fast die Hälfte gesunken ist, ist Compton eine brutale Stadt geblieben. Alle 17 Tage ereignet sich ein Mord, die meisten Fälle werden nie aufgeklärt. Lehrer Inge hat die düstere Seite der Stadt mehrmals selber gesehen. Einer seiner besten Schüler wuchs in einer ruppigen Nachbarschaft auf. «Seine Gegend war von Gangs verseucht. Er geriet in eine Schiesserei und tötete selber. Vor Gericht wurden ihm weitere Delikte angehängt. Mit 20 Jahren wurde er zu 119 Jahren Haft verurteilt.»

Das hätte nicht sein müssen. Aus dem Gefängnis schrieb der Schüler und sagte, er habe nie ein Vorbild gehabt. Ohne Lebensberater sei es ihm nie möglich gewesen, aus der Gang auszubrechen. In den düstersten Stunden vor etwa 30 Jahren zählte Compton mehr als 200 Gangs. Die meisten gehörten entweder zu den Bloods oder den Crips. Die beiden «Super-Banden» kontrollierten seit den 60er-Jahren den Drogenhandel in Los Angeles und trugen jahrelang mörderische Verteilkämpfe aus, meistens sogar in Schulen wie der Centennial High School, wo unter anderem Dr. Dre oder der neue Rapstar Kendrick Lamar zur Schule gingen. Schulen waren nicht Schulen, sondern geschützte Kampf­zonen der Gangs. Die Rapper rund um N.W.A. hatten dies und die Brutalität der Polizei zum Thema gemacht.

Mitleid und Selbsthass

Vieles ist besser geworden. Die Schulen wurden von den Gangs befreit. Ein ungelöstes Problem ist aber der soziale Druck, den die Gangs in den Quartieren ausüben. Er macht die Jungen hart. Er stumpft sie ab und nimmt ihnen die Hoffnungen. «Junge Schwarze kommen nicht aus Compton heraus. Sie werden isoliert, weil sie in ihrer Hood, ihrer Nachbarschaft, hängen bleiben», sagt Chris Smith. Er ist 25 Jahre alt, war ein talentierter Baselballspieler und wurde von den New York Yankees unter Vertrag genommen. Doch nach zwei Saisons kehrte er zurück und ist heute Footballcoach in Los Angeles.

Er habe die Chance gehabt, die Welt zu sehen, meint er. Das habe ihm die Augen geöffnet. Als Coach wolle er diese Erfahrung weitergeben. Er will verhindern, dass die Jungen enden wie sein älterer Bruder. Der sitzt eine lebenslange Haftstrafe ab. Weshalb, will Smith nicht sagen, er spricht nur von «vielen bösen Dingen» und wendet den Blick ab. Sein bester Freund wurde von der Polizei erschossen. «Grundlos», sagt er.

«Die Kids wachsen in einem Überlebensmodus auf. Compton darf nur der Startpunkt sein. Du musst weg hier, sonst bleibst du in diesem Kreislauf von Mitleid und Selbsthass stecken.» Auch Chris Smith: Wenn er Familie hat, möchte er wegziehen. Vielleicht nach Long Beach oder weiter unten an die Küste. Aber nicht nach Hollywood, das nur 15 Minuten entfernt liegt. Der Grund ist simpel. «Hollywood hatte die Hände im Spiel, als die Rapper Compton zur Gangster-Hochburg machten. Ich bin hier gross geworden und habe viel Scheisse gesehen.»

Aber so wie die Rapper der ersten Generation die Stadt darstellten, sei es nie gewesen. Ice Cube, eines der rappenden Gesichter von N.W.A., stammte gar nicht aus Compton. Smith selber hört lieber Kendrick Lamar, der 28-jährige Rapper hat im Frühling sein drittes Album veröffentlicht. «To Pimp a Butterfly» kam in den USA und Grossbritannien an die Spitze der Hitparade, und Smith hält es für das beste, ehrlichste Werk eines ­Hip-Hop-Künstlers aus Compton. «Ohne stupides Machogehabe.»

«Du musst weg hier, sonst bleibst du in diesem Kreislauf von Mitleid und Selbsthass stecken.»

Lamar war ein guter Schüler, erinnert sich Inge. Wie viele junge Schwarze brauchte er einen Anstoss von aussen, um seine Fähigkeiten zu entwickeln. Inge war sein Englischlehrer und ermunterte ihn, sein Umfeld so persönlich wie möglich zu beschreiben. Mit 16 Jahren machte Lamar daraus sein erstes Mixtape: «Youngest Head Nigga in Charge».

Junge Schwarze werden oft ohne ­Vater gross. Tanten und Grossmütter sind ihre wichtigsten Bezugspersonen. Latinas und Latinos wachsen oft in Familien auf, in denen beide Eltern arbeiten müssen. Geschwister übernehmen deshalb früh schon die Verantwortung. Brenda Cadeñas ist als Dreijährige mit ihrer Familie aus Mexiko nach Los Angeles gekommen. Ihr Vater brauchte Arbeit und verdient nun einen Minimallohn als Chromer für Autos, die Mutter arbeitet bei McDonald’s. Brenda hat ihre jüngere Schwester Cynthia mitgebracht, um sie für das neue Schuljahr anzumelden. «Ich bin wie Eltern für meine Schwester. Ich muss für sie sorgen.»

Die Schwestern halten sich an den Händen und scheinen bedrückt. «Wir möchten weg aus Compton. Unser Vermieter ist gemein. Wir möchten studieren.» Brenda hofft, Ärztin zu werden «oder halt Krankenschwester». Ob es dazu reicht, ist ungewiss. Sie muss an fünf Nachmittagen dazuverdienen. «Ich verkaufe Cupcakes. Sie sind wirklich gut.» Wie viel sie verdient, will sie nicht sagen. Es sei «sehr, sehr wenig». Ihre Schwestern sind gute Schülerinnen. Doch fehlt es am Nötigsten. Die Hausaufgaben müssen sie zuweilen bei Kerzenschein schreiben, wenn der Strom wegen unbezahlter Rechnungen wieder mal abgestellt wurde. Die 20-jährige Brenda sagt, Compton habe sie zu früh zur Erwachsenen werden lassen. «Manchmal wäre ich gerne einmal ein Kind.»

«Ich bin wie Eltern für meine Schwester. Ich muss für sie sorgen.»

Der Long Beach Boulevard schneidet Compton in zwei Teile. Links ist Stammgebiet der Crips, rechts haben die Bloods das Sagen. «Dies ist eine Strasse ohne Liebe», erklärt der 24-jährige Cameron Bell. «Siehst du diese Tankstelle da drüben? Die wird von den Crips kontrolliert. Wenn du zu den Bloods gehörst, füllst du den Wagen nicht dort auf, wenn du keine Probleme willst. Deine Tankstelle ist hier.» Er spielt «Keisha’s Song» von Kendrick Lamar am Autoradio. «Keisha arbeitete hier. Es ist ihr Song, ihr Leben.» Der Strich an dieser öden, von Tankstellen, Nail Salons, Liquor Shops und Billigmotels gesäumten Strasse wurde vor zwei Jahren zum nationalen Skandal, hatten die Pimps doch minderjährige Mädchen angeboten.

Solche Erfahrungen und seine eigene Geschichte als «Bad Ass Kid», wie er selbst sagt, führten Cameron Bell nach der Schule in eine neue Richtung. Er besuchte ein Priesterseminar der Church of God, einer evangelikalen Freikirche. An sich hätte er eine Basketball-Karriere in Aussicht gehabt, doch verlor er ein Stipendium, «weil ich meinen Zorn nicht im Griff hatte». Seine Familienverhältnisse waren schwer. «Meine Mutter gab sich Mühe, aber sie förderte mich nicht. Mein Vater war ein Verlierer, ein Freeloader.» Cameron Bell ist nun geweihter Priester und auf Vortragstournee durch die USA. Er sagt, dass ein Onkel erschossen worden sei und er nicht so enden wolle. «Ich habe den Ruf Gottes gehört. Ich kann nun mir selber und anderen helfen. Das ist mein Daseinsgrund in der Welt.»

Das Überleben in Compton hängt von einigen elementaren Regeln ab. Zum Beispiel: Ein junger Schwarzer setzt unter keinen Umständen je einen Fuss in ein Fast-Food-Restaurant. Er fährt im Wagen ins Drive Thru und bestellt dort. Denn im Restaurant könnte ein Mitglied einer anderen Gang sitzen. «Das kann in einer Schiesserei enden», sagt Bell. Eine andere Regel: keine schnellen Bewegungen und unbedachten Worte im Umgang mit der Polizei. «Die Cops haben genauso Angst vor mir wie ich vor ihnen», sagt Bell. «Aber sie haben eine Waffe und ich nicht. Wenn sie die zücken, bin ich tot.»

Die Rolle der Immobilienhändler

Compton war in den 50er-Jahren ein weisser Vorort. Dann zogen mehr und mehr Afroamerikaner zu, weil die Häuser erschwinglich waren. Die Immobilienhändler begannen, die Stadt in «gute» und «schlechte» Quartiere zu teilen und damit die Rassentrennung aktiv voranzutreiben: «Ihre miese Rolle kann gar nicht überschätzt werden», erklärt Albert Camarillo, Geschichtsprofessor an der Stanford-Universität. «Sie hielten die Schwarzen aus den meisten Quartieren fern. Als aber doch Schwarze und Latinos zuzogen und die Trennung nicht mehr zu halten war, empfahlen die Händler den Weissen, so rasch wie möglich zu verkaufen.» Damit wurde im ­Immobilienmarkt eine Preisspirale nach unten in Gang gesetzt. Es folgte die Erosion der Steuern, Compton verarmte.

Eine neue Generation von Politikern unter der Führung der nur 32-jährigen Bürgermeisterin Aja Brown will diese Verarmung stoppen. Sie versucht, die ­attraktive Lage der Stadt nahe von Down­town L. A. für einen wirtschaftlichen Neustart zu nutzen. Aja Brown spricht vom «Brooklyn des Westens» und glaubt, Compton ähnlich stark wie den New Yorker Stadtteil entwickeln zu können. So hohe Ziele haben Politiker in Compton seit Jahren nicht mehr verfolgt. «Ich hoffe, sie schafft es», sagt Englischlehrer Inge. «Aber am Schluss müssen wir uns alle selber helfen.»

Erstellt: 26.08.2015, 18:38 Uhr

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